Es ist die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. Ein ganzer Fluss, mehr als 800 Kilometer lang, verseucht. Fünf Wochen ist es jetzt her, dass im Bundesstaat Minas Gerais ein gigantisches Staubecken mit giftigen Rückständen aus dem Eisenerzabbau barst. Der mit Schwermetallen belastete Schlamm ergoss sich in den Rio Doce – von seinem Quellgebiet bis zur Atlantikmündung und begrub ein ganzes Dorf unter sich.

Die "größte Umweltkatastrophe Brasiliens" – auch Umweltministerin Izabella Teixeira bezeichnete das Unglück so drastisch. Ein Superlativ, der vermuten lassen sollte, dass jetzt umfassende Untersuchungen laufen, Aufklärung und Rettungsmaßnahmen. Doch nichts dergleichen passiert gerade. Stattdessen: Lügen, Schweigen und Ablenkungsmanöver. Am morgigen Samstag wird nun eine UN-Delegation ins Unglücksgebiet reisen auf der Suche nach Antworten.

Weitere Dämme sind einsturzgefährdet

Brasiliens Öffentlichkeit bekommt davon bisher keine. So lässt sich nicht sagen, warum das Rückhaltebecken der Germano-Mine in der Gemeinde Mariana brach. War es Überfüllung, Manipulationen am Rückhaltebecken oder ein leichtes Erdbeben, wie die Betreiberfirma Samarco behauptet? Genauso wenig ist bekannt, wie giftig der Schlamm tatsächlich ist, von dem laut Samarco 55 Millionen Kubikmeter austraten. Dabei kann jedes kleine Labor Wasser auf Schwermetalle prüfen – normalerweise dauert so etwas wenige Stunden. In Brasilien? Dauert es offenbar mehr als einen Monat.

Die Lage am Unglücksort ist längst nicht unter Kontrolle. Zwei weitere zur Germano-Mine gehörende Dämme sind in einem kritischen Zustand. In ihrem Fall gibt Samarco als Grund Überlastung an. Weil der Weltmarktpreis für Eisenerz zuletzt stark gefallen war, erhöhte Samarco 2014 die Eisenerzförderung, um die Verluste auszugleichen.

Dass man dabei mehr Abfallschlamm produzierte als für die Rückhaltebecken zu verkraften gewesen wäre, ignorierte das Unternehmen. Wie nun herauskommt, gab Samarco neun Monate vor dem Desaster die Befüllung des Unglücksreservoirs gegenüber der Staatlichen Stiftung für Umwelt von Minas Gerais mit lediglich 45 Millionen Kubikmetern an. Dabei hatte es bereits ein Volumen von 55 Millionen Kubikmetern erreicht. 

Journalisten wurden an der Arbeit gehindert

Wie wenig für die Glaubwürdigkeit der Firma spricht, die zu gleichen Teilen dem größten Minenkonzern Brasiliens, Vale, und dem britisch-australischen Minengiganten BHP Billiton gehört, zeigt sich auch daran, dass nach dem Unglück Journalisten vom Ort des Geschehens ferngehalten und besonders kritische Frager von Pressekonferenzen ausgeschlossen wurden.

Was man weiß: Aus dem geborstenen Reservoir ergoss sich am Nachmittag des 5. November eine Schlammlawine, begrub zunächst das Dorf Bento Rodrigues unter sich, tötete mindestens 15 Menschen (vier werden noch vermisst). Der Schlamm, der einer gelatineartigen Masse gleicht, floss durch Wälder, Täler und Bäche und gelangte schließlich über Zuläufe in den Fluss Rio Doce (siehe Fotogalerie).

Die Wasserversorgung einiger Hunderttausend Menschen entlang des Stroms wurde unterbrochen, in einigen Ortschaften wird sie bis heute durch Tanklaster gewährleistet. In anderen hingegen, etwa in der Ortschaft Colatina, fließt schon wieder Wasser aus dem Fluss aus den Hähnen. Wie belastete das ist? Das wissen die Anwohner nicht.

70 Fischarten sind in Gefahr

Mehr als 70 Fischarten hat der Biologe Fábio Vieira mit dem Spezialgebiet Flussfauna im Rio Doce identifiziert, elf davon waren zuvor schon vom Aussterben bedroht. Bis Ende November wurden laut brasilianischem Umweltinstitut Ibama neun Millionen Tonnen toter Fische eingesammelt. Für den Küstenexperten Paulo Rosman, den das Umweltministerium mit einer Studie zu den Auswirkungen der Katastrophe beauftragte, ist das angesichts der Größe des Flusses zunächst eine relativ kleine Zahl, wie er der BBC sagte. Viele Fischer entlang des Flusses sollen in der Aktion "Arche Noah" Zehntausende Fische umgesiedelt haben, die später zurückgesetzt werden sollen. Ob sie diese Aktion überleben und wann der Fluss für sie bewohnbar sein wird? Man mag es kaum schreiben: Unklar natürlich.

22 Tage nach dem Dammbruch floss der Schlamm bei dem Örtchen Regência schließlich in den atlantischen Ozean. Regência lebte bis zu jenem Tag von Fischfang und Tourismus. Nun kommen Journalisten, denen die Bewohner ihre Verzweiflung schildern.

Die Mündung des Rio Doce liegt im Küstenreservat Comboios, in dem Krokodile und Krustentiere leben und viele Vogelarten nisten. Zudem aber vergraben an den Stränden des Schutzgebiets Meeresschildkröten ihre Eier im Sand, darunter auch die vom Aussterben bedrohte große Lederschildkröte (Dermochelys coriacea).