Schweißtropfen perlen an Zhou Yongs Schläfe hinab, während er auf sein weißes iPhone-Imitat blickt und mit dem Finger über den Bildschirm wischt. Der 19-Jährige lehnt an einem riesigen Müllsack, vollgestopft mit leeren Plastikflaschen.

Um ihn herum stapeln sich Pappkartons. Fernseher, Boxen, Metallstangen, Styropor, Regenschirme und ein Wok sind über den Bürgersteig verstreut. Es ist das Eigentum von Yongs Familie. Ihr Müll, ihr Alltag, ihr Geschäft: Sie kaufen ihn günstig ein, sammeln und sortieren ihn, um ihn letztendlich mit Profit an großen Müllumschlagplätzen zu verkaufen. "Mal machen wir 100 Yuan (umgerechnet 12,50 Euro) Gewinn am Tag, manchmal aber auch nur 50 Yuan.

Edelstahl zum Beispiel bringt sehr viel", sagt Yong und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Seit vier Jahren lebt Familie Zhou vom Müll. Entweder werden sie angerufen, um Müll abzuholen oder Leute liefern ihnen den Müll direkt auf den Gehsteig vor ihrer Wohnung. Sie sind vom Land in die Stadt gezogen. Von der Nachbarprovinz Anhui nach Shanghai. Sie waren Bauern und sind jetzt Müllsammler. 

"Die vielen Müllsammler in der Stadt sind momentan wichtig", erklärt Huang Wenfang, Professorin für Umweltwissenschaften an der Fudan-Universität in Shanghai. "Denn nur durch sie finden überhaupt Mülltrennung und Recycling statt." Auf lange Sicht jedoch sei Recycling durch einzelne Müllsammler keine nachhaltige Lösung. "Wenn wir eine umweltfreundliche Wirtschaft in China aufbauen wollen, brauchen wir auch ein umfassendes Müllmanagement. Müllsammler könnten darin integriert werden, indem sie in Zukunft zum Beispiel Lizenzen erhalten und für die Stadt sammeln. So könnte auch eine nachhaltige Weiterverwertung der Wertstoffe garantiert werden. Momentan wissen wir nämlich nicht, was mit dem Müll später passiert."

Aich Yong und seine Eltern wissen nicht, was ihre Abnehmer mit dem Müll machen. Für sie ist es ein Geschäft – und sie sind das kleinste Glied in dieser Wertschöpfungskette.

Yong schiebt einen Schraubenzieher zwischen Edelstahl und Metall, versucht die beiden Materialien eines Spültisches zu trennen, denn für getrennte Wertstoffe gibt es mehr Geld. Um ihn herum liegen ein Ofen, Küchenschränke und Stühle – das ausgemusterte Inventar eines Restaurants. Ein Glücksfall für Familie Zhou. "Gestern haben wir einen Anruf bekommen und waren dann den ganzen Abend beschäftigt, die Möbel hierher zu schaffen", erzählt Yong.

Für gute Beute macht Yong die Nacht durch

Der 19-Jährige ist die ganze Nacht wach geblieben und hat die Möbel des Restaurants bewacht, damit sich andere Müllsammler nicht daran vergreifen. "Ich habe mich heute Morgen nur kurz ausgeruht, aber ich bin ja noch jung, da kann man schon mal eine Nacht auf Schlaf verzichten", sagt Yong, grinst und arbeitet weiter.

Auf zehn Quadratmetern lebt er mit seinen Eltern und seinem Bruder, der nicht Müllsammler ist, sondern Kellner. "Es macht mir nichts aus, mit Müll zu arbeiten. Es gibt gutes Geld. Oft verdiene ich sogar mehr als mein Bruder und ich kann mir meine Zeit frei einteilen."

Mit Müll kann man in China also Geld verdienen. Das ist auch der Grund dafür, dass Millionen von Müllsammlern wie Yongs Familie sich dieser Berufsgruppe angeschlossen haben. Darum, die Umwelt zu schützen oder Ressourcen zu sparen, geht es nicht.

"Die breite Masse der Chinesen hat noch kein Bewusstsein für Mülltrennung und Recycling. Die Leute sind nicht bereit dazu, sie haben keine Motivation", erklärt Frau Hao, Projektmanagerin für die Nichtregierungsorganisation Aifen. Die NGO hat seit 2009 mehrere Umweltbildungsprogramme gestartet und gemeinsam mit der Stadtregierung Bezirke ausgewählt, in denen Mülltrennung erprobt wird. Dort gibt es nicht nur eine Tonne für alle Abfälle, sondern es stehen bis zu neun Mülltonnen nebeneinander, für Plastik, Papier, Glas und andere Wertstoffe. Der sortierte Müll wird dann von Firmen abgeholt und recycelt.

"Seit diesem Jahr haben wir in Shanghai elf Testbezirke, aber die Sensibilität für Mülltrennung entwickelt sich nur sehr schleppend. Viel zu oft landet der Abfall in der falschen Tonne. Es gibt für die meisten Anwohner keinen Anreiz, sich darum zu scheren. Ohne weitgreifende Gesetze und Regulierungen von Seiten der Regierung wird sich die Situation nicht ändern."