Auch Gutsch von Parley for the Oceans hält Plastik für einen Designfehler. "Aber wir haben heute die Situation, dass die gesamte Modeindustrie abhängig von synthetischen Materialien ist. Das kriegen wir nicht über Nacht aus dem System", sagt er. Das Recycling ist für ihn eine Zwischenlösung. Sie soll verhindern, dass noch mehr neues Plastik produziert wird und der Berg nicht verrottenden Mülls weiter wächst. In Kooperation mit Adidas, sagt Gutsch, werde auch erforscht, wie sich das Mikroplastik aus dem Abwasser von Haushalten und Industrieanlagen herausfiltern lässt. Auch wollten die Kooperationspartner Garne entwickeln, die beim Waschen möglichst wenig Fasern verlieren und langfristig einen umweltfreundlicheren Rohstoff entwickeln.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht das Recycling von Ozeanplastik vorsichtig optimistisch. "Die Initiative von Adidas und Parley for the Oceans kann als ein Schritt in die richtige Richtung gesehen werden, vorausgesetzt, alle Beteiligten nehmen die Sache ernst", sagt Manfred Santen von Greenpeace. Allerdings lägen ihm bisher zu wenige Informationen vor, um die Aktion abschließend zu beurteilen. 

Noch ist zum Beispiel nicht bekannt, welchen ökologischen Fußabdruck das Recycling von Meeresplastik hinterlassen wird. "In der Regel haben Textilien, die auf recycelten Materialien basieren, eine bessere Ökobilanz als herkömmliche Textilien", sagt Malte Kolb, Analyst bei der Agentur für Nachhaltigkeitsrating Oekom Research. "Die Verwendung von Plastik aus den Meeren ist aber eventuell anders gelagert."

Es sei notwendig, den gesamten Lebenszyklus des recycelten Ozeanplastiks zu analysieren und ihn mit dem von anderen Materialien zu vergleichen. Unter anderem müsse geklärt werden: Wie wird das Plastik eingesammelt? Was stoßen die dafür benötigten Schiffe und Filteranlagen an Schadstoffen aus? Wie ressourcenintensiv ist der Herstellungsprozess? Wie langlebig sind die Produkte?

Zumindest über das effiziente Sammeln des Mülls scheinen sich Parley und Adidas Gedanken gemacht zu haben. "Wir arbeiten an Vereinbarungen, wie wir Leerfahrten von Speditionen nutzen können, um den Plastikmüll zu transportieren", sagt Gutsch von Parley. Ein weltweites Netzwerk von Freiwilligen sammelt das menschengemachte Treibgut an Stränden in Australien, Amerika und Hawaii, demnächst auch auf den Malediven, in Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern. "Das sind Gruppen, die über die letzten Jahre gewachsen sind, sich vor Ort sehr gut auskennen und wissen, wo die Verschmutzung am schlimmsten ist", sagt Gutsch. Per Container gelangt der Müll dann in Recycling-Einrichtungen in Amerika, China und Indonesien, wo er sortiert, gewaschen und zu kleinen Flocken verarbeitet wird, aus denen dann Fasern hergestellt und Garne gesponnen werden.

Den Ruf recycelter Kunststoffe verbessern

Adidas verwendet in seinen Produkten bereits recyceltes Plastik – bloß nicht aus den Weltmeeren. Der Aufwand bei der Aufbereitung des Meeresplastiks sei mit dem anderer Recycling-Prozesse vergleichbar, sagt Gutsch. Zudem könne der Kunststoff aus dem Meer helfen, den Ruf von Recycling-Plastik zu verbessern und die Aufmerksamkeit auf das Problem lenken.

Die Verwendung des unerwünschten Treibguts hat noch einen weiteren Effekt: Unabhängig davon, wie viel Müll letztlich recycelt wird, unterstützt Adidas die Sammlung des Plastiks mit Geld und öffentlicher Aufmerksamkeit. "Wir sammeln, so viel wir können. Unser Ziel sind 10.000 Tonnen in diesem Jahr", sagt Gutsch. Und Denninger von Adidas ergänzt: "Diese Clean-up-Aktivitäten sollen auch für Konsumenten und Mitarbeiter geöffnet werden, sodass jeder durch die Auswahl seiner Kleidung aber auch durch tatkräftige Unterstützung mithelfen kann."