Sie verlieren die Orientierung, ihre Lernfähigkeit leidet, sie sterben früher, wenn sie mit diesen Insektiziden in Kontakt kommen: Dass Neonicotinoide den Wild- und Honigbienen schaden, hatten wissenschaftliche Studien mehrfach vermuten lassen. Besonders fatal: Weil diese Stoffe aus den Pflanzenschutzmitteln ähnlich wie Nikotin auf Rezeptoren im Gehirn eines süchtigen Rauchers auf das Nervensystem der Bienen wirken, scheinen die Insekten Pflanzen, die damit besprüht wurden, bevorzugt anzufliegen.

Nun hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) die Gefahr, die von bestimmten Neonicotinoiden ausgeht, in einem Bericht bestätigt. Während Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) daraufhin erneut ein Freilandverbot für diese Insektizide fordert, kommt aus der Industrie Kritik an der Bewertung des Stoffes durch die EU-Behörde.

Die Behörde hatte sich vorwiegend mit den möglichen Risiken der Stoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid befasst. Für diese Schädlingsbekämpfungsmittel hatte die EU-Kommission bereits ein Freilandverbot vorgeschlagen, die Mitgliedsstaaten wollten aber für Diskussionen darüber den Efsa-Bericht abwarten.

"Neonikotinoide schaden Bienen und Hummeln. Damit muss die Freilandanwendung dieser Stoffe nun verboten werden", teilte Umweltministerin Hendricks mit. "Die EU-Mitgliedstaaten sollten über so ein Verbot bald abstimmen, und die Bundesregierung muss dann Ja sagen." Sie gehe davon aus, dass das Ja des Landwirtschaftsministers auch in einer künftigen Bundesregierung Bestand habe.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte Anfang Dezember in der ARD gesagt: Wenn sich in der Efsa-Studie herausstelle, dass die Stoffe schädlich seien, "dann müssen sie komplett verboten werden".

Auch die Grünen sehen nun die künftige Bundesregierung in der Pflicht, einem möglichen EU-Freilandverbot der drei Insektizide zuzustimmen. "Die Bienengifte müssen jetzt schleunigst vom Acker – der Frühling darf nicht noch stummer werden", sagte deren Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik, Harald Ebner, der Nachrichtenagentur dpa. "Nun gibt es auch für die Bundesregierung keine Ausrede mehr."

Kritik kam von der Firma Bayer. Das Chemie- und Pharmaunternehmen teilte mit, man sei mit den Ergebnissen der Risikobewertung für die Wirkstoffe Imidacloprid und Clothianidin grundsätzlich nicht einverstanden. Die Schlussfolgerungen stünden im Widerspruch zu anderen umfassenden wissenschaftlichen Beurteilungen zur Bienengesundheit.

Ein Verbot wird im März diskutiert

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte die EU-Mitgliedsländer dazu auf, das vorgeschlagene Verbot zu unterstützen. Das sei ein erster Schritt, "um den katastrophalen Kollaps der Bienenpopulationen aufzuhalten", teilte die Umweltschutzorganisation in Brüssel mit. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) forderte ein Verbot – "und zwar sofort".

Die Experten der Efsa mit Sitz im italienischen Parma werteten diverse wissenschaftliche Studien zu dem Thema aus. "Insgesamt wurde das Risiko für die drei bewerteten Bienentypen bestätigt", sagte der Leiter des Bereichs Pestizide der Behörde, Jose Tarazona. Untersucht wurde die Gefahr für Honig- sowie Wildbienen und Hummeln. Tarazona erklärte auch, dass verschiedene Faktoren die Risikobewertung beeinflussen – etwa, auf welchem Weg die Bienen die Schadstoffe aufnehmen.

Bereits im Dezember 2013 wurde der Einsatz von Neonicotinoiden EU-weit stark beschränkt. Auch dieser Beschluss ging auf eine Risikobewertung der Efsa zurück. Auf Basis des neuen Berichts ist nach Angaben der Kommission geplant, dass die Mitgliedsstaaten am 22. März über den Vorschlag des Freilandverbots diskutieren. Ob es dann auch schon eine Entscheidung geben wird, ist aber unklar.

In den vergangenen Jahrzehnten hatten Forscherinnen und Forscher nicht nur hierzulande, sondern weltweit einen dramatischen Rückgang der Bienenvölker verzeichnet. Neben Insektiziden gefährden Parasiten und möglicherweise auch genetisch veränderte Pflanzen die Insekten. 35 Prozent der weltweiten Anbaupflanzen werden von Bienen, Fledermäusen oder Vögeln bestäubt. Die Bienen sind dabei die wichtigsten Bestäuber. Fallen sie weg, hat das erhebliche Folgen für die Landwirtschaft und Welternährung.