Der Maikäfer an sich hat derzeit einiges vor: sich paaren, viel fressen, Eier ablegen – und wenige Wochen später sterben. Dabei sorgt das Krabbelvieh in Südbaden gehörig für Unruhe. Am Kaiserstuhl-Mittelgebirge nahe Freiburg heißt es: Maikäfer gegen Landwirte, Landwirte gegen Maikäfer, Tierschützer gegen Landwirte. Denn um dem Schädling Herr zu werden, lassen die Behörden ein Insektizid von einem Hubschrauber versprühen. Notwendiges Übel oder übertriebene Maßnahme?

"Viele denken, wir würden pauschal Gift verteilen", sagt Michael Glas, der den Einsatz leitet. "Doch wir sind uns durchaus bewusst, dass wir es hier mit einem wichtigen Naturschutzkleinod zu tun haben." Alles laufe äußerst kontrolliert ab. Glas ist beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg zuständig für Pflanzengesundheit und mit seinen Kollegen vom Land Baden-Württemberg beauftragt, sich der Maikäfer anzunehmen. Seit mehr als zwanzig Jahren erlebt er die Maikäferflüge in Süddeutschland – und beobachtete damit auch die Rückkehr der Insekten.

Die Käfer waren hierzulande zwischenzeitlich nämlich stark bedroht. Der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie dem Insektizid DDT in der Landwirtschaft hatte die Populationen seit den fünfziger Jahren deutlich zurückgehen lassen. 1970 war der Blatthornkäfer fast verschwunden. Und so sang Liedermacher Reinhard Mey 1974 wehmütig das Käferrequiem Es gibt keine Maikäfer mehr. Von wegen.

Der Maikäfer darf nicht vespern, wie er mag

"An manchen Abenden in den vergangenen Jahren war der Himmel schwarz vor Käfern", sagt Glas. Es ist der Höhepunkt des Käferlebens, der Hauptflug, in einem sich alle drei Jahre wiederholenden Kreislauf: Jeden April schwärmen die Käfer aus auf der Suche nach Fraßbäumen, auf denen sich speisen und begatten lässt. Nach erfolgreicher Paarung legt das Weibchen des Feldmaikäfers seine Eier in den sandigen Boden des Kaiserstuhls – dort, wo auch Reben und Obstgehölze wachsen. Wenige Wochen später schlüpfen die Engerlinge, die sich zweieinhalb Jahre lang von den Wurzeln der Pflanzen ernähren, bis sie den Boden als Käfer verlassen und losfliegen. So weit, so gut. Weil auf dem Speiseplan damit aber auch die Pflanzen der Weinbauern stehen, darf der Käfer nicht vespern, wie er am liebsten mag.  

In den Bäumen am Waldrand, an Eichen, Buchen oder Obstbäumen des Kaiserstuhls, trifft sich der Maikäfer von heute am liebsten. Hier kommt das biologische Insektizid Neem-Azal T/S in Spiel, das auch in der ökologischen Landwirtschaft zugelassen ist. "Dass wir den Käfer hier konzentriert versammelt haben, ist praktisch", sagt Michael Glas. So können gleich mehrere Fraßbäume von unten behandelt und aus der Luft mithilfe eines Hubschraubers besprüht werden.

Das Insektizid ist ein Fraß- und kein Kontaktgift, die Käfer fallen also nicht sofort tot von den Bäumen. Stattdessen hemmt Neem-Azal T/S bei den Tieren, die die behandelten Blätter fressen, den Fraßtrieb und die Reifung der Eier. "Letztlich geht es darum, die Zahl der Engerlinge im Boden zu reduzieren", erklärt Glas. So werden im laufenden Jahr weniger Weinpflanzen verputzt und in den Folgejahren gibt es weniger Käfer. Akzeptabel seien ein bis zwei Engerlinge pro Quadratmeter, das sei inzwischen die Regel im Kaiserstuhl. Viel mehr sind es derzeit auch nicht. "Aber wir hatten schon 30 bis 40 Stück pro Quadratmeter", sagt Glas.

Insgesamt wird in Südbaden derzeit eine Fläche von rund 240 Hektar mit Neem-Azal T/S behandelt. Baum und Boden werden laut Glas dabei nicht geschädigt. Auch Vögel, die einen vergifteten Käfer fressen, hätten nichts zu befürchten. Zudem lassen die Käfer-Bekämpfer geschützte Flächen von der Giftdusche aus.