In gigantischen Herden ziehen sie seit Jahrtausenden durch die Steppen der Saiga in Eurasien, die sich über die heutigen Staatsgrenzen von Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, der Mongolei und Russland erstreckt: Saiga-Antilopen. Vor zwei Jahren raffte eine rätselhafte Seuche große Teile der ohnehin schon bedrohten Population dahin.

Mehr als 60 Prozent der gesamten Antilopen-Population starb damals innerhalb von nur drei Wochen – ein großer Teil waren frisch geborene Kälber. Nur wenige Stunden nachdem sie krank wurden, waren die meisten Tiere an inneren Blutungen und Organversagen verendet. Früh war die Todesursache der einzelnen Tiere geklärt: eine Infektion mit dem Bakterium Pasteurella multocida. Doch es blieb mysteriös, warum dieses unter den Huftieren bekannte Bakterium auf einmal ein solches Massensterben auslösen könnte: Schließlich tragen es die meisten Saiga-Antilopen in sich und es wird ihnen nur dann gefährlich, wenn etwas anderes ihr Immunsystem schwächt.

Rätselhaft erschien den Wissenschaftler auch, dass während des Ausbruchs der Seuche Antilopen auf einer 250.000 Quadratkilometer großen Fläche starben – dreimal so groß wie Österreich. Unmöglich also, dass sich alle Tiere in so kurzer Zeit untereinander angesteckt haben können. Was also löste das plötzliche Massensterben aus?

Auch Wilderei bedroht die Tiere

Wie Forscher von der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt jetzt im Magazin Science Advances berichten (Kock et al. 2018), war der entscheidende Faktor das Wetter. Überdurchschnittliche hohe Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit schufen ideale Bedingungen für die Vermehrung der sonst harmlosen Bakterien, schreiben die Wissenschaftler. Sie stellten fest, dass die Art generell anfällig für solche Massensterben sind – besonders bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit.

"Die jetzt vorliegenden Ergebnisse lösen nicht nur ein Rätsel, sondern helfen uns hoffentlich auch, den Schutz der Saigas zu verbessern", sagte Steffen Zuther von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und Mitautor der Studie. Schon vor dem außergewöhnlichen Massensterben im Jahr 2015 waren die Tiere auf der Roten Liste bedrohter Arten als "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Gab es Anfang der 1990er-Jahre noch rund eine Million dieser Tiere in Zentralasien, sind es heute nur noch rund 180.000. 

Das Wetter als entscheidenden Faktor hatten Forscher schon damals unter Verdacht, doch erst jetzt ließ sich dies auch in der Studie untermauern. Und sie zeigt: Sollte es im Zuge der globalen Erderwärmung in der Saiga-Steppe häufiger zu solchen Wärmeperioden kommen, könnten auch Seuchen gravierende Folgen haben.

Eine weitere Bedrohung für die Tiere ist die Wilderei. Saiga-Fleisch ist bei vielen Bewohnern in Südwestrussland beliebt. Zudem haben es Wilderer auf die Hörner der Antilopen abgesehen, die auch in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) verwendet werden. "In Anbetracht all dieser Bedrohungen ist es denkbar, dass ein erneutes Massensterben die Population auf ein Niveau dezimieren könnte, von dem aus eine Erholung der Art unmöglich wird. Nur wenn wir auf lange Sicht große Bestände haben, kann die Saiga-Antilope auf Dauer überleben", sagte Zuther.