"R-O-S-S? Rossmeer? Ist das die East- oder West-Side von New York City?" Mit dieser Frage eines ahnungslosen Passanten beginnt der Trailer für den Dokumentarfilm The Last Ocean. Der Film thematisiert – wie zu erahnen – das Rossmeer und den Südlichen Ozean vor der Küste der Antarktis. Ein Gebiet, von dem viele Menschen kaum etwas wissen. Jetzt haben die Staaten der Europäischen Union mit 24 weiteren Ländern beschlossen: Ein großes Areal des Meeres soll künftig strenger geschützt werden (ZEIT ONLINE berichtete). Wir erklären, warum das dringend nötig ist.

Der letzte intakte Ozean der Erde

Größer als Indien (3,6 Millionen Quadratkilometer) ist das Rossmeer, benannt wurde es nach seinem Entdecker, dem englischen Seefahrer James Clark Ross. Es liegt im Südlichen Ozean vor der Küste der Antarktis und gilt als letztes intaktes Meeresökosystem der Erde. Es ist besonders produktiv, sprich Fische, Krebse und Mikroben leben dort noch in Massen. Weil es so abgeschieden ist, blieb es lange unberührt und verschont von Umweltverschmutzung und Überfischung. In den letzten Jahren ist der Mensch aber auch dorthin vorgedrungen.

Pinguine, Seeleoparden und massenhaft Krill

Im Rossmeer leben zum Beispiel Vögel wie der Kaiserpinguin, der Adeliepinguin, die Antarktikskua (eine Raubmöwen-Art) oder der Schneesturmvogel. Meeressäuger wie Mink- und Schwertwale sowie diverse Seerobben- und Fischarten sind dort zu Hause. Besonders wichtig für die Balance in diesem Ökosystem ist der antarktische Krill, ein Krebstier, das in großen Schwärmen vorkommt. Krill ist die Nahrungsgrundlage für viele Tiere der Antarktis. Andere sind indirekt auf die Krebstierchen angewiesen. Einer davon ist der Seeleopard: Er jagt Fische und Pinguine, die sich wiederum von Krill ernähren.

Winter von März bis September

Minus 89 Grad Celsius: So kalt kann es in der Antarktis werden. Diesen Rekord hat eine russische Forschungsstation im Jahr 1983 aufgezeichnet. Im Winter, der am Südpol von März bis September dauert, fallen die Temperaturen auf durchschnittlich minus 40 Grad. In dieser Zeit friert der Ozean um die Antarktis in weiten Teilen zu, sodass der Kontinent seine Fläche verdoppelt. Auch das Rossmeer ist dann größtenteils zugefroren. Während im Winter die Sonne fast gar nicht scheint, geht sie im Sommer nicht unter: dann wird es relativ warm, mit Temperaturen leicht über dem Gefrierpunkt. Massive Eismassen brechen dann auseinander und stürzen ins Meer.

Die Antarktis wird, weil sie sehr trocken ist, auch als Wüste aus Eis bezeichnet. Nur wenige Zentimeter Schnee und Regen fallen jährlich. Die Wassertemperatur im Rossmeer liegt stets bei etwa minus 1,5 Grad Celsius. Der Salzgehalt senkt jedoch den Gefrierpunkt herab. Deshalb gefriert das Wasser in den Tiefen nicht.

So viele Algen, dass sich Wolken bilden

Für viele Lebewesen würde das eiskalte Wasser den sicheren Tod bedeuten, doch die heimischen Arten haben sich über Millionen Jahre an die harten Umweltbedingungen angepasst. Klimatische Veränderungen setzen diesen Tieren und Pflanzen empfindlich zu.

Im Rossmeer ist das Klima ein wichtiger Faktor, der das Ökosystem stabil hält. Im Winter pusten starke Winde Eisschollen vom Land auf das Wasser hinaus. So entstehen zwischen Schollen und Land große Wasserbecken, Polynjas genannt. Erwärmt die Sonne im antarktischen Sommer die Becken, sprießt das Phytoplankton so reichhaltig, dass es vom All aus zu sehen ist. Es gibt dabei Partikel in die Luft ab, die als Kondensationskeime für Wolkentröpfchen dienen. Die Blüte an pflanzlichen Mikroorganismen im Meer hat dadurch sogar Einfluss auf die Wolkenbildung in der Südpolarregion (Science Advances: McCoy, Hartmann et al.,2015)  – und ist ein wichtiger Teil der Nahrungskette aller Lebewesen im Rossmeer.

35 Jahre Schutz – reicht das?

Für die nächsten 35 Jahre soll eine Fläche von knapp 1,6 Millionen Quadratkilometern im Rossmeer unter Schutz stehen. Das Gebiet ist ungefähr so groß wie Frankreich, Spanien und Deutschland zusammen. Rund 1,1 Millionen Quadratkilometer sollen künftig vor allen Eingriffen geschützt sein. 322.000 Quadratkilometer sind als Krill-Forschungszone freigegeben, in der kontrollierte Krill-Fischerei zulässig ist. 110.000 Quadratkilometer gelten als Forschungsgebiet, in dem limitierte Fischerei auf Krill und schwarzen Seehecht erlaubt ist.