Borneos Menschenaffen in akuter Lebensgefahr

Ihr orangefarbenes Fell und ihr rundes Gesicht machen Orang-Utans unverkennbar. Die einzige natürliche Heimat dieser friedlichen Menschenaffen: die Regenwälder auf Borneo und Sumatra, zwei der Zigtausenden Inseln des indonesischen und des malaysischen Archipels in Südostasien.  

Dass Orang-Utans gefährdet sind, ist keine Neuigkeit. Doch neue Zahlen, die Forscher jetzt im Wissenschaftsmagazin Current Biology (Voigt/Wich et al., 2018) veröffentlicht haben, zeigen: Die Lage der Menschenaffen, die zu den nächsten noch lebenden Verwandten des Menschen zählen, ist dramatisch. Mehr als die Hälfte der ohnehin schon seit Jahrzehnten geschrumpften Orang-Utan-Population auf Borneo ist demnach allein in den vergangenen 16 Jahren verschwunden. Zwischen 1999 und 2015 verringerte sich die Zahl der Tiere um 150.000. Nicht mehr als 50.000 bis 100.000 Orang-Utans sind auf Borneo übrig, schätzen die Zoologen und Ökologen, die die Zahlen erhoben haben. Die überlebenden Tiere leben in schmalen Streifen und Flecken von Wald, die auf den Inseln übrig sind.

Die Ursachen: Abholzung, Palmölanbau und Wilderei

Der Mensch selbst ist es, der den Lebensraum der Orang-Utans am stärksten zerstört. Er hat auf Sumatra fast den gesamten Regenwald vernichtet – auf Borneo ist mehr als Hälfte der Wälder durch Abholzung und Waldbrände verloren. Orang-Utans leben auf Bäumen, bauen sich Nester in den Kronen, fressen Blätter und Früchte. Ohne den Wald, können diese Primaten, deren Name in der Sprache der Ureinwohner "Waldmensch" bedeutet, nicht überleben. Übrigens sind sie nicht die einzigen vom Artensterben betroffenen Tiere auf den Inseln Borneo und Sumatra, in deren besonderem Ökosystem aus Torfmoorwäldern, Sümpfen und Meeresküsten viele seltene Spezies ihre Heimat haben.

Der Rückgang der Orang-Utans habe vor allem nicht natürliche Ursachen, sagt auch die Mitautorin der Studie, Maria Voigt vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig. So seien die meisten der Affen entweder durch Wilderer getötet worden oder dadurch, dass sie ihren Lebensraum verloren haben. Orang-Utans werden zum Teil von Bauern erschossen, weil sie die Früchte von den Feldern fressen, manche der Menschenaffen werden aber auch illegal als Haustiere gehalten und sogar geschmuggelt. In mehrere Schutzstationen auf Borneo und Sumatra leben zudem Hunderte verwaiste Orang-Utans, deren Mütter oder Familien getötet wurden. Als sozial organisierte Menschenaffen sind Orang-Utans auf den Verbund ihrer Gemeinschaft zum Überleben angewiesen.

Drei Arten – alle vom Aussterben bedroht

Ein großes Problem sei weiterhin der großflächige Palmölanbau auf Borneo. Um Monokulturen aus Ölpalmen anzulegen, werden seit Jahrzehnten Torfmoorwälder auf Borneo durch Brandrodung vernichtet oder abgeholzt – mit dramatischen Folgen auch für das Klima (ZEIT ONLINE berichtete). Den stärksten Rückgang an Orang-Utans verzeichneten solche für die Landwirtschaft umgewidmeten Flächen.

Insgesamt gibt es auf Borneo und Sumatra drei Arten von Orang-Utans, von denen eine erst im November 2017 entdeckt wurde: Die in einem entlegenen Waldstück auf Sumatra lebende Gruppe aus rund 800 Tieren bekam den Namen Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis). Neben der schon bekannten Orang-Utan-Art auf Sumatra Pongo abelii und dem Borneo-Orang-Utans Pongo pygmaeus wird auch diese Art seither auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als "vom Aussterben bedroht" geführt.

Nach Einschätzung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es die zuletzt entdeckte Art, die als Erstes wieder vom Erdball verschwinden könnte: Würden nur acht der rund 800 Tiere pro Jahr getötet oder auf andere Weise von der Population entfernt, würde die Art aussterben, so die düstere Prognose.