Es ist gefährlich, diesen Text zu lesen. Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre nicht erschienen. Während Zigarettenpackungen davor warnen, dass Rauchen der Gesundheit schadet, müsste der Warnhinweis für diesen Artikel lauten: Lesen kann den Klimaschutz gefährden. Es geht um etwas, dass viele Menschen falsche Schlüsse ziehen lässt: wissenschaftliche Unsicherheit.

Der heute erschienene erste Teil des neuen Sachstandsberichtes des Weltklimarates IPCC ist in vielen Details gespickt davon. Darin haben Klimaforscher zusammengetragen, was die physikalischen Grundlagen des Klimawandels sind – und wie sich das Klimasystem verändern wird.

In jedem Sachstandsbericht geben die Klimaforscher zu ihren Prognosen an, wie gewiss es ist, dass sie sich bewahrheiten. ZEIT ONLINE hat visualisiert, welches die am häufigsten gebrauchten Worte im IPCC-Bericht sind: Neben den inhaltlichen Ausdrücken wie "climate change" oder "temperature" gehören Begriffe, die Wahrscheinlichkeiten ausdrücken, zu den meist genannten. Statt Prozentzahlen benutzen die Forscher dafür umschreibende Formulierungen wie beispielsweise "likely", die einer Spannbreite von Wahrscheinlichkeiten entsprechen, in diesem Fall 60 bis 100 Prozent.

Diese Vorgehensweise hat dem Weltklimarat in der Vergangenheit viel Kritik eingebracht: Klimaskeptiker nutzten diese Angaben, um den (menschengemachten) Klimawandel zu leugnen, andere unterstellten dem IPCC, zu vorsichtig zu sein. Leser, Zuschauer oder Zuhörer verstehen wissenschaftliche Unsicherheiten oft falsch: als Zeichen mangelnder wissenschaftlicher Qualität oder als Rechtfertigung, noch nicht handeln zu müssen – und infolge dessen verliert Klimawandel an Bedeutung und Klimaschutz oder die Anpassung an den Klimawandel an Dringlichkeit.

Wichtig ist, was jeder selbst zu spüren bekommt

"Viele Menschen kennen keine Strategien, damit systematisch umzugehen", sagt Torsten Grothmann, Psychologe am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg. "In der Konsequenz entsteht ein Gefühl von Überforderung und Menschen flüchten sich in Abwehrstrategien wie Wunschdenken – 'Das wird schon nicht so schlimm' – oder Verleugnung – 'Die Wissenschaftler übertreiben'."

Eine Studie zeigt: Wer glaubt, dass Wissenschaft absolute und eindeutige Wahrheiten zu liefern hat, der engagiert sich weniger für den Schutz des Klimas. Bei Teilnehmern der Untersuchung, die Wissenschaft als einen Diskussionsprozess zwischen verschiedenen Modellen der Wirklichkeit verstehen, zeigte sich ein umgekehrtes Bild: Je unsicherer wissenschaftliche Daten dargestellt wurden, desto höher war die Bereitschaft, für den Klimaschutz aktiv zu werden.

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Unabhängig vom Wissenschaftsverständnis, ist der Klimawandel aber grundsätzlich schwierig zu erfassen. Die meisten Menschen erfahren die schleichende Erderwärmung nicht am eigenen Leib. Was man selbst nicht zu spüren bekommt, erscheint auch weniger wichtig. Allerdings lesen, schauen und hören viele Menschen Nachrichten: Wer etwa erfährt, der Klimawandel verstärke extreme Wetterlagen, schließt mitunter daraus, dass die Welt hier ein Problem hat. Trotzdem neigen wir dazu, eher auf unsere persönlichen Erfahrungen zu vertrauen. Weil Erfahrungen und unsere Motivation eng miteinander verknüpft sind, sind viele Menschen weniger bereit, etwas gegen die Folgen des Klimawandels zu unternehmen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre Vertrauen, sagt der Psycholohe Grothmann. "Ich selbst verstehe die Klima- und Klimafolgenmodelle meiner Kollegen nach wie vor nicht im Einzelnen, weil mir dafür das Studium fehlt. Aber ich habe großes Vertrauen in die Kollegen und ihre Arbeit, sodass ich ihren Ergebnissen glaube, auch wenn mir meine persönlichen Erfahrungen mitunter einreden, dass das mit dem Klimawandel doch gar nicht so schlimm sein kann."

Unsicherheit zu verschweigen ist keine Option

Ein solches Vertrauen in seine Arbeit genießt der Weltklimarat längst nicht mehr von allen Menschen: "Seit seinem letzten Bericht bewegt sich der IPCC in einem problematischen Umfeld", sagt Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschafts-, Krisen- und Risikokommunikation an der Universität Zürich. "Einerseits ist das selbstverschuldet: Als Fehler zur Gletscherschmelze im Himalaya bekannt wurden, war die Krisenkommunikation denkbar schlecht. Das hat den IPCC viel Glaubwürdigkeit gekostet." Andererseits sei die Klimadebatte stark polarisiert – "die Fronten zwischen Klimaskeptikern und den IPCC-Forschern sind verhärtet".

Da ist es immer schwierig, wenn über Unsicherheiten gesprochen wird. Sie deswegen zu verschweigen, ist keine Option. Kommunikationswissenschaftler und Psychologen empfehlen etwas anderes: Nicht von Unsicherheiten zu sprechen, sondern Risiken abzuwägen und Vorsorge-Strategien zu benennen. Also etwas tun, was viele aus dem Alltag kennen – beispielsweise in der Altersvorsorge oder einer Hausratsversicherung. Schon junge Menschen legen Geld für das Alter an, um nicht in die Armut zu rutschen. Und ganz gleich, wie klein das Risiko ist, das eigene Haus einmal in Flammen stehen zu sehen, sind wir bereit, uns für den Fall der Fälle abzusichern.

Was gegen Risikosprache spricht

"Viele IPCC-Autoren interessieren sich schon dafür, eine Risiko-Sprache öfter zu verwenden, vor allem wenn es darum geht, Entscheidungsträgern unterschiedliche Optionen zu präsentieren", sagt James Painter. Der Professor für Journalistik an der Universität Oxford untersucht in seinem Buch, wie Wissenschaft und Medien Klimawandel kommunizieren. "In den vergangenen Jahren wurde das schon berücksichtigt. Beispielsweise im Extremwetter-Bericht des IPCC aus den Jahren 2011/2012: das Wort 'Risiko' kam 19 Mal in der Pressemitteilung vor. Manche Wissenschaftler sind aber auch zurückhaltend – aus nachvollziehbaren Gründen." 

Sie argumentieren, dass das Wort Risiko "ein qualitatives Urteil beinhaltet, obwohl sie sich mehr mit einer neutralen quantitativen Einschätzung befassen", sagt Painter. Daher nutzte etwa die Arbeitsgruppe 1 im neuen Sachstandsbericht des IPCC nicht die Risikosprache, sondern die neutralere Sprache von Wahrscheinlichkeiten. Der Bericht der Arbeitsgruppe 2, in dem es um die Auswirkungen des Klimawandels geht, könne mehr Risikosprache enthalten.