Nashörner gehören zu den urtümlichsten Tieren auf unserem Planeten – und zu den gefährdetsten. Die meisten Arten sind heute vom Aussterben bedroht, weil Wilderer jährlich Hunderte Tiere für ihr kostbares Horn abschlachten. Ray Dearlove mag das Leid nicht mehr mit ansehen. Der Australier hat es deshalb zu seinem Lebenswerk erklärt, so viele Dickhäuter wie möglich zu retten: Er hat beschlossen, südliche Breitmaulnashörner von Südafrika nach Australien zu bringen und sie dort auszusetzen. Wie er die Tiere rüber bringen will? Per Flugzeug.

Er wisse, dass sein Vorhaben ein bisschen verrückt klinge, sagt Dearlove, aber sein Australian Rhino Project sei die einzige Möglichkeit, um Nashörner noch zu retten. "Alle anderen Maßnahmen werden nicht helfen, solange es einen Markt für die Hörner gibt", sagt der Artenschützer.

Es werden mehr Nashörner getötet, als geboren
Ray Dearlove, Gründer des Australian Rhino Project

Es ist ein illegaler Markt, der wächst. Zwischen 1990 und 2007 wurden laut der Umweltschutzorganisation WWF jedes Jahr im Schnitt 13 Nashörner von Wilderern getötet. Danach stieg die Zahl rasant an: 2008 starben insgesamt 83 Nashörner, im vergangenen Jahr waren es 1.175. Die Jäger haben es auf das Horn der Tiere abgesehen. In China und Vietnam gilt es als Wundermittel, das Krebs heilen und die Potenz steigern soll. Alles Unsinn: "Ebenso gut könnte man seine eigenen Fingernägel essen, das Horn besteht aus dem gleichen Stoff, Keratin", sagt Dearlove. Dennoch ist ein Kilo Nashorn-Horn umgerechnet rund 54.000 Euro auf dem Schwarzmarkt wert.

Knapp 20.000 südliche Breitmaulnashörner leben heute in Südafrika. Doch die Gier nach Horn macht Umweltschützern Sorge. Wie lange können die Bestände den Ansturm überleben?

80 Tiere sollen in Australien ihre neue Heimat finden

In Nationalparks, privaten Safariparks und Nashorn-Waisenhäusern sollen die Tiere ein sicheres Zuhause haben. Mancherorts sägen Betreiber den Tieren das Horn bewusst ab, um Wilderer fern zu halten. "Das hilft aber nur bedingt", sagt Dearlove. Selbst das Resthorn scheint vielen wertvoll genug, um ein Tier zu töten. Als weitere Gegenmaßnahme hat Südafrika im November 2015 das Handelsverbot innerhalb des Landes aufgehoben. Private Nashornzüchter dürfen und sollen dort nun systematisch die Hörner vertreiben, um einen Preissturz herbeizuführen. In Südafrika ist die Hornnachfrage allerdings gering, der Handel in Asien ist das Geschäft, das sich lohnt. Artenschützer des WWF sind daher überzeugt, dass der illegale Handel bestehen bleibt. Zusätzlich aber würde die Strafverfolgung erschwert.

Dearlove sieht es ebenso: "Wir müssen handeln." Sonst werde es in der Wildnis eines Tages keine Nashörner mehr geben. "Mittlerweile werden mehr Nashörner getötet, als geboren." Der 68-Jährige ist selbst in Südafrika aufgewachsen und war oft im Krüger-Nationalpark. Elefanten, Giraffen und Nashörner gehörten zu seiner Kindheit. Vor 30 Jahren wandert er mit seiner Familie nach Australien aus, arbeitete dort in der IT-Branche. Die Nashörner aber konnte er nie vergessen. Jetzt, da er in Rente ist, steckt Dearlove seine Zeit und alles Geld, das er erübrigen kann, in das Nashornprojekt.

Ende des Jahres will er die ersten südlichen Breitmaulnashörner im Flugzeug nach Australien bringen. Insgesamt 80 Tiere möchte er innerhalb von fünf Jahren umsiedeln. Ihre neue Heimat wäre rund 10.000 Kilometer entfernt. Die Nashörner stammen von Privatleuten, die Tiere in Nationalparks halten. Von der afrikanischen Regierung erhält das Projekt keine Unterstützung. Auch von australischer Seite gibt es keine offiziellen Förderungen, das Projekt finanziert sich ausschließlich aus Spenden.

Was ist es uns wert eine Art vor dem Aussterben zu bewahren?
Ray Dearlove

Ein Hindernis für Dearlove und sein Team. Denn so ein Nashorntransport ist alles andere als preiswert. Die Rhinos sind zu dick für herkömmliche Passagiermaschinen, es braucht spezielle Frachtflieger, umgerechnet knapp 54.000 Euro kostet das pro Nashorn. Für die erste Phase des Projekts plant Dearlove eine Million US-Dollar ein, knapp 900.000 Euro, die Summe hat er bereits zusammen. Damit sollen noch in diesem Jahr 10 Nashörner nach Australien gebracht werden. "Das klingt nach viel Geld", sagt Dearlove, "aber was ist es uns Wert eine Art vor dem Aussterben zu bewahren?" Nach und nach soll dann die Überfahrt der restlichen 70 Nashörner finanziert und organisiert werden. 

Hilfe bekommt Dearlove von mehr als 30 Freiwilligen. Die meisten haben wie Dearlove wenig Erfahrung mit Artenschutz. Doch es sind auch Fachleute involviert, etwa die Tierärztin und Dekanin der Fakultät für Veterinär-Wissenschaft der Universität Sydney. Soll das Projekt erfolgreich sein, braucht Dearlove mehr solcher Leute. Denn bevor die Tiere in Australien einreisen können, muss ihre Gesundheit sichergestellt sein – das ist das oberste Gebot für die Einfuhr.