Mit Leuchtsignalen blinken einsame Tintenfische potenzielle Partnerinnen an. In der Dunkelheit und Weite der spärlich bewohnten Tiefsee ist das die einzige Chance, ein Weibchen zu finden. Kein Sonnenlicht, kaum Sauerstoff, extreme Kälte – die unwirtlichen Bedingungen zwingen Tiere zu den erstaunlichsten Überlebensstrategien. Jetzt haben Biologen ein Oktopus-Weibchen dabei beobachtet, wie es 53 volle Monate sein Gelege bewachte und pflegte (Robison et. al, 2014).

Der außergewöhnliche Einzelfall könnte dem Begriff Dauerbrüter eine völlig neue Bedeutung verleihen. Eigentlich verstehen Biologen darunter Tiere, die sich zur jeder Zeit im Jahr fortpflanzen können und das auch immer wieder tun. Tiefsee-Tintenfische werden hingegen – nach allem, was man bisher weiß – nur einmal im Leben Eltern. Den Nachwuchs brütet das Weibchen alleine aus. Im jetzigen Fall brauchte die Oktopus-Dame der Art Graneledone boreopacifica dazu geschlagene viereinhalb Jahre: Weltrekord im Tierreich.


Dass sich Oktopusse in flachen Gewässern ein bis drei Monate Zeit für die Brutpflege nehmen, war bekannt. Wie es die Tiefsee-Vertreter halten, war jedoch ein Rätsel – bis jetzt. Mit einem ferngesteuerten U-Boot erkundeten Robison und sein Team den Monterey-Tiefseegraben vor der Küste Kaliforniens. Im April 2007 stießen sie dort erstmals auf das Graneledone-Exemplar. "Die Region ist dafür bekannt, dass sich Oktopus-Weibchen hier niederlassen, um zu brüten", schreiben der Studienautor Bruce Robison vom kalifornischen Monterey-Bay-Aquarium und seine Kollegen im Magazin Plos One. Langfristig beobachtet worden war das aber nicht. Und so regte sich unter den Forschern Hoffnung, als sie in 1.400 Metern Tiefe ein Weibchen zielstrebig auf einen Felsen zuwandern sahen.  

Die Eier stets fest umschlungen

Zu Recht: Als sie ihr ferngesteuertes Fahrzeug im Mai zurückschickten, saß das Tier auf einem Stein und beschützte einen Haufen Eier. Kontinuierlich versorgte die werdende Mutter ihre Sprösslinge mit sauerstoffreichem Wasser, hielt Ablagerungen wie feinen Sand von ihnen fern. Viereinhalb Jahre lang kehrten die Forscher regelmäßig zurück, jedes Mal fanden sie das Weibchen auf dem Stein, die rund 160 Eier von der Größe einer Olive fest umschlungen. Da diese mit den Monaten gewachsen waren, blieb für sie kein Zweifel, dass es sich um dieselbe Brut handelte.

Bemerkenswert zudem: In all den Jahren fraß das Weibchen wenig bis gar nichts und verfiel zusehends. Zwar schwammen Krabben und Schrimps in Reichweite, der Oktopus verscheuchte die Krustentiere aber bloß, kamen sie den Eiern zu nahe. Mit der Zeit blich das einst lilafarbene Tier immer weiter aus, bis es nur noch weiß aus der Dunkelheit hervorstach. Während des letzten Zusammentreffens mit den Forschern war sein Blick verschleiert, Pigmentstörungen zeichneten seine Arme und die Haut hing schlaff am geschrumpften Körper hinab.

"Unsere Beobachtungen zeigen, wie wichtig die elterliche Fürsorge ist, um die Jungen auf die Härte der Tiefsee vorzubereiten", sagt Robison. Auf der letzten Tauchfahrt zum Felsen im September 2011 sahen die Forscher im Licht der Scheinwerfer bloß zerbrochene Eierschalen; von der Mutter keine Spur. Zumindest scheint sich ihr Einsatz gelohnt zu haben.