ZEIT ONLINE: Erst waren es Bären, dann Wölfe. Jetzt scheinen Wildschweine Deutschlands Problemtiere der Stunde zu sein. Nicht nur kollidieren ICEs mit ihnen oder sie rotten sich in Stadtparks zusammen und greifen Jogger und Mütter mit Kinderwägen an, nein – nun übertragen sie auch noch die Afrikanische Schweinepest. Haben wir in Deutschland eine Wildschweinplage?

Hilmar Freiherr von Münchhausen: Das Zusammenleben von Wildtier und Mensch ist nie konfliktfrei. Wir haben in Deutschland sehr hohe Wildschweinbestände, da die Tiere oft falsch und lange Zeit nicht intensiv genug bejagt wurden. Daraus erwachsen vor allem für die Landwirtschaft Probleme. Dass Wildschweine sich in ein Einkaufzentrum verirren oder Menschen attackieren, ist die absolute Ausnahme. Und sie reagieren nur aggressiv, wenn sie bedrängt werden.

ZEIT ONLINE: Von welchen Tieren reden wir überhaupt genau?

Von Münchhausen: Bei uns in Deutschland lebt nur eine Art von Wildschweinen, lateinisch Sus scrofa. Weltweit gibt es viele Unterarten.

Hilmar Freiherr von Münchhausen ist bei der Deutschen Wildtier Stiftung für Naturschutz und Agrarpolitik zuständig. Die Stiftung setzt sich für heimische Wildtiere ein. Als Jäger begegnet der Naturschützer regelmäßig Wildschweinen. © K. Becker

ZEIT ONLINE: Woher weiß man, wie viele Wildschweine es gibt, wer erfasst das und wie zuverlässig sind die Zahlen?

Von Münchhausen: Wildtiere zu zählen, ist sehr schwer. Wir wissen nicht, wie viele Wildschweine in Deutschland leben. Ein Indikator für den Bestand und seine Entwicklung ist die Zahl der auf der Jagd erlegten Tiere. 2017 lag sie bei knapp 600.000 Tieren. Im laufenden Jagdjahr wird diese Zahl sicher noch höher ausfallen. Aber keine Angst: Das Wildschwein wird in Deutschland nicht aussterben.

ZEIT ONLINE: Weiß man wenigsten, in welchen Regionen sie besonders häufig vorkommen?

Von Münchhausen: Schwerpunkte der Verbreitung waren früher der Norden und Osten Deutschlands sowie die Wälder in den Mittelgebirgen. Mittlerweile sind auch die Bestände in Bayern und Baden-Württemberg stark gestiegen. Die Zahl der geschossenen Wildschweine hat sich in Bayern in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt.

ZEIT ONLINE: Tauchen Wildschweine nur wegen ihrer wachsenden Anzahl vermehrt in Städten auf oder lockt beziehungsweise verscheucht sie etwas aus dem Wald?

Von Münchhausen: In Städten ist der Jagddruck gering, das Nahrungsangebot – vom weggeworfenen Schulbrot über Abfall bis zu den Würmern in den schön kultivierten Gartenböden – ist hoch. Die Temperaturen sind tendenziell etwas höher, was die Wildschweine mögen. Und wenn Städte über viele Grünflächen verfügen, wie zum Beispiel Berlin, haben sie dort optimale Lebensbedingungen.

ZEIT ONLINE: Warum hat sich das Schwarzwild, wie Jäger sagen, so stark vermehrt?

Von Münchhausen: Wildschweine sind anpassungsfähig und bekommen viel Nachwuchs. Bleiben sehr kalte Winter aus, überlebt ein hoher Anteil der Jungtiere, der Frischlinge. Wenn es in den sogenannten Mastjahren dann auch noch viele Eicheln und Bucheckern gibt, finden sie sehr viel Nahrung. Überhaupt gibt es für diese Tiere in unserer Kulturlandschaft selten Nahrungsengpässe. Vor allem die durch den Biogasboom stark angewachsenen Maisflächen sind ein Eldorado für Wildschweine.

ZEIT ONLINE: Trotzdem frage ich mich: Warum habe ich noch nie ein Wildschwein in freier Wildbahn gesehen? Ich bin ja Biologin und habe eigentlich ein gutes Auge, selbst für versteckte, getarnte Tierchen. Aber egal, wie viele Stunden ich auf der Strecke von Berlin nach Hamburg aus dem Zug starre – ich sehe einfach keins!

Von Münchhausen: Wildschweine verbringen den Tag meist ruhend. Sie sind Meister darin, sich zu verstecken – ob im Gebüsch, in Walddickungen oder im Schilf. Der hohe Jagddruck hat sie außerdem vorsichtig werden lassen. Erst in der Dämmerung und während der Nacht ziehen sie aus dem Wald ins Offenland, um Nahrung zu suchen. In Gebieten mit Jagdruhe lassen sich Wildschweine auch bei Tageslicht beobachten.