Flamingos in Nordrhein-Westfalen und Austern im Wattenmeer? In den letzten Jahrzehnten finden immer mehr Tier- und Pflanzenarten den Weg aus anderen Kontinenten nach Europa. Klar, Lebewesen haben im Laufe der Evolution stets neue Lebensräume erschlossen und dabei andere verdrängt. Manche starben aus, andere lebten weiter. So weit, so natürlich.

Allerdings mussten die Tiere und Pflanzen sich ihren Weg damals selbst bahnen – und das dauerte. Einheimische Arten hatten die Chance, sich auf die Neulinge einzustellen. Seitdem der Mensch allerdings in Rekordzeit reist und seine Waren an Bord von Schiffen, Lastwagen und Flugzeugen in alle Welt verschickt, verteilt er dabei unfreiwillig und rasant Tiere und Pflanzen auf dem ganzen Globus.

Etwa 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten, die sich großflächig angesiedelt haben, gibt es mittlerweile in Deutschland. 3.000 weitere sind angereist, haben aber noch nicht Fuß gefasst. All das wäre unproblematisch, trügen einige davon nicht den Titel "invasiv". Unsere Kartengeschichte erklärt, wo das Problem ist: 

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Invasive Arten …

… richten einen ziemlichen Schaden in der Umwelt an und breiten sich unkontrolliert aus.

Invasiv oder gebietsfremd

Gebietsfremde Arten …

… passen in ihre Umwelt und sind oft sogar gut für die Natur.

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Falsch. Es gibt europäische Marienkäfer, sie sind keine Bedrohung. Allerdings werden sie von den asiatischen Marienkäfern verdrängt.

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Richtig. Sie hat zwar noch nicht richtig Fuß bei uns gefasst. Allerdings überwintert und brütet die Asiatische Tigermücke vereinzelt schon hier. In Italien gibt es einen festen Bestand. Das Gefährliche: Die Art kann theoretisch Krankheiten wie Dengue und Zika übertragen.

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Wie genau der Schiffsverkehr die Invasion beschleunigt, haben Forscher jetzt erstmals modelliert – am Beispiel bestimmter Algen (PNAS: Seebens et al., 2016). Künftig lässt sich so auch für weitere Meereslebewesen sowie für Landtiere, die mit Schiffen eingeschleppt werden, vorhersagen, wie und wo sie sich ansiedeln werden.

Nicht alles, was heimisch ist, ist gut

Viele der Arten, die längst in Deutschland angekommen sind, wollte der Mensch sogar gerne hier haben. Kartoffeln etwa oder Tomaten. Doch wann gilt eine Art als gebietsfremd, wann als invasiv? Und was genau ist der Unterschied? "Die Definition ist da nicht sehr genau", sagt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Für die einen gilt eine Art schon dann als invasiv, wenn sie sich in einem bestimmten Umkreis zu stark ausgebreitet hat. Andere, wie Umweltforscher Kühn, sagen: Sie muss ökologischen oder ökonomischen Schaden anrichten, um wirklich als invasiv eingestuft zu werden. Eine nicht eingewanderte Art, die das tut, würde man Schädling nennen. 

Doch ab wann kann man von Schaden sprechen? "Die meisten gebietsfremden Pflanzenarten wurden eingeführt, weil sie einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Gleichzeitig richten einige von ihnen ökologischen Schaden an. Muss man das gegeneinander aufrechnen?", fragt Kühn. Deshalb bewerten die Forscher an seinem Institut Arten individuell. Wie häufig kommen sie vor? Welche Kosten verursachen sie? Was zeichnet sie aus? "So vermeiden wir es, willkürliche Grenzen zu ziehen."

Wo natürliche Feinde fehlen

Das große Problem: Invasiven Arten fehlen meist die natürlichen Feinde. Sie können sich über lange Zeit ungestört ausbreiten. Andere übertragen Krankheiten auf heimische Tiere oder Pflanzen, die von den unbekannten Erregern heftig getroffen werden. Das Grauhörnchen beispielsweise hat die Eichhörnchen-Pocken mitgebracht und damit das Europäische Eichhörnchen stark dezimiert.

In der Nordsee sind Austern ein Problem: Sie wurden ursprünglich vom Menschen dort gezüchtet. Nun breiten sie sich unkontrolliert aus und verdrängen stellenweise die Miesmuschel. Auf Austernbänken können sich dann auch gebietsfremde Algenarten ansiedeln, wie sie mit den Frachtschiffen kommen. "Diese Kombination kann das ganze Ökosystem im Wattenmeer verändern", sagt Hanno Seebens vom Senckenberg-Institut, der an dem jetzt in PNAS veröffentlichten Vorhersagemodell für Algen mitgearbeitet hat.

In den Ozeanen und an Land sind invasive Arten ein Problem, zum Teil auch für den Menschen, wie das Beispiel der Asiatischen Tigermücke (Aedes alpopictus) zeigt: "Oft reisen die Larven in Wasserlachen alter Autoreifen hierher", sagt Kühn. Darin können sich die Mücken ungestört entwickeln. Theoretisch könnte diese Art Tropenkrankheiten wie Dengue oder Zika übertragen.

In Italien steht die Mücke in Verdacht, 2006 das Chikungunya-Virus verbreitet zu haben (Eurosurveillance: Ravenna et al., 2007). "Dort ist die Mücke schon relativ häufig. In Deutschland hat sie sich noch nicht großflächig ausgebreitet", sagt der Ökologe. Auch wenn sie an wenigen Orten schon überwintert, die Funde von Eiern und Larven belegen (Parasitology Research: Werner/Kampen, 2015). "Ob die Tigermücke wirklich dauerhaft eingebürgert ist, kann man noch nicht sagen", sagt Kühn. Normalerweise gehe man davon nach 25 Generationen oder einem Zeitraum von zehn Jahren aus.

Bekämpfen? Okay, aber doch nicht die süßen Hörnchen!

Im Fall des Riesen-Bärenklaus, dessen brennendes Sekret jedes Jahr viele Menschen abbekommen, zögert kaum jemand: Ehe man einen Hautausschlag riskiert, wird die Zierpflanze im Zweifel ausgerissen.