Noch im Jahr 1989 riefen die beiden Ökoengagierten die erste deutsch-deutsche Naturschutztagung in Hof zusammen. 40 Einladungsbriefe hatten sie verschickt, denn wegen des Kontaktverbots kannten sie in der DDR nur einige wenige Förster oder Vogelkundler. Doch dann kamen gleich beim ersten Mal 400 Gleichgesinnte. Erst aufgeregt, wie sehr würde man fremdeln? Und dann euphorisch: "Gemeinsame Sprache, gemeinsame Leidenschaft, gemeinsame Werte: Man hat sich sofort verstanden", erzählen Frobel und Weiger. "Es herrschte eine ganz besondere Aufbruchstimmung." Von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen vernetzten Ost und West seither gemeinsam fast 1.400 Kilometer Biotopschutzflächen. Naturschutzgebiete, Natura-2000-Gebiete. Zug um Zug.

Die Erfahrungen in Deutschland kamen dem Aufbau des europäischen Grünen Bandes zugute. Bei der Erweiterung konnten Frobel und Weiger außerdem an bereits vorhandene Kooperationen anknüpfen. Finnland und Russland zum Beispiel hatten schon vor dem Zusammenbruch des Ostblocks gemeinsam Moore und Urwälder geschützt. Am Neusiedlersee arbeiteten Tschechen, Österreicher und Ungarn zusammen. Doch erst der gesamte Verbund schafft nun die zusammenhängenden Streifräume, die Großtiere wie Wölfe oder Bären brauchen. Und erst die gesamteuropäische Vision stärke das Selbstbewusstsein der Naturschützer in den häufig marginalisierten früheren Grenzregionen: "Man hat das Gefühl: Ich bin Teil eines großen Ganzen."

Zur Praxis dieser Vision gehört, dass die Pflege der Artenvielfalt stets auch mit jener der kulturellen Vielfalt einhergeht. Am Grünen Band wird gut gegessen, musiziert, es gibt sanften Tourismus und Museen, die historische Erfahrungen vermitteln. Wenn Schüler aus Wunsiedel mit ihren tschechischen Nachbarn gemeinsam Bäche reinigen und durchlüften, damit sich die seltene Flussperlmuschel wieder ansiedeln kann, dann wird auch das einstmals gespannte Verhältnis beider Länder zum Thema. Dass viele Kinder und Jugendliche in der Natur forschen und von ihr lernen können, verdankt das Grüne Band unter anderem einer privaten Stiftung. Inge Sielmann, die Ehefrau des bekannten Naturfilmers Heinz Sielmann, ist die dritte DBU-Preisträgerin. Sie gründete zusammen mit ihrem Mann eine Filmproduktion, leitete die dortigen Geschäfte und engagierte sich jahrzehntelang im Naturschutz und wurde dafür bereits vielfach ausgezeichnet.

Nächster Schritt: Weltkulturerbe

Ausdauer war aber auch bei vielen Rückschlägen gefordert. Zum Beispiel wollte der Bund in den neunziger Jahren seinen Flächenbesitz entlang der früheren Mauer auf dem freien Markt verkaufen. Da wurde um jeden Quadratmeter für den Naturschutz gerungen. Außerdem warten überall Investoren. Überall in Europa gelte es immer wieder, Wälder und Seen gegen den Bau großer Hotelkomplexe, Wasserkraftwerke oder Gewerbegebiete oder auch gegen das Vordringen der Intensivlandwirtschaft zu verteidigen, sagt Hubert Weiger. Traurig macht ihn, dass seit der Flüchtlingskrise in Ländern wie Ungarn oder Mazedonien als Folge des Drucks populistischer Strömungen "doch wieder neue Grenzen in Europa gebaut werden". 

Besonders das Bundesamt für Naturschutz hat die Pioniere des Grünen Bandes stets unterstützt. Aber natürlich wünschen sie sich noch mehr und verlässlichere Finanzierungsquellen. Beispielsweise wollen sie Tausende von Hektar wertvoller Biotope wieder für den Naturschutz freikaufen, die nach der Wende im Niemandsland unter den Pflug genommen wurden. Rund 30 Millionen Euro würden für all das gebraucht, sagt Hubert Weiger. Ein ganz schönes Sümmchen? Der DBU-Preisträger antwortet lakonisch: "Das entspricht etwa den Kosten für zwei Kilometer Autobahn." Auch im europäischen Korridor gibt es noch einige Lücken zu schließen – und die Voraussetzung für einen erhofften internationalen Schutzstatus als Weltkulturerbe der Unesco zu schaffen.