Am Nordpol ist es zu dieser Jahreszeit bitterkalt, denn es herrscht Polarnacht, völlige Dunkelheit in der Arktis. Eigentlich müsste es jetzt dort so dauerfrostig sein wie dieser Tage in Deutschland. So war es jahrelang, doch das hat sich verändert: Der Dänische Wetterdienst DMI meldet Plusgrade auf Nordgrönland. Seit Beginn der Aufzeichnungen gab es im polaren Winter nie weniger Meereis am Polarkreis als in diesem Jahr. 2018 wird mit einem neuen Negativrekord in die Geschichte eingehen. Was hier geschieht, könnte bald alles durcheinanderbringen.

Die aktuelle Wärme ist rasch erklärt. "Wie immer wird das Wetter durch die Luftdruckmuster auf der Erde bestimmt", sagt Christian Haas, Professor für die Geophysik des arktischen Eises an der York University im kanadischen Toronto. Das Hoch über der sibirischen Küste bewege kalte Luft im Uhrzeigersinn nach Mitteleuropa, ziehe gleichzeitig aber warme Luftmassen aus dem Atlantik in die Arktis. 

Das hat Folgen, denn dort kommt die Eisfläche wegen der Wärme besonders an ihren Rändern nicht dazu, sich zu regenerieren. Kurz vor dem Höhepunkt des arktischen Winters, der in den ersten Märztagen liegt, betrug die Meereisfläche 14.159 Millionen Quadratkilometern, an Tag 57 dieses Jahres (26. Februar). "Das ist die kleinste je in der Arktis gemessene Eisdecke am Ende des Monats Februar", sagt Geophysiker Haas. Gemessen wird seit 1978 per Satellit.

Schwindendes Meereis

Die Kurve zeichnet nach, wie viel Fläche der Erde sowohl an Nord- und Südpol im Jahresverlauf mit Meereis bedeckt ist. In diesem Jahr (rote Linie) hat sie bereits abgenommen wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Situation in der Arktis allein ist dramatisch.

National Snow & Ice Data Center © ZEIT ONLINE

In den Wochen ohne jeden Sonnenschein fror die Wasseroberfläche rings um den Nordpol bislang immer zu. Nun aber wird in wenigen Tagen die Polarnacht ohne diesen Prozess enden. Dann wird sich die Sonne wieder zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird die Eisfläche wieder auftauen. Weil die Ausgangsfläche so klein ist, fürchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen neuen Schmelzrekord im Sommer.

"Eisflächen haben einen höheren Rückstrahleffekt als die dunklere Wasseroberfläche", erklärt Christian Haas, der auch beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung arbeitet. Der sogenannte Albedo-Effekt wirkt hier: An jenen Stellen, an denen der arktische Ozean kein Meereis mehr trägt, schluckt er mehr Sonnenenergie und erwärmt so den Nordpol immer weiter. Ein Teufelskreis mit schwerwiegenden Folgen für Wetter und Ökosystem.

Zum Beispiel für den Jetstream, ein wetterbestimmendes Windband, das in großer Höhe über der Nordhalbkugel kreist. "Die Stabilität des Jetstreams wird von der Temperaturdifferenz zwischen Äquator und Nordpol bestimmt, je geringer die Temperaturdifferenz, desto virulenter der Jetstream", erklärt Haas. Virulenter bedeutet, dass der Höhenwind stärker nach Süden ausschlägt und so das Wetter durcheinanderbringt. Das war beispielsweise im Januar 2014 in Nordamerika der Fall. Im November 2016 konnten Auswirkungen in der Arktis selbst beobachtet werden. Auch war der Effekt für den schlechten Sommer im vergangenen Jahr verantwortlich.

Ist die Entwicklung ist nicht mehr zu stoppen, der Kipp-Punkt überschritten?

"In der Arktis verläuft die Erderwärmung zudem doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt", sagt Mojib Latif, Professor für Maritime Meteorologie am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Mit Folgen für Flora und Fauna: "Die Arktis ist ein gigantisches Ökosystem, Ausgangspunkt von vielen Nahrungsketten in der ganzen Welt." Man sieht sie nicht, die Algen an der Unterseite des Eises, von denen sich der Krill und andere mikroskopisch kleine Krebstiere ernähren. "Dieses garnelenförmige Plankton ist Nahrungsgrundlage von Krebsen, Fischen, Walen oder Robben", sagt Latif, die wiederum Grundlage für viele andere Lebewesen sind.

Die Arktis wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren im Sommer eisfrei werden.
Matk Brandon, Ozeanograf

Je weiter das Eis zurückgeht, desto weniger Algen gibt es, umso weniger Krill überlebt, umso weniger von all den anderen Lebewesen werden satt, die so wichtig sind für den Mensch und die Ökosysteme. "Das Nordpolarmeer ist im Begriff, typisch arktische Merkmale zu verlieren", sagt Latif. Weil die Gletscher kalben und weil aus den mächtigen Strömen Sibiriens und Kanadas das Süßwasser einfließt, weist das Wasser im Nordpolarmeer einen geringeren Salzgehalt als beispielsweise der Atlantik auf. Das spielt auch in den Golfstrom hinein, der größten und schnellsten Meeresströmungen unseres Planeten. Kälte und Physik sind seine Antriebsmittel. Verliert nun das Nordpolarmeer seine arktischen Merkmale, schwindet auch die Kraft des Golfstroms und bringt bestehende Gleichgewichte ins Wanken.

"Die Arktis wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren im Sommer eisfrei werden", sagt der britische Ozeanograf und Klimaforscher Mark Brandon von der Open University in Milton Keynes. Wenn es einen Kipp-Punkt gebe, einen Punkt, an dem die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen sei, "dann ist er schon überschritten".

Nie war ein Winter eisfreier

Das Meereis in der Arktis bedeckte schon im Januar 2018 die geringste Fläche in einem Winter seitdem Satelliten 1978 begonnen haben, diese Region zu observieren.

National Snow & Ice Data Center © ZEIT ONLINE

So weit will Christian Haas nicht gehen, der unter anderem elektromagnetische Sonden zur Messung der Dicke von Eisschollen entwickelt hat. "Entscheidend für den Zustand der Arktis ist die Meereisdicke, nicht die Ausdehnung", sagt er. Vor allem über die Beringsee, dem nördlichsten Ende des Pazifiks, sei in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viel warmes Wasser in das Nordpolarmeer eingedrungen – eine Spätfolge des Wetterphänomens El Niño, das zuletzt 2015 weltweit das Wetter durcheinanderbrachte. Allerdings befürchtet auch Haas, dass die Arktis in 30 bis 50 Jahren im Sommer eisfrei sein könnte, wenn nichts geschieht.   

Und vermutlich wird nichts geschehen. "Derzeit ist politisch nicht abzusehen, dass wir die Zwei-Grad-Marke einhalten", kritisiert Mojib Latif. Die Menschheit sei derzeit auf Kurs für mehr als drei Grad Celsius Erwärmung bis 2100 im Vergleich zum Niveau von vor der Industrialisierung. Dabei garantiert nicht einmal die Begrenzung der Klimaerhitzung auf durchschnittlich 2 Grad, das gefährliche Verwerfungen im weltweiten Wettersystem ausbleiben. Latif: "Dafür wäre eine Begrenzung auf 1,5 Grad notwendig." Das ist nicht mehr einzuhalten.

Joe Raedle/Getty Images
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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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