Das schwerste Erdbeben seit fünf Jahren hat die Küste Chiles erschüttert. Gebäude in Santiago de Chile gerieten um 19.45 Uhr Ortszeit ins Wanken, Bewohner rannten auf die Straßen. Nach ersten Erkenntnissen wurden dabei acht Menschen getötet, ein Mensch wurde noch vermisst. Etwa eine Million Küstenbewohner mussten wegen Tsunami-Gefahr ihre Häuser verlassen. Am Mittag deutscher Zeit wurde der Tsunami-Alarm aufgehoben.

Experten korrigierten mehrfach ihre Messwerte zur Stärke des Bebens: Das seismologische Institut des Landes gab schließlich den Wert 8,4 auf der Richterskala an. Das Pazifik-Zentrum für Tsunamiwarnungen (PTWC) hatte zuvor 8,3 gemessen, die US-Erdbebenwarte USGS 7,9. Das Hauptbeben ereignete sich dem USGS zufolge 55 Kilometer vor der Küste in Höhe der Kleinstadt Illapel, die knapp 280 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago liegt. Zudem gab es vier weitere Beben, das stärkste von diesen erreichte eine Stärke von 7,6. Auch in Buenos Aires und mehreren argentinischen Provinzen war das Beben zu spüren. 

Für die gesamte Pazifikregion von Chile über Peru bis Ecuador sowie für Hawaii und Südkalifornien hatten die Behörden einen Tsunami-Alarm herausgegeben, der bereits am Morgen in einigen Teilen wieder zurückgenommen wurde. In Chile sei mit bis zu drei Meter hohen Wellen zu rechnen, hatte das Katastrophenschutzamt gewarnt. Der chilenischen Marine zufolge trafen bis zu 4,5 Meter hohe Flutwellen die Küstenstadt Coquimbo. Angaben über mögliche Opfer oder Schäden machte sie zunächst nicht.

Chiles Innenminister Jorge Burgos ordnete daraufhin Evakuierungen in der ganzen Küstenregion an. "Die Bevölkerung an der Küstenlinie soll die Sicherheitszonen aufsuchen", informierte der nationale Katastrophenschutz im Nachrichtendienst Twitter.

Auch der Flughafen der Hauptstadt Santiago wurde evakuiert. Gleiches galt für den in der Hafenstadt Valparaíso sitzenden chilenischen Kongress. In Illapel hielten etliche Lehmhäuser der Wucht des Bebens nicht stand. Bürgermeister Denis Cortes berichtete im Gespräch mit dem TV-Sender 24 Horas zudem von einem Stromausfall im Ort. "Wir haben große Angst. Unsere Stadt ist in Panik", sagte Cortes. In der Hafenstadt Valparaíso verbrachten viele Menschen die Nacht sicherheitshalber unter freiem Himmel.

Präsidentin Michele Bachelet wollte im Laufe des Tages mit der Gesundheitsministerin und dem Verkehrsminister in die am stärksten getroffene Region Coquimbo reisen. In einer Pressekonferenz warnte sie zugleich vor weiteren Nachbeben. Daher müsse die Lage "von Minute zu Minute" überprüft werden. Bachelet sagte, es habe einen Tsunami gegeben, zuletzt seien die Wellen aber schwächer geworden. Das Auswärtige Amt in Berlin rief Reisende in Chile auf, wegen des Erdbebens den Anweisungen der örtlichen Behörden "unbedingt Folge zu leisten".

Chile gehört zu den erdbebenanfälligsten Ländern der Welt. Denn direkt vor der Küste kollidiert die tektonische Nazca-Platte mit der kontinentalen Südamerika-Platte und drückt so die Anden-Gebirgskette in höhere Lagen. Um den Pazifischen Ozean herum liegt ein Gürtel aus etwa 450 aktiven Vulkanen, der als Pazifischer Feuerring bezeichnet wird. Er ist etwa 40.000 Kilometer lang und wie ein Hufeisen geformt. Hier treffen verschiedene Platten der Erdkruste aufeinander. Es kommt zu tektonischen Verschiebungen und Verwerfungen, die Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis zur Folge haben.

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Das Beben war das sechststärkste in der Geschichte Chiles und das stärkste seit einem Erdstoß der Stärke 8,8 und einem nachfolgenden Tsunami mit mehr als 700 Toten im Jahr 2010. Damals wurden 220.000 Häuser zerstört, Hafenanlagen und Badeorte fortgespült. Die Tragödie hatte tiefgreifende politische und praktische Auswirkungen: Sowohl gegen Erdbeben als auch gegen Tsunamis wappnete sich der Andenstaat mit verbesserten Alarmsystemen. Auch das stärkste je registrierte Beben der Welt ereignete sich in Chile. Ein Erdstoß der Stärke 9,5 riss 1960 mehr als 5.000 Menschen in den Tod. 1939 starben 28.000 Menschen nach einem Beben der Stärke 7,8.