Ein Mysterium aus der Tiefe, ein Schnarren, das nur im Winter in der Antarktis zu hören ist und dann wieder verschwindet: Das Geräusch Bio-Duck ist ein Rätsel, seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wer oder was dahinter stecken könnte. Am wahrscheinlichsten schien, dass ein Tier die Quelle des Geräusches ist, Beweise für die These gab es allerdings nicht.

Nun haben Wissenschaftler das Rätsel gelöst und den Verdacht bestätigt, der vielen als die wahrscheinlichste Lösung erschien: Der südliche Zwergwal ist verantwortlich für die mysteriösen Töne. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher heute in dem Journal Biology Letters (Risch, 2014).

Das Geräusch wurde zum ersten Mal in den 1960er Jahren von U-Booten der Oberon-Klasse aufgenommen. Die Techniker an Bord glaubten damals, das Schnattern einer Ente zu hören und tauften es Bio-Duck. Das Geräusch besteht aus einer Reihe von regelmäßigen Impulsen, die im Frequenzbereich von 50 bis 300 Hertz liegen. Zu hören ist es nur im antarktischen Winter und Frühling, dann ist es dort allgegenwärtig.

Symphonie im Ozean

Das Rätsel konnte nun gelöst werden, weil ein Forscherteam um die amerikanische Wissenschaftlerin Denise Risch zwei der südlichen Zwergwale mit einem Multisensor ausstattete. Mit einem Schlauchboot fuhren sie dafür im Februar vergangenen Jahres in die Wilhelmina Bay. Bei der Auswertung des Materials hörten die Wissenschaftler deutlich das mysteriöse Geräusch, und konnten es eindeutig den Zwergwalen zuordnen, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade knapp unter der Wasseroberfläche befanden.

Tatsächlich sind auf dem offenen Meer Tiere für den Großteil der Geräusche verantwortlich. Addiert man die Energie aller Töne, so ist der Gemeine Delfin die lauteste Art im Ozean, sagt Olaf Boebel vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

Über ein Unterwassermikrophon, ein sogenanntes Hydrophon, hören nicht nur U-Boote, sondern auch Forschungseinrichtungen oder das Militär den Meeresboden ab. Da sich im Wasser der Schall viel besser verbreitet als in der Luft, lassen sich die Geräusche auch über große Distanzen wahrnehmen. "Im Ozean kann es sehr leise sein", sagt Olaf Boebel, "aber es gibt Zeiten und Orte, da ist es akustisch ziemlich voll, wie bei einer Symphonie." Er leitet am AWI die Arbeitsgruppe Ozeanische Akustik. Dass der Zwergwal die Quelle von Bio-Duck sein könnte, hatten Boebel und Kollegen schon lange für möglich gehalten, Beweise gab es dafür bislang nicht.

Die Lösung des Rätsels bringt neue Erkenntnisse

Bio-Duck den Zwergwalen zuzuordnen hilft Wissenschaftlern, mehr über die Art an sich und ihre Ökologie zu erfahren: Zwergwale leben im offenen Wasser der Antarktis, die voller Eisberge und -schollen ist. Traditionelle Forschung per Schiff ist hier extrem teuer. Mit einem akustischen Fingerabdruck, wie es Bio-Duck nun ist, können Wissenschaftler nun bereits existierende Aufnahmen auswerten und so mehr über die Lebensgewohnheiten der Tiere erfahren. Die zweifelsfreie akustische Identifizierung hilft auch, zu erfassen, wie viele Zwergwale es überhaupt gibt.

Da die Population als relativ stabil gilt, konzentrieren sich japanische Walfänger auf die Zwergwale. "Die Zwergwale sind eine Symbolspezies des Walfangs", sagt AWI-Forscher Boebel. Deswegen sei wissenschaftliche Erkenntnis hier besonders gefragt.

Die Zwergwale verbringen die antarktischen Wintermonate von März bis September am Südpol. Die Sonne scheint in dieser Zeit gar nicht oder nur wenige Stunden am Tag. Bislang weiß niemand, wie die Tiere es schaffen, trotz Dunkelheit zu erkennen, wo das Eis gerade aufgebrochen ist. Die Tiere brauchen kleine Risse, um an die Oberfläche kommen zu können und Luft zu atmen. Auch wenn das Rätsel um Bio-Duck gelöst ist – ein Mysterium umgibt den Zwergwal noch immer.