ZEIT ONLINE: Sturmtief Friederike hat Deutschland heftig erwischt. Mindestens acht Mensch sind gestorben, der Bahnverkehr wurde deutschlandweit eingestellt, Flüge gestrichen und die Orkanböen hinterließen schwere Schäden. Wie viele Stunden vorher wussten Sie beim Deutschen Wetterdienst (DWD), dass da etwas Größeres heranzieht?

Andreas Friedrich: Diesmal hatten wir sehr gute Daten aus unseren Wettermodellen. Schon vor einer Woche zeichnete sich ab, dass ein Orkantief Mitteleuropa treffen würde. Wo genau und mit welcher Stärke konnte man da noch nicht sagen. In der Wochenvorhersage haben wir die Sturmgefahr aber bereits angekündigt. Präziser warnen konnten wir ab Mittwoch, knapp 24 Stunden bevor das Orkantief Deutschland erreichte.

ZEIT ONLINE: Ließ sich zu diesem Zeitpunkt auch schon sagen, wo der Sturm entlangziehen würde?

Der Meteorologe Andreas Friedrich ist Tornado-Beauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und Pressereferent. © DWD

Friedrich: Ja, da war schon klar, dass Friederike mit schweren Orkanböen Kurs über den Norden Deutschlands nehmen, von Westen hereinziehen und am Abend den Osten erreichen würde. Entsprechend gab es am Mittwochabend eindeutige Unwetterwarnungen. Die Menschen in den besonders betroffenen Regionen wurden aufgefordert, drinnenzubleiben. Nicht nur der DWD, auch private Wetterdienste haben gewarnt. Die Warnkette hat diesmal gut funktioniert. Ich denke, nur deswegen ist nicht noch mehr passiert. In Anbetracht der Schwere des Orkans wurden wenige Menschen verletzt und getötet.

ZEIT ONLINE: Wie oft kommt es vor, dass der DWD sogar sagt, man solle das Haus nicht verlassen?

Friedrich: Winterstürme haben wir jedes Jahr, aber dass wir derart warnen müssen, ist selten. Diesmal war die Situation auch deshalb besonders gefährlich, weil durch das feuchte Wetter im Vorfeld die Bäume besonders instabil waren.

ZEIT ONLINE: In den letzten Jahren gab es nach Unwettern häufiger Kritik am DWD und an den öffentlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten, es werde nicht deutlich, nicht früh und nicht plakativ genug gewarnt. Auch Ihr Kollege, der Meteorologe Adrian Leyser, forderte im Herbst 2017 im Interview mit ZEIT ONLINE: "Unwetterwarnungen müssen auch ankommen" und kritisierte, die Infokette – also der Weg von den Meteorologen, die die Vorhersagen und Warnungen machen, zur Bevölkerung – habe immer noch Lücken oder Schwachstellen. Hat sich da etwas verbessert?

Friedrich: Ich finde schon, wenn man es über längere Sicht betrachtet. Schaut man sich Sturm Lothar vor 18 Jahren an, wird deutlich, wie viel besser und genauer die Warnungen heute sind. Damals hat der Orkan die Bevölkerung an Weihnachten völlig überrascht. Es gab noch keine Wetter-Apps, die Daten der Wetterdienste wurden teils noch per Fax an die Sender geschickt – und weil auch noch Feiertage waren, blieben die in einigen Redaktionen ungesehen liegen. Heute kann sich jeder über die WarnWetter-App Push-Mitteilungen schicken lassen, sich online informieren und weiterhin im Radio und Fernsehen. Vorbildlich waren die Warnungen vor Sturmtief Friederike diesmal beim Hessischen Rundfunk. Im Programm war seit Mittwoch durchgehend ein rotes Warnzeichen zu sehen und der Hinweis auf die Sturmwarnung im Teletext. Wer den Fernseher eingeschaltet hat, konnte es nicht verpassen.

ZEIT ONLINE: Zurück zur Wissenschaft. Wie genau entsteht so ein Orkantief?

Friedrich: Orkantiefs bilden sich, wenn zwischen den polaren Regionen und den Subtropen starke Temperaturunterschiede herrschen. Dort, wo der Kontrast besonders stark ist – also auf Höhe der Azoren und der Kanaren –, bilden sich dann solche Tiefdruckgebiete. Friederike entstand erst am Mittwoch südlich von Grönland, am Donnerstagmittag hatte das Tief bereits Hamburg erreicht. Sie ist ein sogenannter Schnellläufer: So nennen Meteorologen Tiefdruckgebiete, die an einem Tag mehrere Tausend Kilometer überwinden. Das Gute daran: Friederike ist jetzt schon Richtung Weißrussland weitergezogen. Die Gefahr über Deutschland ist vorbei.