Unabhängige Kollegen, die vom Science Media Center (siehe Kasten) zur neusten Forschung befragt wurden, bewerten die Studie in Teilen als problematisch. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. So variiere die Menge an Neonicotinoiden, die ausgebracht wurde, kritisiert etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau. Dennoch zeige die Studie klare Effekte auf Honig- und Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein." Eine Ansicht, die auch der Berliner Forscher Menzel teilt.

In der zweiten Studie maßen kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov (Science: Tsvetkov et al., 2017) von der York University in Toronto die Pestizidbelastung in Kolonien von Honigbienen, die neben Feldern oder fernab davon lebten. In diesen fanden sie häufiger Rückstände der Neonicotinoide und anderer Chemikalien, sowohl im Körper der Insekten als auch in Pollen und im Honig. Dies deute darauf hin, dass sich die wasserlöslichen Substanzen von den Feldern in die Umgebung ausbreiten. Die Experimente offenbarten auch, dass das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide – also chemische Mittel gegen Pilzbefall – die Giftwirkung der Neonicotinoide verstärken.

Ohne Bienen wären wir aufgeschmissen

"Beide Studien liefern keinerlei Anhaltspunkte für eine Entwarnung, ganz im Gegenteil", sagt Menzel. Die Studien zeigten erneut die negativen Auswirkungen auf blütenbesuchende Insekten, was in politische Entscheidungen zum vollständigen Neonicotinoidverbot in der EU einbezogen werden sollte, sagt auch Brühl. Ob die Daten zu einem dauerhaften Verbot der Substanzen führen, ist indes offen.

Das in Wellen auftretende Sterben ganzer Bienenvölker seit der Jahrtausendwende – vor allem in den USA und Europa – ist ein massives Problem für die Landwirtschaft. 35 Prozent der weltweiten Anbaupflanzen werden von Bienen, Fledermäusen und Vögeln bestäubt. Die summenden Insekten sind dabei die wichtigsten Bestäuber. Japanische Forscher entwickeln sogar schon Minidrohnen (ZEIT ONLINE berichtete), die diese Aufgabe übernehmen sollen, falls das Bienensterben weiter voranschreitet. In einigen Teilen der Erde müssen Menschen diesen Job schon übernehmen: Dort werden Nutzpflanzen von Hand bestäubt.