Der Entschluss ist gefallen: Die USA wenden sich ab vom Paris-Abkommen. Ihre klimapolitischen Anstrengungen werden die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump nicht, wie bisher zugesagt, weiterverfolgen. Ganz klar – dies ist ein schwerer Rückschlag für den Klimaschutz. Doch es gibt Entwicklungen, die hoffen lassen: Erst kürzlich haben Europa und China verlauten lassen, sich zur Umsetzung des Klimaabkommens bekennen zu wollen. Auch Deutschland will direkt mit China enger im Klimaschutz zusammenarbeiten, wie gestern auf dem Regierungstreffen in Berlin verkündet wurde.
China und Indien werden ihre Klimaziele übererfüllen
Abzuschätzen,
welchen Einfluss die Abkehr der USA vom Weltklimavertrag auf die globale Erwärmung und den
zukünftigen Ausstoß von Treibhausgasen hat, ist schwierig. Eine erste Idee dazu
gab kürzlich die einflussreiche und angesehene Initiative Climate Action
Tracker mit einem interessanten Ergebnis, das Mitte Mai auf der kleinen Klimakonferenz in Bonn
vorgestellt wurde: Auf Grundlage der Bewertung der Verpflichtungen und
Maßnahmen einzelner Länder zur Minderung von Emissionen zeigte sich: Indien und China werden ihre gesetzten Klimaziele sogar übererfüllen.
Eine wesentliche Ursache dafür: Die Umstellung der Energieversorgung läuft in China und Indien längst. Der Trend zu weniger Kohleverbrennung hin zu mehr erneuerbaren Energien wird anhalten. Diese positiven Entwicklungen könnten die jetzt zu erwartenden Rückschritte in den USA abschwächen oder sogar (über-)kompensieren.
Schon heute ist vielerorts zu spüren, wie sich der Klimawandel auswirkt und Wetterextreme sich verändern, seien es Starkregenfälle,
Überschwemmungen, Hitzewellen oder Dürren. Was eine globale Erwärmung um nur zwei Grad Celsius für Europa ausmachen kann, zeigt ein interaktiver Webatlas. Er wurde im Rahmen
des von der EU finanzierten und am Climate Service Center koordinierten Projekts IMPACT2C entwickelt.
Dürren, Starkregen, Ernteverluste – all das trifft auch Europa
Deutlich zeigt sich daran: Das Klima in Europa wird sich regional sehr unterschiedlich ändern. Für Zentral- und Nordeuropa sind mehr Niederschläge und Verdunstung
zu erwarten, während diese im Mittelmeerraum abnehmen. Das Überschwemmungsrisiko
steigt in weiten Teilen Europas, während im Süden vermehrt Dürren auftreten
werden.
In den Sommermonaten werden im Mittelmeerraum die Ernteerträge zurückgehen. Im hohen Norden können sie dagegen sogar steigen, wobei der Gesamtertrag dort immer noch gering sein wird. Und die Skiregionen müssen mit Einbußen rechnen. Dies sind nur einige Beispiele, wobei es bei einem deutlich stärkeren Temperaturanstieg als zwei Grad im globalen Mittel entsprechend schwieriger wird, mit den Folgen umzugehen.
Auf all dies müssen sich die Menschen vorbereiten: in Europa, den USA und weltweit. Zu Recht stehen daher die Anpassung und ein umfassendes Risikomanagement im Fokus des Paris-Abkommens.
Unternehmen brauchen neue Konzepte und werden die Art, wo und wie sie Produkte herstellen, verarbeiten und verkaufen, umstellen und somit ihre Handelsketten anpassen. Transportwege, Binnenschifffahrt, Straßen- und Schienenverkehr – all das wird anders organisiert werden, um extremen Stürmen, Überflutungen, Niedrigwasser in Flüssen zu entgehen und gleichzeitig Emissionen zu reduzieren.
Wie Städte sich vor Hitze oder Überflutung schützen können oder wie sie die Menschen mit Energie und Wasser versorgen – all das sind Fragen, für die Forscher und Unternehmen längst Lösungsansätze erarbeiten.
In Europa ballt sich das Wissen
Sehr vieles
davon geschieht bereits. Staaten, Regionen, Bundesländer,
Städte, hinunter bis zu kleinen Kommunen sowie kleinere und große Firmen weltweit
haben diese Herausforderung erkannt. Und sie wissen, dass für sie im Klimawandel nicht nur Risiken, sondern auch Chancen stecken. Auch amerikanische Staaten
und Unternehmen haben schon in den Klimaschutz investiert und werden dies weiter tun.
Gemeinsam mit den asiatischen Vorreitern ist Europa jetzt besonders gefordert – gerade weil im europäischen Raum so viele Forscher zusammenarbeiten, es hier zahlreiche internationale Arbeitsgruppen gibt und jede Menge Daten und Ergebnisse gewonnen werden. In den europäischen Ländern ist das geballte Wissen vorhanden, das für eine Führungsrolle in der Klimaforschung, im Klimaschutz und in der Anpassung an den Klimawandel nötig ist.
Die Aufbruchstimmung aus dem Paris-Abkommen kann darüber hinaus eines der Elemente einer verstärkten europäischen Integration werden. Nicht zu vergessen die wirtschaftliche Komponente: Den Staaten, die sich auf den Klimawandel nicht vorbereiten, kann zunehmend volkswirtschaftlicher Schaden entstehen. Andersherum schaffen neue Technologien und Innovationen Wirtschaftskraft. Es gibt also viele Argumente, warum Europa eine Energiewende und Anpassung an den Klimawandel zu einem Teil seiner Zukunftsperspektive machen muss.
Bei aller
berechtigten Euphorie über das Paris-Abkommen war auch vor Donald Trumps Abkehr davon klar: Wir stehen erst am
Anfang eines langen und anspruchsvollen klimapolitischen Weges. Denn die
bisherigen Zusagen der Staaten zum Klimaschutz sind nicht ausreichend, um die Zwei-Grad-Obergrenze einzuhalten. Mit ihrer Umsetzung wäre eine durchschnittliche Erwärmung von rund
2,8 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 zu erwarten. Und machten alle Staaten einfach nur weiter wie
bisher, würden wir sehr wahrscheinlich bei einem Temperaturanstieg von 3,5 Grad
und mehr landen. Auch nach der Entscheidung der USA, ihre Zusagen von Paris nicht einzuhalten, ist klar: Klimapolitisch muss noch kräftig nachgelegt werden. In allen Ländern. Der Geist von Paris jedenfalls lebt weiter.