Steve Wakefield, Chef der Feuerwehr in Crescent City © Steffi Dobmeier

Steve Wakefield vergleicht seine Stadt mit zwei Magneten. Die liegen vor ihm auf dem Tisch im Hafen-Restaurant Northwoods. Ein großer Magnet in kantiger Hufeisenform und ein kleiner runder. "Der hier", sagt Wakefield und nimmt den großen Magneten in die Hand, "ist der Hafen in der Stadt." Er greift zu dem kleinen Magneten, der an einen Eishockey-Puck erinnert. "Und der hier ist ein Tsunami." Der Leiter der Feuerwehr in der kleinen Stadt legt die Magnete zurück. Klack. Der große hat den kleinen Magneten an sich gezogen. "So funktioniert Crescent City."

Die nördlichste Stadt in Kalifornien zieht Tsunamis an wie keine andere in den USA. Die meisten Wellen, die auf dem Pazifik entstehen, wenn es am Meeresgrund bebt, rollen bis hierher. Chile, Alaska, Japan – egal, wo die Erde schwankt. Einige Tsunamis fluten Crescent City. Die meisten zerstören den Hafen, reißen die Boote von den Docks, werfen sie um und brechen die Stege. "Das passiert ständig", sagt Wakefield.

Crescent City – Stadt des Halbmonds heißt die Stadt. Die Küste liegt sichelförmig am Wasser. Ein guter, ein idyllischer Ort für einen Hafen, für die Boote, die hier liegen. An guten Tagen schaukeln die Kutter kaum. Und wenn die Fischer mittags vom Meer zurückkommen, sind die Boote voll mit Lachs und Shrimps.

Doch das Wasser ist seicht und Strömungen ziehen Wellen an wie die Magnete. "Die Topografie des Meeresgrunds kann Tsunamis in eine bestimmte Richtung steuern und die Kräfte verstärken, die sich nach und nach aufbauen", sagt Dennis Powers. Er hat ein Buch über den Tsunami von 1964 geschrieben. Es war der schlimmste, den Crescent City je erlebt hat, so verheerend wie kein anderer an der US-amerikanischen Westküste.

Genau 50 Jahre ist das her. Feuerwehrmann Steve Wakefield war damals neun. Niemand habe gewusst, was genau ein Tsunami tatsächlich anrichten könne und was zu tun sei, wenn die Wellen kämen, sagt er. "Es gab schon vorher immer mal wieder kleine Wellen, aber keine, die so schlimm war."

© ZEIT ONLINE

Am Karfreitag 1964, dem 27. März, bebte die Erde in Alaska, etwa 120 Kilometer östlich von Anchorage. Die Hauptstadt und ein paar andere Städte wurden verwüstet, mehr als 100 Menschen starben. Das Erdbeben löste einen Tsunami aus, der sich nach Süden ausdehnte. Erst traf er auf die kanadische Küste, dann auf die der USA. Kurz nach Mitternacht am 28. März fluteten mehrere Wellen Crescent City.

Fast 300 Geschäfte riss das Wasser fort, der Hafen verwandelte sich in ein Trümmerfeld, Öltanks an der Küste standen in Flammen. Etwa 30 Häuserblocks waren anschließend unbewohnbar. Elf Menschen starben, die meisten wurden vom Sog der zurückweichenden Wassermassen aufs Meer gezogen, zusammen mit Autos, Fassaden, Fenstern, Bäumen, Booten. Niemand hatte mit der Katastrophe gerechnet.

Fünf Jahrzehnte später ist Crescent City als Come-Back-Town bekannt. Drei Jahre brauchten die Bewohner nach dem verheerenden Oster-Tsunami, um sich wieder aufzurappeln. Seither spülte es knapp ein Dutzend Tsunamis an Land. Doch nun ist die Stadt vorbereitet: Der Hafen wurde vertieft, damit das Wasser nicht mehr so hochschwappt, es gibt einen Schutzwall aus Steinen und riesige Zementklötze, die die Kraft des Wassers brechen sollen. Einige Bewohner setzen sich für den Bau einer Art Schleuse am Hafeneingang ein, die bei Gefahr Wellen aufhalten soll. Doch bisher gibt es dafür kein Geld.