So weit, so gut, leider hapert es noch an mehreren Stellen. Ein Manko ist die Zuverlässigkeit. Beim Barcoding analysiert man nur die DNA der Mitochondrien. Die Energielieferanten kommen in jeder Zelle hundertfach vor. Da sie ihr eigenes Erbgutmolekül besitzen, ist die Gewinnung und Analyse unkompliziert.

Allerdings gehören Mitochondrien mit 37 nur mütterlicherseits vererbten Genen, nicht zu dem Teil des Zellkerns mit dem größten DNA-Abschnitt. Die Untersuchung mitochondrialer DNA könnte man mit der Betrachtung einer einzelnen Szene aus einem gesamten Film vergleichen. Sie verrät einiges, aber längst nicht alles. Die Identifikation von jungen Arten, kaum älter als eine Million Jahre, fällt beispielsweise schwer. In ihren Mitochondrien stecken zu wenige Differenzierungsmerkmale für eine genaue Unterscheidung. "Mit dem Barcoding können wir nicht die gesamte Vielfalt des Lebens abbilden", sagt auch Ahrens.  

Genauere DNA-Analysen kosten deutlich mehr Geld und Zeit. Die größere Hürde für den Einsatz des Barcodes im Alltag ist aber auch hier der bisher bescheidene Umfang der Datenbank. In Deutschland wurden erst knapp 17.000 Barcodes von 5.500 Arten gesammelt. Das entspricht etwa sieben Prozent aller Arten. Weltweit ist die Quote noch niedriger. 

Unter Taxonomen ist das Barcode-of-Life-Projekt wegen solcher Mängel umstritten. Einige fürchten angesichts der neuen Technologie aber auch um ihre Daseinsberechtigung. Ängste, die eng mit Forschungsgeldern verknüpft sind. Förderungen für rein taxonomische Projekte seien oft nur schwer zu beschaffen, klagen einige. Für genetische Forschung fließe mehr – so ein häufig geäußerter Vorwurf. In Deutschland wird der Barcode of Life beispielsweise mit fünf Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.   

Streit um Forschungsgeld

Die größten Fehler wurden aber wahrscheinlich in der Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Forschungsdisziplinen gemacht. Anfangs feierten gerade Genetiker den Barcode of Life als neue Wunderwaffe, kurz darauf belegten Studien die Grenzen. "Wir haben zu wenig miteinander geredet. Die klassische Taxonomie soll durch neue Ansätze nicht ersetzt werden, es geht vielmehr um eine Arbeitserleichterung", sagt Rulik.  

Dass Tiere und Pflanzen bestimmt werden, ist außerdem nicht nur Selbstzweck, um das Wissen über irdisches Leben zu mehren. Andere Disziplinen – wie etwa die Ökologie – sind darauf angewiesen, mit sicheren Daten zu arbeiten. Ökologen erforschen zum Beispiel, wie sich Veränderungen der Umwelt auf Organismen auswirken. Ist bei so einer Forschung schon die untersuchte Art falsch bestimmt, können ganze Feldstudien wertlos werden.

Langfristig wird eine Wertedebatte unter Taxonomen die Etablierung neuer Analysetechnologien kaum aufhalten, denn die langfristige Perspektive liegt auch außerhalb der puren Erfassung des irdischen Lebens. Bauern könnten dann mit mobilen Geräten schon auf dem Feld Schädlinge bestimmen und gezielt bekämpfen. Kriminaltechniker könnten anhand der Profile zermatschter Insekten auf der Windschutzscheibe rekonstruieren, wo ein Verdächtiger wann und zu welcher Jahreszeit mit seinem Auto gefahren sein muss. Lebensmittelkontrolleure könnten per Tricorder Pferdefleisch in der Lasagne aufspüren – und Commander Spock sähe dagegen ganz schön altbacken aus.