Es ist eine der größten Naturkatastrophen des 21. Jahrhunderts. Am 26. Dezember 2004 löst ein gewaltiges Erdbeben im Indischen Ozean eine Kaskade von Flutwellen aus. Messgeräte zeichnen eine Magnitude von 9.1. auf – später revidieren Wissenschaftler sie auf 9.0. Neue Studien geben sie wieder höher an.

Diese wissenschaftlichen Feinheiten ändern an den verheerenden Auswirkungen nichts. Das durch den Erdstoß in Wallung gebrachte Wasser rast am zweiten Weihnachtstag vor zehn Jahren auf die Küsten zu, gefolgt von weiteren Beben und Tsunami-Wellen. 

Im Osten des Epizentrums werden Indonesien, Thailand und Malaysia ohne Vorwarnung von den Wassermassen getroffen – im Westen erreichen die Flutwellen Indien und Sri Lanka, überspülen die Malediven. Ihre zerstörerische Kraft reicht bis nach Somalia. Gut sechs Stunden braucht das Wasser vom ersten Beben bis an die afrikanische Küste. Zeit genug, die Menschen zu warnen, sollte man meinen. Doch weil es kein funktionierendes Warnsystem gibt, weder eingeübte Notfallpläne noch trainierte Katastrophenschützer, reißen die Fluten die Menschen auch Stunden nach dem ersten Beben ahnungslos in den Tod.

ZEIT ONLINE hat eine Chronologie der Ereignisse zusammen gestellt. Sie zeigt, was heute im Fall eines Megabebens im Indischen Ozean anders wäre.

Zu den Uhrzeiten und dem genauen Ablauf der Tsunami-Katastrophe gibt es widersprüchliche Quellen. Wir beziehen uns hier im Wesentlichen auf Angaben aus Nature news, der US-Behörde für Ozeanografie NOAA, der Weltgesundheitsorganisation WHO, sowie auf Daten, die dem GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) vorliegen, das in Indonesien ein Tsunami-Frühwarnsystem aufgebaut hat.

1.59 Uhr (MEZ) – die Erde bebt

Etwa 250 Kilometer süd-südöstlich der indonesischen Stadt Banda Aceh, im Meer vor der Insel Sumatra, erschüttert ein Erdbeben den Meeresboden. Es ist eines der stärksten Beben, das je auf der Welt gemessen wurde. Bis an Land ist es spürbar. Auf Sumatra werden Häuser, Brücken, Strom- und Telefonleitungen zerstört.

2.30 Uhr – Erste Tsunami-Wellen treffen auf die Küste

Eine halbe Stunde später treffen bis zu 20 Meter hohe Wellen auf Sumatras Nordküste und die Nikobaren. Die Menschen ahnen in diesem Moment nichts. In der halben Stunde seit dem Beben hat sie keine Warnung erreicht. Forscher im Tsunami-Frühwarnzentrum von Hawaii (PTWC) – ziemlich am andern Ende der Erde – wissen zu diesem Zeitpunkt bereits von der Schwere des Erdbebens und  versuchen, Behörden in den Küstenstaaten des Indischen Ozeans zu erreichen. Schon acht Minuten nach den Beben hatten ihre Instrumente Alarm geschlagen. Doch weil es in den gefährdeten Regionen am Indischen Ozean keine klaren Ansprechpartner für die ausländischen Forscher gibt, keinen einstudierten Ablaufplan, wie man die Bevölkerung informieren sollte, versickert das Wissen um die heranrollende Gefahr.

Das Wasser strömt bis zu sieben Kilometer ins Landesinnere Sumatras. Viele Menschen wissen nicht einmal, was gerade geschieht, und dass sie ins Landesinnere, nach oben fliehen sollten. Drei Monate später wird die WHO von 121.000 Toten und knapp 114.000 Vermissten berichten

Heute hätte das Warnzentrum in Jakarta, das nach der Katastrophe von 2004 mit deutscher Unterstützung aufgebaut wurde, drei Minuten nach der ersten Erschütterung das Erdbeben registriert, weitere zwei Minuten hätte es gedauert, bis die Rechner eine Tsunami-Warnung ausgegeben hätten. Bis die ganze Warnkette an die Strände und in die Dörfer hinein durchlaufen ist, dauert es mittlerweile nur noch fünf bis zehn Minuten.

Entstehung eines Tsunamis © ZEIT ONLINE

3.00 Uhr – Wellen erreichen Thailand und Malaysia

Eine gute Stunde ist seit dem ersten Beben vergangen. Weitere kleinere Beben haben mittlerweile den Indischen Ozean erschüttert. Tsunami-Wellen erreichen die Küsten von Thailand und Malaysia und reißen Tausende Menschen, darunter viele Touristen, mit sich. Mehr als 5.000 Menschen sterben, die meisten in Thailand. Der beliebte Urlaubsort Khao Lak in Thailand wird besonders schwer getroffen. Viele Anwohner und Urlauber sehen regungslos zu, wie sich das Wasser am Strand plötzlich zurückzieht – ein Vorbote der heranrasenden Tsunami-Wellen. Doch sie wissen es nicht zu interpretieren, viele machen noch Fotos, filmen das Naturschauspiel. Minuten später werden sie fortgerissen.

Mit mehr als einer Stunde Vorlauf hätten die Thailänder mit einem Frühwarnsystem, wie es heute existiert, sicherlich weniger Tote zu beklagen. Die Chancen stünden gut, dass nach einem schweren Beben eine Warnung die Menschen dort genauso schnell erreicht wie in Indonesien.

4.00 Uhr – Wellen erreichen Sri Lanka

Eine Stunde später erreichen die Wellen Sri Lanka, schätzungsweise 30.000 Menschen sterben dort in den Fluten oder an den Folgen der Zerstörung. Myanmar und Bangladesch werden ebenfalls getroffen, aber mit geringeren Folgen: Dort kommen 61 Menschen ums Leben.

Auch diese Länder werden heute von dem Frühwarnsystem aus Indonesiens Hauptstadt mit Informationen versorgt. Wird in der Zentrale in Jakarta ein Beben registriert, das gefährliche Flutwellen ausgelöst haben könnte, werden spätestens nach zehn Minuten alle Länder um den Indischen Ozean informiert. Es ist dann eine nationale Aufgabe, diese Information an die Bevölkerung weiterzugeben. Das funktioniert zehn Jahre nach dem Sumatra-Beben unterschiedlich gut.

4.30 Uhr – Indien wird getroffen

An der Südostküste Indiens sterben mehr als 9.500 Menschen in Folge des Tsunamis. Heute könnten viele gerettet werden. Indien betreibt inzwischen ein eigenes Tsunami-Frühwarnzentrum namens ITEWS mit Sitz in Hyderabad. Es wurde in Folge des Tsunamis vom zweiten Weihnachtstag 2004 errichtet und 2006 in Betrieb genommen. Anfänglich gab es vor allem bei der Kommunikation an die Bevölkerung Pannen.