Der Nahe Osten kämpft ums Wasser – Seite 1
Die iranische Stadt Isfahan blickt auf mehr als 2.000 Jahre Geschichte zurück. Gespeist durch den breiten Fluss Zayandeh wurde sie ein Zentrum für Kultur und Architektur. Den Lauf des Zayandeh säumten weite Gartenanlagen, sein Wasser speiste die eindrucksvolle Parkaanlage des Imam-Platzes, ein Weltkulturerbe. Über das Bett des Zayandeh spannt sich die berühmte Si-o-se Pol, die 33-Bogen-Brücke.
Das beeindruckende Bauwerk ist für Isfahan das, was der Eiffelturm für Paris ist. Touristen teilten hundertfach Fotos von sich und der Brücke, die am Abend stimmungsvoll ausgeleuchtet wird. Früher kreuzte im Sommer eine Flotte aus bunten Tretboten in Schwanengestalt vor den vielen Säulen. Doch das ist Vergangenheit. Der Zayandeh führt in den warmen Monaten häufig kein Wasser mehr. Die Si-o-se schwingt sich dann genau 33 Mal über trockenen, lehmigen Boden. Was ist geschehen?
Die Städte sind durstig
Seit knapp zwölf Jahren leidet der Iran unter einer anhaltenden Dürre. Doch die allein hat dem Zayandeh in Isfahan nicht das Wasser geraubt. "Der eigentliche Grund für den ausgetrockneten Fluss ist, dass man das Wasser für die heilige schiitische Stadt Ghom abgezweigt hat. So wurde dort die urbane Wasserversorgung sichergestellt", sagt Martin Keulertz, Dozent an der American University of Beirut. Der gebürtige Deutsche ist Experte für Wassermanagement im Mittleren und Nahen Osten.
"Wasser für die Städte hat in der Region oberste Priorität, denn im urbanen Raum konzentriert sich die Bevölkerung." Die Zahl der Menschen in Städten im Iran wächst stetig, wie in vielen anderen Ländern auch. Laut dem Jahrbuch der Vereinten Nationen ist mehr als die Hälfte der Iraner jünger als 30, knapp 70 Prozent leben in den Städten. Wenn der eine Fluss also genug Wasser für zwei Metropolen mit sich führt, wird er angezapft. Selbst wenn das bedeutet, dass der untere Verlauf einfach trockengelegt wird und dafür eines der schönsten Gebäude in Isfahan an Strahlkraft einbüßt.
Nach einer Studie des Joint Research Centers (JRC) der europäischen Kommission um Jean-François Pekel hat der Iran seit 1984 knapp 54 Prozent seiner Oberflächengewässer verloren (Nature: Pekel et al., 2016). In Afghanistan und im Irak ist die Lage ähnlich ernst. Die Wissenschaftler werteten mehr als drei Millionen Aufnahmen der LandSat-Projektes der Nasa-Erdbeobachtung aus. Hierzu teilten sie die Erde in 30 mal 30 Meter große Pixel ein und unterschieden nach Wasser- und Landfläche. Insgesamt konnten sie so für einen Zeitraum von 32 Jahren in allen Teilen der Erde beobachten und dokumentieren, wie Seen, Flüssen und Küstenstreifen entstehen und vergehen. Ihr Urteil: Die Stadt Isfahan und ihr Zayandeh sind in der Region kein Einzelfall, sondern die Regel.
Mit Wasser wird Politik gemacht
Der gesamte Nahe Osten fokussiert sich darauf, den unendlichen Durst der urbanen Zentren zu stillen. "Das Wasser für die Städte ist das deutlich politischere Wasser", sagt Keulertz. "Wenn auf einmal nicht mehr genügend für die Metropolen dableibt, haben wir ein massives Potenzial für soziale Unruhen." Die mit Wasserreichtum nicht gerade gesegneten Länder kommen mit der Versorgung ihrer Metropolen nur schwer hinterher.
Bestes Beispiel dafür ist Jordanien. Noch in den 1950er Jahren bevölkerten nur knapp 150.000 Einwohner die beiden größten Städte des Landes, Amman und Irbid. Wenn dem Jarmuk und dem Jordan, den wichtigsten Strömen Jordaniens, Wasser entnommen wurde, dann für die eher schwach entwickelte Landwirtschaft. Heute verliert der Jarmuk nach Daten des International Water Management Institutes (IWMI) knapp 150 Millionen Kubikmeter im Jahr an die fünf Millionen Einwohner in den Metropolen.
Nur noch ein Zehntel des Wassers, das noch vor 60 Jahren über den Jordan in das Tote Meer floss, erreicht heute den berühmten salzigen See. Das liegt nicht nur an Jordanien, sondern auch an Israel. Seit den 1970er Jahren wird dem See Genezareth am Oberlauf des Jordans Wasser entnommen, sodass der Fluss zu einem Rinnsal verkommt und das Tote Meer verschwindet.
Der syrische Bürgerkrieg verschärft die Lage
Und obwohl sie schon so viel abzweigen, reicht es nicht. Die Menschen kämpfen um jeden Tropfen. Auf dem vernachlässigten Land versuchen die Bauern, den Wasserbedarf ihrer Felder durch eigens gebaute Brunnen und Kanäle zu sichern. Viele Stadtbewohner sind von den Behörden unterversorgt. Um den privaten Bedarf zu decken, zapfen sie eigenständig das Grundwasser an – das leert die Speicher und behindert wiederum die Wasserversorgung der öffentlichen Verwaltung.
Die Kombination aus Hunderten privaten Brunnen und einer schweren Dürreperiode zwischen 2007 und 2009 führte im Irak beinah zum Kollaps des Euphrat-Tigris-Beckens. Nach Berichten der
Nasa büßten Stauseen wie der Quadisaya über 20 Meter ihres Pegels ein, Wasser für mehrere Millionen Menschen ging verloren.
Besonders prekär ist die Situation in den Gebieten, die vom syrischen Bürgerkrieg geprägt sind. "Gerade in den Flüchtlingslagern um Irbid in Jordanien bohren Menschen das Grundwasser an. Nach derzeitigem Stand der
Forschung werden die Speicher zwischen 2019 und 2021 aufgebraucht sein.
Die Situation ist dramatisch", sagt Keulertz. Währenddessen liegen in Syrien selbst Dutzende Felder brach, die Wasservorräte des Landes werden vernachlässigt. Schleusen und Rückhaltebecken der Wasserreservoire werden nicht mehr richtig instand gehalten.
Nach einer aktuellen Studie der Fakultät für Energie- und
Umweltwissenschaften der Universität Stanford (Proceedings of the National Academy of Sciences: Marc Muller et al., 2016) haben die elf wichtigsten
Wasserbecken Syriens gut die Hälfte ihres Volumens verloren.
Gleichzeitig werden 47 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nicht mehr
bewässert. Mit den vier Millionen Syrern, die nach UN-Angaben vor Krieg und Zerstörung aus dem Land geflohen sind, haben auch etliche Bauern und Ingenieure das Land verlassen.
Ist virtuelles Wasser die Rettung?
Doch was können die Menschen in Jordanien, Syrien, dem Iran oder dem Irak angesichts von Krisen, Bevölkerungswachstum und Wassermangel anderes machen, als Flüsse umzuleiten oder das Grundwasser aufzubrauchen? Keulertz plädiert für virtuelles Wasser und angepasste Landwirtschaft.
"Weizen und Reis sind für Bauern im Nahen Osten günstig zu erwerben, aber das sind definitiv die falschen Pflanzen. Mit Subventionen für wassersparende oder bodenschonendere Arten wie zum Beispiel Hülsenfrüchte wäre viel getan", sagt Keulertz.
Produkte, die viel Wasser bei der Herstellung benötigen – zum Beispiel Eier, Milch oder Reis –, sollten zudem importiert werden. Das damit eingesparte "virtuelle" Wasser käme der Bevölkerung zugute. "Eigentlich produzieren wir genug Lebensmittel auf der Welt. Wir könnten somit Regionen wie den Nahen Osten, der chronisch wasserunsicher ist, stabilisieren. Das setzt allerdings vernünftige Handelsbeziehungen voraus", sagt Keulertz.
Theoretisch könnte ein gut ausgebautes Handels- und Transportnetz die Wasserprobleme lösen. Global gesehen hat die Erde Süßwasser gewonnen. Seit 1984 verschwanden zwar 90.000 Quadratkilometer an Seen und Flüssen, doch es entstanden auch 185.000 Quadratkilometer neuer Gewässer. Netto gibt es also einen Zuwachs, unter anderem in China und in der Türkei.
Im Himalaya laufen die Täler voll
Das ist erst einmal erfreulich. Doch die Ursachen des Wasserplus sind weniger positiv. Ein Beispiel hierfür findet sich im Himalaya. Das gewaltigste Bergmassiv der Erde durchzieht ein Geflecht an Gletschern und Eiskappen. Das Gebiet ist so ausgedehnt, dass es oft auch "der dritte Pol der Erde" genannt wird – in Anspielung auf die Eismassen der Arktis und Antarktis. Die steigenden Temperaturen der vergangenen Jahrzehnte hinterlassen auch hier ihre Spuren. Die Gletscher schmelzen.
Das Wasser sammelt sich, wie Wissenschaftler sagen, in endorheischen Becken. Das sind Zonen, aus denen das Wasser nicht in ein Meer oder in einen Ozean abfließen kann. Man könnte auch sagen, im Himalaya laufen die Täler voll. So bildete sich in nur 30 Jahren eine Vielzahl an kleinen und größeren Seen mit mehr als 8.000 Quadratkilometern Fläche – das entspricht dem fünfzehnfachen Ausmaß des Bodensees.
Die Staudämme boomen
Der Großteil der neuen Seen sind allerdings menschengemacht. Hunderte Meter hohe Stauwehre aus Stahl und Beton sind für gut 80 Prozent der neu entstandenen Wasserflächen verantwortlich. Allein die Volksrepublik China stellte in den letzten vier Jahren sieben Großdämme fertig, die mehrere Milliarden Kubikmeter Wasser stauen. Knapp hinter China steht die Türkei. Auch sie stellte in den letzten vier Jahren vier solcher Großprojekte fertig und das ist noch nicht das Ende.
In der Grenzregion zu Syrien formen Dutzende große und kleine Ströme die Flüsse Euphrat und Tigris. Sie sind die Lebensadern für Syrien
und den Irak und entspringen im türkisch-anatolischen Südosten. Dort vollzieht sich derzeit ein Bauboom der Staudämme. Gut zwölf Stauseen entstehen dort, vier davon haben Mauern mit mehr als hundert Metern Höhe. Das Problem: Jeder neue türkische Damm beeinflusst auch das Strömungsverhalten flussabwärts und damit die Wasserversorgung der Menschen dort. Die Situation wird dadurch noch unsicherer.
"Es gibt zwischen den Ländern am Euphrat-Tigris-Becken oft nur sehr lose Verträge, was sowohl Oberflächen-, als auch Grundwasser betrifft. Die Einhaltungsquoten sind eher vage formuliert. Von daher haben die Verträge oft wenig Erfolg", sagt Keulertz. Schuld daran ist auch das politisch zugespitzte Verhältnis zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Fast alle Quellen des Euphrat-Tigris-Beckens liegen auf kurdischem Siedlungsgebiet. Die Staudämme könnten zum politischen Druckmittel werden.
Einigung kann funktionieren, wenn auch zulasten der Umwelt
Es gibt aber auch Beispiele dafür, dass sich zwei Länder in der Region einigen können. So ist die Nutzung des Jordans zwischen Israel und Jordanien ziemlich genau geregelt: Jedes Land zweigt große Mengen des Flusswassers für die Bevölkerung und die Landwirtschaft ab. Das klappt zwar konfliktfrei, dafür legen sie den Jordan trocken. Beinahe zumindest: Ihr Dreckwasser leiten sie zurück und lassen den biblischen Strom zum Abwasserkanal verkommen.
Insgesamt wird die Wasserversorgung im Nahen Osten in Zukunft nicht stabiler. Obwohl genug Süßwasser für alle da wäre. Leider ist es nur ungleich und auch ungünstig verteilt: Gut 55 Prozent des weltweiten Süßwassers liegen etwa im Nordosten Kanadas und den Großen Seen an der US-Grenze. Dort leben aber nur rund fünf Prozent der Menschheit.
Die iranische Stadt Isfahan blickt auf mehr als 2.000 Jahre Geschichte zurück. Gespeist durch den breiten Fluss Zayandeh wurde sie ein Zentrum für Kultur und Architektur. Den Lauf des Zayandeh säumten weite Gartenanlagen, sein Wasser speiste die eindrucksvolle Parkaanlage des Imam-Platzes, ein Weltkulturerbe. Über das Bett des Zayandeh spannt sich die berühmte Si-o-se Pol, die 33-Bogen-Brücke.
Das beeindruckende Bauwerk ist für Isfahan das, was der Eiffelturm für Paris ist. Touristen teilten hundertfach Fotos von sich und der Brücke, die am Abend stimmungsvoll ausgeleuchtet wird. Früher kreuzte im Sommer eine Flotte aus bunten Tretboten in Schwanengestalt vor den vielen Säulen. Doch das ist Vergangenheit. Der Zayandeh führt in den warmen Monaten häufig kein Wasser mehr. Die Si-o-se schwingt sich dann genau 33 Mal über trockenen, lehmigen Boden. Was ist geschehen?