Wo der Eiserne Vorhang blüht

Alles begann im Jahr 2002, als auf dem Kutschenberg im Harz das West-Östliche Tor eingeweiht wurde. Mit einem Mahnmal aus zwei Eichenstämmen wollte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) an den paradoxen genius loci erinnern: Bis zum Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft wurde Deutschland auch dort auf dem Eichsfeld durch eine grausam bewehrte grüne Grenze geteilt, und mit ihm die beiden feindlichen globalen Machtblöcke Ost und West. Zugleich aber bot dieses militärische Sperrgebiet, das jahrzehntelang unberührt geblieben war, einer Vielzahl seltener Pflanzen und Tieren Zuflucht.

Einer der Redner, der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger, sprach also darüber, wie ausgerechnet im Todesstreifen die Fülle des Lebens überdauern und nach der Wende von der Ostsee bis nach Bayern und Sachsen bewahrt werden konnte. Seine Würdigung dieser Naturschutzarbeit mündete in einem kühnen Vorschlag. Die Idee war ihm erst kurz vorher auf der Zugfahrt gekommen und daher mit keinem Ministerium oder Vorstand abgesprochen: Lasst uns doch dieses Grüne Band auf ganz Europa ausweiten! Ob er nicht Schirmherr werden wolle, fragte Weiger dann auch noch spontan den früheren russischen Staatspräsidenten, der beim Festakt im Harz gleich neben ihm stand. Michail Gorbatschow hatte 1989 den friedlichen Fall der Mauer ermöglicht. Gespannter Blick auf den Dolmetscher. Kurze Antwort: "Ja."

12.500 Kilometer, 24 Länder, 6 Nationalparks

Auf einmal war eine große Vision in der Welt. Heute, 15 Jahre später, ist sie weitestgehend verwirklicht. Über gigantische 12.500 Kilometer erstreckt sich mittlerweile das grenzüberschreitende Grüne Band Europa. Dieses größte, vor allem längste Naturschutzprojekt zieht sich entlang des früheren Eisernen Vorhangs in Nord-Süd-Richtung vom Eismeer und der fennoskandischen Halbinsel über die Feuchtgebiete, Wildflüsse, Gebirgs- und Küstenlandschaften des Balkans bis hinunter ans Schwarze Meer. Im Norden überleben Robben und Wale, Renwild, Elche, Ottern und Vielfraße, in den mitteleuropäischen Kulturlandschaften eine Vielzahl von Vögeln, von Ungarn bis Mazedonien europäische Luchse oder der dalmatinische Pelikan; dazu überall unzählige seltene Pflanzen-, Amphibien- oder Insektenarten. 24 Länder knüpfen gemeinsam das Grüne Band. Dabei kooperieren Behörden ebenso miteinander wie unzählige lokale Gruppen. Sechs von 40 Nationalparks entstanden grenzüberschreitend.

Für seinen visionären Mut bekommt Hubert Weiger an diesem Sonntag den Deutschen Umweltpreis verliehen. Das ist hierzulande die höchste Auszeichnung für grünes Engagement. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt prämiert neben dem Erfolg des Forstwissenschaftlers bei der Erhaltung der Arten zugleich ein Symbol für die Überwindung des Ost-West-Konfliktes, für ein Europa der Regionen – und für die Hoffnung, dass das grenzüberschreitende, friedliche Zusammenwirken der Naturschützer auch für andere Teile der Welt ein Vorbild werden kann.

Das Grüne Band in Europa

Die Linie des Europäischen Grünen Bandes verläuft über mehr als 12.000 Kilometer Länge von der Barentssee im Norden bis zur Adria und zum Schwarzen Meer im Süden.

Und noch etwas symbolisiert das Grüne Band: Ausdauer. Denn eigentlich begann seine Geschichte noch viel früher. Schon Anfang der 1970er Jahre treibt sich im oberfränkischen Hassenberg ein 14-Jähriger regelmäßig an der "damals bestbewachten Grenze der Welt" herum. Die scharf bewaffneten amerikanischen Patrouillen und Bundesgrenzschützer kennen ihn schon: "Der Sohn vom Doktor guckt wieder nach seltenen Vögeln", sagen sie, wenn Kai Frobel mal wieder mit seinem Fernglas auftaucht. Von Westen her kann er ziemlich nah an den Stacheldraht heran. So beobachtet der Hobbyornithologe "drüben" auf der DDR-Seite ein Eldorado für Vögel: Raubwürger, Ziegenmelker, Grauammern und Braunkehlchen, die auf dem Grenzzaun balzen. Aus Wiesen, Feldern und Wäldern der alten Bundesrepublik hat die Flurbereinigung sie vertrieben.

Gemeinsam mit fünf weiteren Naturschutzkumpels aus der BUND-Jugend zählt der "Orni" Frobel durch: 90 Prozent dieser seltenen Vogelarten kommen nur noch im Grenzstreifen vor. Ähnlich den Krefeldern mit ihrer bitteren Bilanz des Schmetterlingssterbens in diesen Tagen traten also auch damals schon Laienforscher den Beweis an: Die Natur war eine Kalter-Krieg-Gewinnerin. Der heutige Geoökologe Kai Frobel ist Projektleiter des Grünen Bandes in Nürnberg – und der zweite Preisträger der DBU. Denn dank seines Wissens konnte er gemeinsam mit Hubert Weiger gleich nach dem Mauerfall die Initiative ergreifen und den Ursprungsabschnitt des Grünen Bandes im eigenen Land organisieren.

Am Grünen Band wird gut gegessen, musiziert, es gibt sanften Tourismus

Noch im Jahr 1989 riefen die beiden Ökoengagierten die erste deutsch-deutsche Naturschutztagung in Hof zusammen. 40 Einladungsbriefe hatten sie verschickt, denn wegen des Kontaktverbots kannten sie in der DDR nur einige wenige Förster oder Vogelkundler. Doch dann kamen gleich beim ersten Mal 400 Gleichgesinnte. Erst aufgeregt, wie sehr würde man fremdeln? Und dann euphorisch: "Gemeinsame Sprache, gemeinsame Leidenschaft, gemeinsame Werte: Man hat sich sofort verstanden", erzählen Frobel und Weiger. "Es herrschte eine ganz besondere Aufbruchstimmung." Von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen vernetzten Ost und West seither gemeinsam fast 1.400 Kilometer Biotopschutzflächen. Naturschutzgebiete, Natura-2000-Gebiete. Zug um Zug.

Die Erfahrungen in Deutschland kamen dem Aufbau des europäischen Grünen Bandes zugute. Bei der Erweiterung konnten Frobel und Weiger außerdem an bereits vorhandene Kooperationen anknüpfen. Finnland und Russland zum Beispiel hatten schon vor dem Zusammenbruch des Ostblocks gemeinsam Moore und Urwälder geschützt. Am Neusiedlersee arbeiteten Tschechen, Österreicher und Ungarn zusammen. Doch erst der gesamte Verbund schafft nun die zusammenhängenden Streifräume, die Großtiere wie Wölfe oder Bären brauchen. Und erst die gesamteuropäische Vision stärke das Selbstbewusstsein der Naturschützer in den häufig marginalisierten früheren Grenzregionen: "Man hat das Gefühl: Ich bin Teil eines großen Ganzen."

Zur Praxis dieser Vision gehört, dass die Pflege der Artenvielfalt stets auch mit jener der kulturellen Vielfalt einhergeht. Am Grünen Band wird gut gegessen, musiziert, es gibt sanften Tourismus und Museen, die historische Erfahrungen vermitteln. Wenn Schüler aus Wunsiedel mit ihren tschechischen Nachbarn gemeinsam Bäche reinigen und durchlüften, damit sich die seltene Flussperlmuschel wieder ansiedeln kann, dann wird auch das einstmals gespannte Verhältnis beider Länder zum Thema. Dass viele Kinder und Jugendliche in der Natur forschen und von ihr lernen können, verdankt das Grüne Band unter anderem einer privaten Stiftung. Inge Sielmann, die Ehefrau des bekannten Naturfilmers Heinz Sielmann, ist die dritte DBU-Preisträgerin. Sie gründete zusammen mit ihrem Mann eine Filmproduktion, leitete die dortigen Geschäfte und engagierte sich jahrzehntelang im Naturschutz und wurde dafür bereits vielfach ausgezeichnet.

Nächster Schritt: Weltkulturerbe

Ausdauer war aber auch bei vielen Rückschlägen gefordert. Zum Beispiel wollte der Bund in den neunziger Jahren seinen Flächenbesitz entlang der früheren Mauer auf dem freien Markt verkaufen. Da wurde um jeden Quadratmeter für den Naturschutz gerungen. Außerdem warten überall Investoren. Überall in Europa gelte es immer wieder, Wälder und Seen gegen den Bau großer Hotelkomplexe, Wasserkraftwerke oder Gewerbegebiete oder auch gegen das Vordringen der Intensivlandwirtschaft zu verteidigen, sagt Hubert Weiger. Traurig macht ihn, dass seit der Flüchtlingskrise in Ländern wie Ungarn oder Mazedonien als Folge des Drucks populistischer Strömungen "doch wieder neue Grenzen in Europa gebaut werden". 

Besonders das Bundesamt für Naturschutz hat die Pioniere des Grünen Bandes stets unterstützt. Aber natürlich wünschen sie sich noch mehr und verlässlichere Finanzierungsquellen. Beispielsweise wollen sie Tausende von Hektar wertvoller Biotope wieder für den Naturschutz freikaufen, die nach der Wende im Niemandsland unter den Pflug genommen wurden. Rund 30 Millionen Euro würden für all das gebraucht, sagt Hubert Weiger. Ein ganz schönes Sümmchen? Der DBU-Preisträger antwortet lakonisch: "Das entspricht etwa den Kosten für zwei Kilometer Autobahn." Auch im europäischen Korridor gibt es noch einige Lücken zu schließen – und die Voraussetzung für einen erhofften internationalen Schutzstatus als Weltkulturerbe der Unesco zu schaffen.