ZEIT ONLINE: Herr Kirchinger, ab dem 1. April soll mit dem Dorf Tamura in Japan erstmals ein Ort wieder bewohnt werden, der in der 20 Kilometer Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi liegt. Am 11. März 2011 war es durch ein Erdbeben zu einem GAU an dem AKW gekommen. Die Strahlenbelastung für die Menschen, die nun dorthin zurückkehren sollen, liege nach Einschätzung der Behörden unterhalb von 20 Millisievert pro Jahr. Was bedeutet diese Zahl?

Werner Kirchinger: Das ist eine Angabe zur effektiven Strahlendosis. Sie fasst verschiedene Messwerte zu einer Einheit zusammen, mit der man grob das Krebsrisiko durch die Strahlenbelastung abschätzen will. Entscheidend ist, wie stark und wie lange Zellen durch radioaktive Strahlung geschädigt werden. Deshalb wird eine Dosis pro Jahr als Grenzwert festgelegt, der ein Mensch höchstens ausgesetzt sein darf. So soll das Risiko abgeschätzt werden, dass ein Mensch aufgrund der radioaktiven Strahlung an einem bösartigen Tumor sterben könnte oder seine Nachkommen Erbschäden haben.

ZEIT ONLINE: Sind 20 Millisievert viel oder wenig?

Kirchinger: Der Wert wäre vergleichbar mit dem Grenzwert, der für Radiologen in Deutschland gilt, die etwa beim Röntgen radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Sie dürfen ebenfalls maximal 20 Millisievert pro Jahr abbekommen und über das ganze Leben gerechnet nicht mehr als 400 Millisievert.

ZEIT ONLINE: Heißt das, dass die Japaner, die jetzt in die Sperrzone zurückkehren, keinem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt sind?

Kirchinger: Die 20 Millisievert als Grenzwert sind so berechnet, dass sie meilenweit von tatsächlichen Risiken entfernt sind. Wir haben Erfahrungswerte, zum Beispiel von Aufräumarbeitern in Tschernobyl, und da war zu sehen, dass bei einer Jahresdosis von 200 Millisievert und mehr die Leukämiefälle sich häuften. Der Grenzwert ist also um den Faktor zehn niedriger. Trotzdem können wir für den Einzelfall nicht ausschließen, dass jemand in Folge einer niedrigeren Strahlendosis an einem Tumor stirbt. Solche Einzelfälle gehen im statistischen Rauschen unter. 

ZEIT ONLINE: Darf man denselben Grenzwert auf Kinder und Erwachsene anwenden?

Kirchinger: Kinder sind strahlenempfindlicher als Erwachsene. In Deutschland dürfen sie maximal einen Millisievert zusätzlich zur natürlichen Strahlungsbelastung abbekommen, also ungefähr drei bis vier Millisievert pro Jahr – und nicht 20. Für sie ist der japanische Grenzwert also eigentlich zu hoch. Vom deutschen Standpunkt aus würde man diese zusätzliche Belastung für Kinder vermeiden wollen und keine Familien dorthin zurückkehren lassen.

ZEIT ONLINE: In den Tagen, nach dem es am AKW zur Kernschmelze gekommen war, weil nach dem Beben die Kühlung ausfiel, trat radioaktives Jod 131 aus. Das gilt als besonders gefährlich, da es von der Schilddrüse direkt aufgenommen wird, es hat aber nur eine Halbwertszeit von rund acht Tagen. Was für Strahlung ist jetzt noch übrig und wie gefährlich ist die?

Kirchinger: Was da noch an Strahlung ist, kommt hauptsächlich durch die Gammastrahler wie Cäsium 137 und Cäsium 134 zustand. Diese Nuklide haben Halbwertszeiten von rund 30 Jahren. Dementsprechend ist es wichtig, langfristig das Risiko durch Dekontamination zu minimieren, was ja geplant ist.

ZEIT ONLINE: Was wird zur Dekontamination gemacht?

Kirchinger: Pflanzen und Bäume, die dort wachsen, müssen abgeholzt und entsorgt werden, genauso müssen die oberen Bodenschichten entfernt werden. Wenn man die Häuser von Radionukliden reinigen will, spritzt man sie mit Wasser ab und sammelt nachher dieses Wasser auf, oder man nutzt spezielle Stoffe, die den radioaktiven Staub binden. Anschließend muss das Wasser oder der verklebte Staub ebenfalls sicher entsorgt werden.

ZEIT ONLINE: Was kann der Einzelne tun, um die eigene Strahlenbelastung zu verringern?

Kirchinger: Das Wichtigste ist, auf die Lebensmittel zu achten, also beispielsweise nicht den Kohlkopf aus dem Garten hinter dem Haus zu ernten und zu essen. Die Japaner gehen da sehr vorbildlich vor und sorgen dafür, dass möglichst keine Lebensmittel aus belasteten Gebieten in die Supermärkte kommen.