ZEIT ONLINE: Herr Nakamura*, seit wann arbeiten Sie im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi?

Satoshi Nakamura: Mit 20 habe ich dort als Angestellter angefangen. Inzwischen bin ich verheiratet, habe Kinder und bin Mitte 30. Auch als das Erdbeben passierte, war ich gerade im Reaktorgebäude Eins. Ich war mit Kontrollarbeiten beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Könnten Sie schildern, was genau an diesem Tag rund um Sie herum geschah?

Nakamura: Erst fiel einem Kollegen auf, wie es anfing zu beben. Aber als er uns warnte, konnten wir schon nichts mehr machen. Wir standen auf einer Treppe, klammerten uns am Geländer fest und haben nur noch gewartet, dass dieses gewaltige Schütteln aufhört. Erst später dann sind wir wegen des drohenden Tsunamis auf eine Anhöhe geflohen und anschließend von unserem Chef nach Hause geschickt worden.

ZEIT ONLINE: Nach dem Beben sind Sie also erst einmal nach Hause geflohen.

Nakamura: Genau, weil die Reparaturarbeiten, die für diesen Tag angesetzt waren, nicht mehr durchzuführen waren. Die Lage wurde unsicher. Als dann der erste Reaktor explodierte, war ich zu Hause und habe das Ganze im Fernsehen gesehen. Wenig später bin ich mit meiner Familie ganz aus der Präfektur Fukushima geflohen.

ZEIT ONLINE: Obwohl das Gebiet stark radioaktiv belastet ist, sind Sie nicht nur privat nach Fukushima zurückgekehrt, sondern arbeiten inzwischen auch wieder in dem schwer beschädigten Atomkraftwerk. Was hat Sie dazu bewogen?

Nakamura: Ich hatte sogar eine Stelle in einem Atomkraftwerk außerhalb von Fukushima bekommen, aber irgendwann hat ein Bekannter gesagt, dass Tepco Leute für Fukushima Daiichi sucht. Der Betreiber-Firma gehen nämlich allmählich die erfahrenen Leute aus, die noch nicht die Belastungsgrenze an Strahlung überschritten haben. Und deshalb bin ich vor etwa einem Jahr zurückgekehrt.

Ich weiß, es klingt verrückt, aber in Daiichi zu arbeiten fühlt sich wie ein "Heimspiel" an.

ZEIT ONLINE: Sie hatten keine Angst?

Nakamura: Natürlich, habe ich anfangs gedacht: "Mein Gott, das ist Daiichi". Doch als ich dort ankam, da fühlte es sich für mich merkwürdigerweise wie ein "Heimspiel" an. Ich weiß, das klingt verrückt, aber ich habe hier ungefähr ein Jahrzehnt gearbeitet. Und so sehr sich der Ort verändert hat, ich kenne diesen Arbeitsplatz gut. Was mich erschreckt hat, ist, wie schnell man sich daran gewöhnt, mit einer Atemmaske zu arbeiten. Zu Beginn habe ich darüber gestöhnt, wie anstrengend das ist. Aber nach einem halben Jahr war es vollkommen normal.

ZEIT ONLINE: Und was haben Ihre Kinder und Ihre Frau zu diesem Schritt gesagt?

Nakamura: So eine Entscheidung kann man nicht einfach alleine treffen. Natürlich hatte meine Familie große Vorbehalte. Ich habe deswegen meinen Kindern und meiner Frau genau erklärt, was ich dort mache, wie ich das Risiko einschätze und dass ich dort nicht so viel Strahlung abbekomme, dass ich davon sofort krank werde.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist denn Ihre radioaktive Belastung?

Nakamura: In die wirklich stark radioaktiven Bereiche gehen wir von unserer Firma nicht rein. Das Maximum, das ich bisher abbekommen habe, das war an einem Tag eine Belastung von 1,2 Millisievert. Aber an anderen Tagen sind es nur 0,02 Millisievert. So auf den Monat gerechnet sind es wohl zwei bis drei Millisievert, die ich abbekomme.