"Attacke auf die freie Wissenschaft" – Seite 1

Seit Tagen war Donald Trumps Drohung, die USA könnten aus dem Pariser Klimavertrag aussteigen, weltweit Thema. Gut möglich, dass genau das das Ziel der wiederkehrenden Ankündigungen und Tweets des US-Präsidenten war. Jetzt hat er mitgeteilt: Die USA verlassen das Pariser Übereinkommen.

Es war ein gefeiertes Klimaabkommen, auch wenn es vielen noch zu unverbindlich war. Was 2015 vereinbart wurde, sollte zum ersten Mal handfeste, wenn auch freiwillige Taten folgen lassen. Die Mission: die globale Erderwärmung bremsen, Treibhausgas-Emissionen reduzieren, auf Folgen des Klimawandels vorbereitet sein. Und zwar mit vereinten Kräften, international. 

Die wichtigsten Vereinbarungen waren (hier im Original als PDF): 

  • Die Erderwärmung auf unter zwei Grad, womöglich gar auf 1,5 Grad begrenzen
  • Netto-Treibhausgasemissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte auf null reduzieren
  • Entwicklungsländer finanziell beim Klimaschutz unterstützen
  • Konkrete Klimaschutzpläne umsetzen. 190 Staaten legten ihre in Paris auf den Tisch.
Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

Klimawandel! Was heißt das?

Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Nun steht fest: Die USA werden sich nicht mehr an die unter Obama freiwillig festgeschriebenen Ziele halten: Trumps auch vorher schon deutlicher Kurs in der Klimapolitik hat Folgen für Wissenschaft und Klimaschutz. Welche das sein werden, haben Wissenschaftsjournalisten des deutschen Science Media Centers (SMC) und  ZEIT-ONLINE-Autor Toralf Staud Forscher vor der Entscheidung gefragt. Das waren ihre Antworten:

"Eine Attacke auf freie Wissenschaft, historisch ohne Beispiel"

Wolfgang Cramer ist Experte für weltweite Artenvielfalt am Institut für Biodiversität und Ökologie im französischen Aix-en-Provence und Mitautor des aktuellen Weltklimaberichts:

"Fatal sind für mich zwei Aspekte: Erstens wird Trumps Politik den seit Jahrzehnten mit der Beteiligung Tausender Wissenschaftler betriebenen Klimarat IPCC ins Herz treffen, denn die USA waren bisher ein Hauptgeldgeber. Der freie Zugang zu neuesten Forschungsergebnissen für alle wird dadurch erschwert. Zweitens sehen wir derzeit erst den Anfang einer wissenschaftsfeindlichen Politik, die nicht nur Klimaforscher trifft: die Gesundheitsforschung, etwa zu Impfprogrammen, wird ähnlich stark beschädigt werden, die Ergebnisse der Evolutionsforschung infrage gestellt, und so weiter. Es ist historisch ohne Beispiel, dass eine führende Industrienation versucht, die wissenschaftlichen Grundlagen von Politik für die Menschen zu treffen. Eine Attacke auf die freie Wissenschaft. Auch in dieser Hinsicht werden sich nun Europa, China, Brasilien und andere Länder auf ihre eigenen Ressourcen verlassen müssen."

"Wir brauchen die Amerikaner"

Olaf Eisen, Glaziologe und Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven:

"Mit Eiskernforschern aus aller Welt versuchen wir, in der Antarktis Eis zu finden, das etwa 1,5 Millionen Jahre alt und per Bohrung erreichbar ist. In dessen Luftblasen ist die Atmosphäre jener Zeit konserviert. Untersuchen wir die, erfahren wir mehr über natürliche Klimaveränderungen, was sie vom heutigen, maßgeblich menschengemachten Klimawandel unterscheidet und welche Überraschungen uns erwarten könnten. Wir benötigen aber zwei solche Eisbohrkerne, um die Daten miteinander vergleichen zu können.

Da die Amerikaner Orte in der Antarktis erreichen, wo niemand sonst hin kann, brauchen wir sie. Sie verfügen zum Beispiel über ein Schnellbohrsystem und die schwere Logistik, mit der man in kurzer Zeit bis zum Felsbett unter dem Eispanzer bohren kann. Bis 2018 ist die Finanzierung des US-Programms noch gesichert. Aber was danach kommt, ist völlig unklar. Projekte wie unseres haben lange Vorlaufzeiten. Wenn die Trump-Regierung das US-Antarktis-Programm kürzt, könnten alle Planungen ab 2018 obsolet werden. Schlimmstenfalls stehen wir am Ende mit nur einem Eisbohrkern da und müssen hoffen, dass andere Länder wie Japan, Australien oder China das Ziel auch erreichen."

"Wir alle haben dieselben Ziele"

Gerhard Lux, Diplom-Meteorologe und Pressesprecher, Deutscher Wetterdienst (DWD):

"Unsere Klimaexperten im Deutschen Wetterdienst arbeiten auf mehreren Gebieten eng mit den amerikanischen Kollegen zusammen. Gerade auf internationaler Ebene gibt es regelmäßig Treffen und einen kontinuierlichen Austausch von Erkenntnissen. US-Klimaforscher haben dabei dieselben Ziele: den Wandel des globalen Klimas genau zu analysieren, ihn zu verstehen und die Änderungen der nächsten Jahrzehnte für verschiedene Regionen der Erde durch Klimamodelle möglichst gut vorherzusagen. Das sind unabdingbare Voraussetzungen, um unsere Gesellschaft an das anzupassen, was wir inzwischen nicht mehr ändern können. Ich gehe davon aus, dass die Zusammenarbeit auf beiden Seiten des großen Teichs so oder so weitergehen wird."

"Ein fundamentaler Rückschlag"

Niklas Höhne, Gründer des New Climate Institute in Köln und Klimaschutz-Forscher an der Wageningen-Universität, Niederlande:

"Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen wäre ein fundamentaler Rückschlag für die Klimadiplomatie, aber noch nicht für den globalen Klimaschutz. Das Pariser Abkommen wäre signifikant geschwächt, wenn es den zweitgrößten Emittenten und ökonomisch gewichtigsten Partner verliert. Der große Mehrwert war, dass es von allen Staaten der Welt unterstützt wird. Das bedeutet, dass die darin gesetzten globalen Ziele verbindliche Leitlinien sind. Wenn die USA nun aussteigen, bricht diese Argumentation zusammen." 

"Solange Trump an der Macht ist, ist es eigentlich egal"

Stephan Klasen, Entwicklungsökonom in Göttingen:

"Solange Trump an der Macht ist, ist es eigentlich egal, ob die USA im Pariser Abkommen bleiben oder nicht. Selbst, wenn sie drinblieben, könnten sie ihre Verpflichtungen nach unten korrigieren oder einfach ignorieren. Und die Trump-Administration hat ja klar signalisiert, dass sie kein Interesse hat, Emissionen von klimaschädlichen Sektoren zu beschneiden. Aber ein Verbleib wäre besser für eine Zeit nach Trump, da die USA dann ihre Verpflichtungen wieder ernst nehmen würden und die Weiterentwicklung des Pariser Abkommens positiv mitgestalten könnten."

"Das wird Trittbrettfahrer ermuntern"

Jakob Wachsmuth, Mathematiker und Spezialist für Energiepolitik-Modelle am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Karlsruhe: 

"Ein sehr wichtiges Element ist das Bekenntnis aller Länder zu Klimaschutzanstrengungen. Aus dieser Sicht wäre das Ausscheiden der USA als historisch größtem und heute immer noch zweitgrößtem Emittenten von Treibhausgasen ein gravierendes Signal, das auch Trittbrettfahrer ermuntern wird.

In der Vergangenheit sind Klimaschutzinstrumente mehrfach verwässert worden, um eine möglichst breite Beteiligung zu erreichen – so beim Kyoto-Protokoll und dem Handel mit Emissionszertifikaten in der EU. Dies hat sich nicht ausgezahlt, sondern die Instrumente so weit ausgehöhlt, dass ihre Wirkung weit unter den Erwartungen liegt. Eine Konkretisierung der Regeln des Pariser Abkommens wird erst Ende 2018 festgeklopft. Insofern würde ein Verweilen der USA im Abkommen die Gefahr bergen, dass auch das Pariser Abkommen zu einem zahnlosen Tiger wird." 

Mehr Schaden für die USA als für den Rest der Welt

"Die, die nicht mit der Zeit gehen, gehen mit der Zeit"

Claudia Kemfert, leitende Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin: 

"Besser, die USA würden im Klimavertrag verbleiben, da das Verlassen die restliche Gemeinschaft, das jahrzehntelange Ringen um eine vereinbarte Linie infrage stellen und Zweifel bei allen sähen würde, die noch mitmachen. Die Trump-Jahre sind schlechte Jahre für den internationalen Klimaschutz, aber auch für den Klimaschutz in den USA. Wie kein Präsident vor ihm steht er für eine Energiepolitik von gestern, als Handlanger der fossilen Energien und gegen die Zukunft.

Trump steht für die Vergangenheit; Klimaschutz für die Zukunft. Alle Länder, die für eine nachhaltige Zukunft eintreten, würden enger zusammenrücken müssen. Dann gibt es eben G6- oder G19-Beschlüsse für den Klimaschutz. Die, die nicht mit der Zeit gehen, gehen mit der Zeit. Die globale Energiewende ist langfristig nicht aufzuhalten, die Kosten erneuerbarer Energien sinken, die Kosten für fossile und Atomenergie steigen. Ich warne dennoch vor Überheblichkeit. Trump zerstört alle bisherigen Klimaschutzaktivitäten, es nützt kein Schönreden." 

"Schaden wird es den USA"

Hans Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung:

"Dem Fortschritt der weltweiten Klimapolitik wird es nicht substanziell schaden, wenn Amerika tatsächlich das Paris-Abkommen verlässt; schaden wird es aber den USA. China und Europa werden globale Führer auf dem Weg zu einer sauberen und sicheren Energiezukunft, und sie werden ihre Position verstärken, wenn die USA zurückrutschen ins Nationale. Auch innovative US-Bundesstaaten wie Kalifornien, immerhin die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, werden weiter Emissionsreduktionen vorantreiben. Die Leute von Trump hocken in den Schützengräben der Vergangenheit, statt die Zukunft aufzubauen. Sie erkennen nicht: Die Klimakriege sind vorbei – das Wettrennen um nachhaltigen Wohlstand läuft." 

"Es wird auf längere Sicht wenig Unterschied machen"

Matthias Ruth, Geowissenschaftler und Umweltökonom an der Northeastern University, Boston, USA:

"Ob die Trump-Pence-Regierung am Pariser Klimaabkommen offiziell festhält oder nicht, wird auf längere Sicht wohl wenig Unterschied machen. Die Mitglieder dieser Regierung sind sowohl aus (persönlichen) finanziellen als auch politischen Gründen nicht daran interessiert, Umweltgesetzgebung – welcher Art auch immer – den Geschäftsinteressen in den Weg zu stellen.

Es besteht jedoch Hoffnung, dass einzelne Firmen, deren Finanzträger oder Städte und Länder weiterhin Emissionen vermeiden und sich auf den Klimawandel vorbereiten, weil es eben in ihrem Interesse liegt. Der Markt für Energie bevorzugt zunehmend die erneuerbaren Ressourcen und die Konkurrenz um ausgebildete Arbeitskräfte und Talente sowie die Notwendigkeit, bestehende Infrastrukturen zu sichern, zwingen lokale Entscheidungsträger, in Klimaanpassung zu investieren – ob da die Staatsregierung mitzieht oder nicht." 

"Wirksam wäre es erst in vier Jahren"

Lukas Hermwille, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie:

"Rechtlich kann der Austritt aus dem Pariser Abkommen aufgrund entsprechender Sperrfristen erst in rund vier Jahren wirksam werden, ironischerweise am Tag nach den nächsten US-Präsidentschaftswahlen. Solange behalten die USA auch ihren Platz am Verhandlungstisch. Insofern kann Trump selbst bei einem Austritt noch für den Rest seiner Amtszeit den Prozess der Klimaverhandlungen von innen heraus torpedieren.

Trump kann auch nicht die positive Entwicklung der erneuerbaren Energien zurückdrehen. Die Kosten für Windkraft, Solaranlagen und auch Speichertechnologien werden weiter sinken. (...) Die US-Regierung scheint als weitgehend einzige die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. Selbst Ölkonzerne wie Shell haben inzwischen erkannt, dass die von Kohle, Öl und Gas dominierte Ära zu Ende geht. Ganz abgesehen davon wird gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern Klimaschutz inzwischen nicht mehr als Bürde, sondern als Chance begriffen, eine ganze Reihe von anderen Politikzielen zu erreichen."

"Es fehlen Sanktionsmöglichkeiten"

 Axel Ockenfels, Ökonom und Sozialwissenschaftler der Uni Köln:

"Paris hat zwar ein ambitioniertes globales Klimaziel gebracht, aber die nationalen Selbstverpflichtungen sind wenig ambitioniert und bei Weitem nicht ausreichend, um das globale Ziel zu erreichen. Der große Teil der freiwilligen Selbstverpflichtungen ist wohl im jeweiligen ökonomischen Eigeninteresse der Staaten. Und wenn ein Land doch hinter seine Selbstverpflichtung zurückfällt, gibt es auch keine Sanktionsmöglichkeit. Aus dieser Perspektive ist es nicht so wichtig, ob die USA nun formal an seiner Selbstverpflichtung von Paris festhalten oder nicht. Eine Verweigerung der USA, mit den anderen Staaten der Welt am Tisch zu sitzen und zu kooperieren, könnte andere Länder anstecken."

"Es ist besser, wenn die USA ganz ausscheiden"

Holger Rogner, Gastwissenschaftler am Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg, Österreich: 

"Es wäre in der Tat besser, wenn die USA ganz aus dem Vertrag ausscheiden, da Präsident Trump das Pariser Abkommen nicht voll einhalten wollte. Das Abkommen hätte Trump genügend Spielraum gelassen, die amerikanischen Nationally Determined Contributions (Anmerkung der Redaktion: Das sind nationale Klimaschutzzusagen, mit denen sich die Länder individuell zu selbst definierten Beiträgen zur Erfüllung des Pariser Abkommens verpflichten) seines Vorgängers Obama, die rechtlich nicht bindend sind, seinen Vorstellungen anzupassen – bis hin zu einer Null-Emissionsreduktion. Da dies jedoch nicht sein wahres Ziel ist, sondern eher, das Abkommen in seiner Gesamtheit zu zerstören, wäre es besser, wenn die USA es verlassen. Das Ausscheiden würde hauptsächlich den zugesagten finanziellen Beitrag der USA von drei Milliarden US-Dollar zur Unterstützung klimarelevanter Aktivitäten zur Anpassung und Abschwächung der Folgen in Entwicklungsländern betreffen und damit deren Möglichkeiten einschränken. Die finanzielle Unterstützung war ein Anreiz für viele Entwicklungsländer, dem Abkommen beizutreten. (...) Andere Länder mit massiven CO2-Emissionen werden ihre Position bezüglich des Pariser Abkommens überdenken, aber ein radikales Umschalten ist unwahrscheinlich."

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