Ein Euro oder mehr sei vielleicht manchen zu viel Pfand, sagt die Verbraucherökonomin Lucia Reisch. "Andererseits ist der Anreiz, den Becher zurückzubringen, mit Sicherheit zu niedrig, wenn der Pfand weniger kostet."

Wie groß das Müllproblem durch Einwegkaffeebecher tatsächlich ist – auch das ist alles andere als klar. 320.000 Becher pro Stunde, rund 2,8 Milliarden pro Jahr würden in Deutschland verbraucht, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) errechnet. Das entspräche ungefähr 40.000 Tonnen Einwegbechermüll jährlich.

Das klingt dramatisch – doch die Hochrechnung hat einige Tücken: So geht sie bei 162 Litern Kaffee pro Jahr und Person von 15 Prozent Unterwegsverzehr aus, von denen wiederum knapp ein Drittel im Einwegbecher erfolge. Bei durchschnittlich 0,22 Litern Kaffee pro Becher – die Milch herausgerechnet – käme man so auf 34 Becher pro Nase im Jahr. Allerdings werden hier Schätzungen des Deutschen Kaffeeverbandes, Ergebnisse einer Aral-Umfrage und einer Marktforschungsuntersuchung vermischt, die schwer vergleichbar sind. Und kein Kaffeeladen führt genau darüber Buch, wie viele Latte Macchiatos, Cappucinos, Espressos und Americanos in Einwegbechern über seine Ladentheke gehen und wie groß dabei der Milchanteil war.

Unser Müllproblem ist ein ganz anderes

Dem gegenüber stehen Zahlen des Umweltbundesamtes, die allerdings schon älter sind. Für 2012 hat die Behörde aus Daten von Verbänden, der Abfallwirtschaft und Umweltstatistiken ermittelt, dass 106.000 Tonnen Wegwerfbecher in Deutschland verbraucht worden sind. Darin schließt die Behörde allerdings nicht nur Kaffeebecher, sondern auch solche für Kaltgetränke sowie die kleinen Rührstäbchen aus Plastik ein. Angenommen, auf Kaffeebecher entfielen tatsächlich mehrere Zehntausend Tonnen, wie die DUH angibt, ist das nicht wenig. Im Vergleich zu den 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll sowie den 45 Millionen Tonnen Haushalts- und Siedlungsabfällen ist die Zahl dennoch eher gering. Plastikverschlüsse von Flaschen kamen im Jahr 2012 etwa auf 203.000 Tonnen, also fast die doppelte Menge.

Ausgerechnet das Müllproblem durch Kaffeebecher anzugehen, hält Wolfgang Rotard für irrelevant, verglichen mit dem Gesamtaufkommen an Kunststoffen in Deutschland. "Da zeigt sich typischerweise die Kleinkariertheit in Sachen Umweltschutz", sagt der Umweltchemiker von der Technischen Universität Berlin. "Gleichwohl kann man ja nichts gegen eine Reduzierung von Verpackungsmüll einwenden – Mehrweg ist meist besser als Einweg."

Experten sind pessimistisch

Der Pfandbecher könnte die Abfallwirtschaft immerhin zu einem kleinen Teil entlasten. Und Recup-Mitbegründer Florian Palachy hat Recht, wenn er sagt, dass es nicht sinnvoll ist, ein Produkt für 15 Minuten Gebrauch zu produzieren. Doch solange das Pfandsystem nicht ausgereift und weit genug verbreitet ist, werden sich die Mehrwegbecher in Büroküchen stapeln oder als Behälter in Haushalten verschwinden. Denn im Vergleich zu Plastikbechern im Verkauf sind sie für einen bis zwei Euro günstig.

Also am besten den eigenen Thermobecher auffüllen lassen? Würde es jeder so machen, wäre das wohl die beste Lösung. So ein Behälter hält das Getränk zudem lange warm und mit einem verschließbaren Deckel läuft der Kaffee auch nicht über die Hand, wenn man zur Bahn rennt. Pfand ließe sich ebenfalls sparen. Besser noch: Viele Geschäfte geben inzwischen Rabatt, wenn der Kunde seinen eigenen Becher mitbringt.

Diese Idee muss sich aus Forschersicht aber erst noch etablieren. "Ich finde die Projekte sehr gut und sie sind es wert, gefördert zu werden. Aber wie lange hat es allein gedauert, bis Leute regelmäßig ihre Einkäufe in Stoffbeuteln verstaut haben? Jahrzehnte!", sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Lucia Reisch. Und auch Peter Kenning sagt: "Generell nehmen Menschen ein Konzept schneller an, wenn sie den damit verbundenen Nutzen sofort erkennen." Es sei aber sehr aufwändig, den Becher ständig mit sich herumzutragen und ihn unterwegs wieder sauber zu machen, bevor der nächste Kaffee hineingegossen wird. "Das Mehrwegsystem für Kaffee zum Mitnehmen ist wünschenswert", sagt Kenning. "Aber angesichts all dieser Faktoren glaube ich, es wird erst mal bei einzelnen Projekten bleiben."

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