Forscher sagen Meeresspiegelanstieg für 2.000 Jahre voraus – Seite 1

In Folge der globalen Erwärmung wird der Meeresspiegel ansteigen. Darin sind sich Wissenschaftler weltweit einig. Zuletzt war sogar zu lesen, dass er schneller steige als gedacht. Doch um wie viele Meter genau?

Eine neue Prognose, die jetzt im Magazin Proceedings of the National Academy of Science (PNAS) erschienen ist, kommt auf einen Meeresspiegelanstieg von durchschnittlich 2,3 Metern für jedes Grad Celsius, um das sich die Erde im Mittel erwärmt. Das Besondere: Die Forscher um Anders Levermann vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung wagen dabei eine Vorhersage für die kommenden 2.000 Jahre.

Der Weltklimarat (IPCC) geht bislang von einem Meeresspiegelanstieg von 59 Zentimetern innerhalb der kommenden knapp 90 Jahre aus – ein Zeitraum, auf den üblicherweise auch Deiche und andere Küstenschutzmaßnahmen ausgerichtet sind. "Aber bei 59 Zentimetern hört der Meeresspiegel nicht auf zu steigen, sondern er steigt auch nach 2100 unaufhaltsam weiter – es sei denn, die Temperatur fällt", sagt Levermann, der am kommenden IPCC-Bericht mitarbeitet.   

Wie sicher sind die Daten?

"Das ist ein plausibles Ergebnis. Meiner Einschätzung nach kann man den Wert allerdings nicht so genau bestimmen", sagt der australische Ozeanograf John Church, der das Meeresspiegelkapitel des IPCC leitet und an der in PNAS veröffentlichten Studie nicht beteiligt war.

Für die neue Berechnung haben Levermann und seine Kollegen erstmals physikalische Modelle für alle vier Hauptursachen des Meeresspiegelanstiegs – also die Gletscherschmelze, das sich ausdehnende Ozeanwasser, das Abrutschen der Eismassen der Antarktis und die Eisschmelze in Grönland – kombiniert. Diese verglichen sie mit historischen Meeresspiegeldaten aus früheren Warmzeiten der Erde. Wie sich der Meeresspiegel im Laufe der Erdgeschichte verändert hat, weiß man unter anderem aus Sedimentproben vom Meeresgrund und vergangener Uferlinien.

Eisverlust der Antarktis wird ein Hauptfaktor werden

Das neue Klimamodell ergab außerdem, dass sich das Verhältnis, in dem verschiedene Ursachen zum Meeresspiegelanstieg beitragen, verändern wird. "Während die Wärmeausdehnung des Meeres und das Abschmelzen von Gebirgsgletschern heute die wichtigsten Ursachen für einen Anstieg der Meere sind, werden die grönländischen und antarktischen Eisschilde in den nächsten 2.000 Jahren zu den dominierenden Faktoren", schreiben die Forscher in einer Pressemitteilung zur Studie. Die Hälfte dieses Anstiegs werde künftig vermutlich durch Eisverluste in der Antarktis verursacht. Gegenwärtig tragen sie zu weniger als zehn Prozent zum globalen Meeresspiegelanstieg bei.

Auch wenn die neue Studie bisherigen IPCC-Berechnungen nicht widerspricht, zeigt sie eine langfristige Entwicklung auf, die heute im Küstenschutz noch nicht berücksichtigt wird. Gehen die Treibhausgas-Emissionen so weiter wie bisher, könnte der Meeresspiegel demnach in den kommenden 2.000 Jahren um knapp acht Meter im Durchschnitt ansteigen.

Deutsche Deichbauer rechnen mit anderthalb Metern

Deiche werden in der Regel aber nur für eine Lebensdauer von rund 100 Jahren geplant. "Die Berechnungen beziehen sich üblicherweise auf den Zeitraum bis 2100. Dabei orientieren sie sich zwar an den Aussagen des IPCC, nutzen aber vor allem ihre eigenen regionalen Daten für die Projektionen", sagte Geograf Achim Daschkeit vom Umweltbundesamt ZEIT ONLINE. 

Ein halber Meter Klimazuschlag

In Schleswig-Holstein verstärken Landesschutzdeiche die Küstenlinie an Nord- und Ostsee entlang von 430 Kilometern. "Wir gehen davon aus, dass es 0,5 bis 1,4 Meter Meeresspiegelanstieg geben kann", sagte Jacobus Hofstede, Geograf am dortigen Landesministerium. "In der Konsequenz fügen wir bei der Bemessung der Deichhöhe einen Klimazuschlag von 0,5 Metern hinzu und flachen die Deichböschung ab. Dadurch besteht – quasi als Baureserve – später die Möglichkeit, noch eine Deichkappe von einem Meter Höhe aufzusetzen." Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern planen mit einem geringeren Anstieg.

"Dass der IPCC im nächsten Bericht mit seinen Vorhersagen über anderthalb Meter hinaus geht, halten wir eigentlich für ausgeschlossen. Das sind wenige sehr hohe Vorhersagen einzelner Wissenschaftler. Sollte der IPCC wider Erwarten auf zwei Meter Meeresspiegelanstieg nach oben korrigieren, dann müssten wir neu überlegen. Durch Klimazuschlag und Baureserve hätten wir genügend Zeit für diese Überlegungen", sagt Hofstede.

Nachrüsten ist teuer

Zwar lassen sich Deiche nachträglich verstärken, doch das ist teurer, als sie von Anfang an höher zu bauen. Auf eine auf den Meter genaue endgültige Prognose können Deichbauer ohnehin nicht hoffen. Auch wenn Klimamodelle die Tendenz der Entwicklung vorhersagen können, werden sie im Detail auch künftig immer wieder unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen, je nachdem welche Annahmen getroffen, Parameter berücksichtigt und Messdaten einbezogen werden.   

Die neue Studie untermauert jedoch deutlich, dass der Meeresspiegelanstieg und seine Folgen noch Generationen von Menschen betreffen werden, vor allem, wenn sie weiterhin in Küstennähe bauen. "Es wird eine Anpassung geben müssen", sagt Klimaforscher Levermann.