Krefeld ist eine nordrhein-westfälische Stadt zwischen Düsseldorf und Duisburg. Und die Heimat des Entomologischen Vereins Krefeld, in dem ehrenamtliche Insektenkundler seit Jahrzehnten auf das Insektensterben in Deutschland aufmerksam machen wollen und deshalb seit Jahrzehnten Daten sammeln.
Wissenschaftler um Caspar Hallmann von der niederländischen Radboud University in Nijmegen haben diese Daten der Krefelder Insektensammler ausgewertet. An 63 verschiedenen Standorten in in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg hatten die Hobby-Entomologen seit 1989 spezielle Netzvorrichtungen aufgestellt, sogenannte Malaise-Fallen, in denen Fluginsekten in einen Sammelbehälter schwirren und dort konserviert werden. In all den Jahren sammelte sich so eine Biomasse von 53,54 Kilogramm. Die Auswertung zeigte: Die jährlich gesammelte Insektenmasse ist innerhalb der vergangenen 27 Jahre um mehr als 75 Prozent geschrumpft.
Im Fachmagazin Plos One nannten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden die Arbeit überzeugend und warnten vor einem massiven Sterben von Fluginsekten. Die Auswertung der Daten und die Publikation der Ergebnisse liefere den Beleg, dass der Schwund nicht nur einzelne Standorte betreffe, sondern "wirklich ein größerflächiges Problem" sei, sagte der Biologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Die jährliche Gesamtmasse an wirbellosen Tieren habe im Mittel um rund 76 Prozent abgenommen. Am stärksten sei der Rückgang mit knapp 82 Prozent in der Mitte des Sommers, wenn am meisten Insekten herumsummen. "Ein Schwund wurde bereits lange vermutet, aber er ist noch größer als bisher angenommen", sagte der Studienautor Caspar Hallmann.
"Unsere Enkel erben eine hochgradig verarmte Welt"
Dave Goulson, Co-Autor der Studie an der britischen Sussex University, zeigte sich beunruhigt über diese Entwicklungen: "Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus. Wie es scheint, machen wir große Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens, und befinden uns gegenwärtig auf dem Kurs zu einem ökologischen Armageddon. Bei dem derzeit eingeschlagenen Weg werden unsere Enkel eine hochgradig verarmte Welt erben."
Die Methodik der Untersuchung sei Fachkollegen zufolge zulässig. An den meisten der untersuchten Standorte wurden nur in einem Jahr des Studienzeitraums Proben genommen, die Fallen wurden in regelmäßigen Abständen geleert und die Gesamtmasse der gefangenen Insekten bestimmt. Anschließend zogen die Forscher innerhalb bestimmter Lebensräume – etwa Heidelandschaften, Brachflächen oder Graslandschaften – den Vergleich, wie sich die Biomasse über die Zeit verändert hatte.
Als mögliche Ursache für den Insektenschwund führten die Wissenschaftler Klimafaktoren, zunehmende landwirtschaftliche Nutzung und sogenannte Lebensraumfaktoren an. Zu einer eindeutigen Erklärung kam die Studie nicht. Einen Zusammenhang zwischen der intensivierten Landwirtschaft und dem Insektensterben sei nach Ansicht der Wissenschaftler naheliegend.
Ist intensive Landwirtschaft schuld am Insektensterben?
Der zunehmende Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln sowie die ganzjährige Bewirtschaftung spielten vermutlich eine Rolle, klare wissenschaftliche Belege für diese Annahme lägen aber nicht vor. Teja Tscharntke etwa, ein Agrarökologe der Georg-August-Universität Göttingen, sehe in der Intensivierung der Landwirtschaft eine plausible Ursache für den "dramatischen Insekten-Rückgang". Entscheidend sei dabei auch, dass sich bei großen Feldern häufig nur wenige schmale Feldränder, Hecken und Gehölze befänden, die Insekten als Habitate nutzen könnten.
Vertreter des deutschen Bauernbundes widersprachen dieser Darstellung und forderten weitere Untersuchungen: "In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft", sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. "Die neue Studie bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt."
Der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Olaf Tschimpke, nannte die Studienergebnisse "höchst dramatisch und bedrohlich" und verlangte von der neuen Bundesregierung den Einsatz für einen Kurswechsel in der Agrarpolitik auf EU-Ebene.
Zusammenfassend stellten die Autoren der Studie fest, dass der Insektenschwund größer ist als bisher angenommen – und einen verheerenden Effekt haben könnte. Der Verlust der Insekten wirke sich kaskadenartig auch auf andere Lebewesen aus und habe weitreichende Folgen für die Ökosysteme insgesamt. Auch Alexandra-Maria Klein, Landschaftsökologin von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, fordert die Erhebung weiterer Langzeitdaten, um die Ursachen des Insektensterbens zu klären. Man dürfe allerdings "nicht auf diese Ergebnisse warten, bis wir unsere Landnutzung ändern", sagte Klein. "Dies könnte für einige Insekten zu spät sein."
Kommentare
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Sie meinen jene Spezies, deren Weibchen Morgens und Mittags das Kind mit dem SUV durch die gegend kutschieren? Hoffnungslos.
Auch ich als Einzelperson kann diesen Tatbestand ohne große Studie beobachten!
Ich wollte gerade den Kommentar, den sie entfernt haben, empfehlen, er war weder beleidigend noch destruktiv, und gehörte durchaus zum Thema. Auch ich bedaure die zunehmende Abkehr der "Grünen" von ihren ursprünglichen Zielen - GRÜN
Das Insektensterben ist aber auch nur einer der Eisberge. Zur Zeit läuft auf Sat3 eine Doku über resistente Bakterien und multiresistente Keime. Gestern auf Arte die Doku über das Glyphosat Tribunal: Glyphosat ist nicht nur ein Herbizit. Es gibt drei Patente für Glyphosat: als Komplexbildner der Schwermetalle löst und festhält, als Herbizit und als starkes Antibiotikum. In der Tiermast werden Antibiotika tonnenweise eingesetzt und die Gesundheitsbehörden winken das alles durch.
Das massenhafte Insektensterben mache ich an den Schmetterlingen fest.
Früher fester Bestandteil im Sommer: Kohlweißling, Zitronenfaler, kleiner Fuchs
Man kam nicht um die drumherum. Seit ca. 10 Jahren sehe ich eigentlich gar keine mehr.
Die Extensive Landwirtschaft mit GPS-optimierten Mähmaschinen, die keinen Feldrand unbearbeitet lassen, Monokulturen und Neonikotinoiden als Insektiziden, die alles gnadenlos Killen, auch Bienen, hinterlassen wir eine Wüste und letztenendes wird dieser Raubbau auf uns zurückkommen.
Darf man fragen, wo Sie leben?
Denn ich habe in diesem Sommer und selbst noch vor wenigen Tagen diverse Schmetterlingsarten beobachten können. Füchse, Admirale, Kohlweißlinge, Zitronenfalter und selbst Arten, die ich nicht kenne, zuvor aber auch noch nie beobachtet habe.
Mag sein, dass es in den letzten Jahren weniger geworden sind, aber dass sie ganz weg sind, ist ein Ammenmärchen.
Diese Story wurde doch schon vor Monaten lang und breit medial behandelt. Warum denn jetzt erneut diese Welle über etwas, was bereits bekannt ist? Wo ist der Nachrichtenwert?
Der Nachrichtenwert liegt ad a) darin, dass man nun festgestellt hat, dass die Krefelder keine Meßfehler gemacht haben und das Problem somit real ist, und ad b) dass wir gerade dabei sind, unsere Lebensgrundlagen zu vernichten.
Grund genug? Ich finde schon.