Frühling in West-Berlin. An diesem letzten Freitag im April 1986 erreichen die Temperaturen zwölf Grad, in der Nacht zu Samstag bleibt es mild, bei mäßigem Wind und leichter Bewölkung. Die Stadt ist noch durch die Mauer geteilt. Viele Berliner sitzen draußen, manche grillen. Es ist 23.24 Uhr als 1.500 Kilometer entfernt in der Ukraine Reaktor Nummer 4 des Lenin-Atomkraftwerks bei Tschernobyl explodiert.

Das Kernkraftwerk brennt – Deutschland weiß von nichts

Es wird Sonntag, dann Montag – und in der Bundesrepublik weiß man von nichts. Längst treibt eine radioaktive Wolke gen Nordwesten.

Am Dienstag werden in Berlin Temperaturen von mehr als 20 Grad erreicht. Schlangen bilden sich vor den Eisdielen. Viele nutzen die Mittagspause, setzen sich ins Gras, ziehen die Schuhe aus und lesen Zeitung in der Sonne. In der taz steht eine seltsame Meldung aus Schweden: "Das AKW Forsmark ist am Montag geräumt worden, weil außerhalb des Kraftwerks in einem Umkreis von vier Kilometern radioaktive Strahlung gemessen wurde." Fieberhaft suchen schwedische Ingenieure nach dem Leck im eigenen AKW an der Ostsee, nördlich von Stockholm. Darauf, dass die Strahlung aus Tschernobyl stammen könnte, kommen sie nicht.

Wie ein Gespenst

So breitete sich die Wolke in den ersten Tagen nach dem Unfall aus:

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Erst am Mittwoch sind die Medien alarmiert: "Reaktorkatastrophe in der UdSSR – Zehntausende evakuiert" titelt die taz, "Der von der Fachwelt gefürchtete Super-GAU ist eingetreten" schreibt die Welt und in der Süddeutschen Zeitung heißt es nüchtern: "Moskau: Unfall in Kernkraftwerk nördlich von Kiew." Reaktorkern durchgeschmolzen, Brand ausgebrochen, Radioaktivität entwichen.

Und mit einem Schlag hat sich die Welt verändert. Aus den Schönwetterwölkchen am blauen Himmel ist eine Bedrohung geworden. Die Vorfreude auf ein Picknick im Grünen am ersten Mai schlägt um in Angst vor Wiesen. Angst vor Regen. Angst vor dem Strahlentod.

Niemand in Westeuropa weiß, wie viel Radioaktivität aus dem beschädigten Reaktor entwichen ist. Brennt er noch? Werden weitere Explosionen folgen? Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki werden wach. Verbrannte Kinder. Verbranntes Land. Diese Vorstellungen prägen das Bild der Deutschen von einem GAU. 

Panik vor der Wolke

Eine Wolke aus radioaktiven Partikeln verteilt sich nach der Explosion im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl über Europa. Seit der Nacht zum 26. April 1986 haben sich die Teilchen in der Luft verteilt und sind von unterschiedlichen Windströmungen bis nach Japan gebracht worden. Erst der Regen spült die radioaktiven Partikel aus der Atmosphäre auf die Erde. In Bayern, Baden-Württemberg und Teilen Brandenburgs gehen in den Tagen nach dem GAU heftige Regenschauer nieder. Auch heute, 30 Jahre nach dem GAU sind die Radionuklide Cäsium-137 und Strontium-90 erst zur Hälfte zerfallen. Andere haben weitaus längere Halbwertzeiten. Bis heute ist die Strahlung von Tschernobyl in Deutschland messbar.

Damals wissen die Menschen um die Informationspolitik der Sowjetunion, glauben ihr kein Wort, wittert Verharmlosung. Die "radioaktive Wolke, die nordwärts bis Skandinavien gelangt war, trieb gestern Abend wieder in Richtung Sowjetunion zurück. Im Norden der Bundesrepublik Deutschland wurde eine leicht erhöhte Strahlung gemessen", meldet der Rundfunk.

Alles halb so schlimm, meint das Bundesinnenministerium: "Hierzulande besteht keine akute Gefahr." Und der Deutsche Wetterdienst erklärt, die Wahrscheinlichkeit, dass radioaktives Material in die Bundesrepublik komme, sei nach dem aktuellen Stand der Wetterlage "verhältnismäßig gering". Doch warum wurden dann bereits erhöhte Werte gemessen? Ratlosigkeit.

Die Wolke erreicht Deutschland

Noch verharren die Deutschen in der Schockstarre. "Wir haben nur ein Päckchen Jodtabletten vorrätig, aber es hat heute niemand danach verlangt", sagt ein Kreuzberger Apotheker, als ihn Reporter am Mittwoch danach fragen. "Bei uns hat nur ein Kunde isländische Flechte geholt", erzählt er. Das soll gut gegen Atomstrahlung sein. Noch hat sich nicht herumgesprochen, warum Jod vor Strahlung schützen kann. Auch dass Jodtabletten nur vor dem Fallout etwas nützen und nicht mehr danach, weiß niemand. Zu diesem Zeitpunkt schwebt die radioaktive Wolke bereits über ganz Deutschland.

Erst am Donnerstag wird bekannt, dass sie die Bundesrepublik schon am Dienstag erreicht hatte. Jetzt beginnt der Run auf die Jodtabletten. Vergeblich warnen Experten vor der Einnahme der Präparate, die möglichen Schäden bei hoher Dosierung stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen. Es sei "Wahnsinn, das Zeug ohne zwingende Notwendigkeit zu schlucken", sagen die Apotheker.

Am 3. Mai, knapp acht Tage nach dem GAU, kommt die Wolke in den Köpfen der Deutschen an. Jeder spricht von Becquerel und der Geigerzähler wird wichtiger als die Armbanduhr. Saurer Regen ist vergessen. Jetzt haben alle Angst vor Atomregen. 1986 wird Tschernobyl zum Wort des Jahres werden, gefolgt von Havarie auf Platz zwei und Super-GAU an dritter Stelle. Von nun an werden täglich Strahlenmessungen durchgeführt. In Bayern tauchen Milchproben mit mehr als 1.000 Becquerel pro Liter auf, auf einer Wiese in Baden-Württemberg werden 50.000 Becquerel ermittelt – Grund dafür soll ein Wolkenbruch sein. Experten vermessen sich, Ängstliche glauben sich schon verseucht. Politiker sind verwirrt, Verbraucher verunsichert, Atomgegner verärgert.

Grenzwerte aus dem Ärmel geschüttelt

Einfuhrbeschränkungen für Milch, Obst, Gemüse und Fleisch gelten jetzt nicht nur für die UdSSR und Polen, sondern auch für Rumänien, Bulgarien, Ungarn und die Tschechoslowakei. Bundesländer geben eifrig eigene Grenzwerte heraus. In Berlin gelten 100 Becquerel pro Liter für Milch, in Hessen nur 20. Wie viel Becquerel gesundheitsschädlich sind, weiß niemand – und zwar bis heute nicht.

Gleichzeitig empfiehlt die Strahlenschutzkommission von 1986, Kühe von den Weiden zu nehmen und Milch erst auszuliefern, wenn sie auf radioaktive Strahlung gemessen wurde und pro Liter nicht mehr als 500 Becquerel aufweist. Die Kohl-Regierung übernimmt diese Empfehlung, wie sie wohl auch jede andere übernommen hätte. Am nächsten Tag bekommt auch Blattgemüse einen Grenzwert: 250 Becquerel pro Kilogramm.

Zehn Jahre nach dem GAU erzählt Manfred Scheffler, 1996 Referatsleiter für Strahlenschutz im Berliner Senat, der taz, er habe, nachdem in Berlin kontaminierte Milch entdeckt worden war, die halbe Nacht mit Bonn telefoniert, um einen zulässigen Höchstwert für Milch zu erfahren. Vergeblich. "Gegen Mitternacht forderte mich mein Staatssekretär auf, selbst einen Wert festzulegen." Seither durfte in Berlin nur noch Milch verkauft werden, bei der pro Liter nicht mehr als 100 Becquerel gemessen wurden. 

H-Milch ist ausverkauft

Knapp zwei Wochen nach dem Unfall reagiert die Bevölkerung umfangreich auf die drohende Gefahr: Bei Aldi ist die H-Milch, die noch vor dem GAU hergestellt worden war, binnen Tagen ausverkauft. Trockenmilch ist fast nirgends mehr zu haben, Konserven sind beliebter als Frisches, in den Supermarktregalen bleiben Salatköpfe liegen. Gemüsehändler werben plötzlich mit "Treibhaussalat ohne Schadstoffe", Bauern fordern eine Entschädigung für Ernteausfälle durch Strahlenbelastung und in München werden drei Gemüsehändler von Verbrauchern wegen fahrlässiger Körperverletzung angezeigt, weil sie zu stark strahlenden Salat feilgeboten hatten.

Flüge nach Australien oder auf die Kanarischen Inseln sind ausgebucht. Wie Tatorte von Morden werden Spielplätze mit gelb-schwarzem Plastikband abgesperrt. Besorgte Väter tragen den Sand aus den Buddelkisten ihrer Kinder ab und verfrachten ihn in luftdichte Müllsäcke. Schwangere fragen ihren Frauenarzt, ob eine Abtreibung ratsam sei, wollen wissen, ob ihr Ungeborenes wegen der Strahlung behindert sein wird, und Gesundheitsministerin Rita Süssmuth schilt die Ärzte, die nur Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl zum Schwangerschaftsabbruch raten. Unsicherheit beherrscht Deutschland.

Erst Jahre später können Forscher die wahren Spätfolgen des GAUs von Tschernobyl abschätzen. Die wirklich Leidtragenden waren die Arbeiter auf der Atomanlage, die teils ohne Schutzkleidung am Reaktor arbeiteten. Und die Menschen in der Ukraine und in Belarus (Weißrussland), die kaum informiert der Strahlung ausgesetzt waren. Jahrelang. Bis heute leiden Menschen an den sozialen und gesundheitlichen Folgen des Atomunfalls. Daran, den Kindern aus Tschernobyl zu helfen, statt im eigenen Garten Sandkisten umzugraben, kam man in Deutschland erst langsam.