Sie sind nicht direkt zu spüren oder schmecken, aber manchmal gut zu sehen, wenn sie zum Beispiel als Dunstglocke über der Stadt hängen: Schadstoffe in der Luft. Jeder weiß, dass sie uns krank machen können. Die meisten haben sofort im Kopf, was die Ursache ist: zu viel Verkehr. Und dagegen wird schon einiges getan: strenge Umweltschutzauflagen für Autos, geplante Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge oder gerade die Diskussion, ob kostenlose Tickets für Bus und Bahn in Städten das Problem lindern können. Bewegen sich alle umweltfreundlicher fort, wird auch die Luftqualität besser, so die logische Folgerung. Stimmt. Nur kennen wir alle Quellen für dreckige Luft so gut, wie wir meinen?

Bisher konzentrierten sich Wissenschaftlerinnen und Forscher darauf, dass ein Großteil der Schadstoffbelastung durch Verbrennungsprozesse im Verkehr und in der Industrie entstehen. Doch mit den Versuchen diesen Anteil zu verringern, rückt eine andere Quelle in den Vordergrund: Chemieprodukte, die auf Erdöl basieren. Gemeint sind zahlreiche Produkte wie Seifen, Parfüm, Farben, Lacke, Putzmittel, Klebestoffe bis hin zu Pestiziden. Zusammen sorgen sie für weitaus mehr schlechte Luft als bislang gedacht.

VOCs, eine verkannte Gefahr?

Erstaunliche Ergebnisse dazu präsentieren Forschende der US-Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (Noaa) im Magazin Science (McDonald et al. 2018). Das Team um den Umweltwissenschaftler Brian McDonald hat Schadstoffdaten aus dem Verkehr in der US-amerikanischen Metropole Los Angeles mit Messungen aus Labortests mit chemischen Produkten verglichen. "Lotionen, Farben und andere Produkte tragen (demnach) genauso zur Luftverschmutzung bei wie der Transportsektor," sagt McDonald. Erst jetzt, wo sich viele Autos mit umweltfreundlicheren Motoren fortbewegen würden als früher, konnte das deutlich werden. Denn Messgeräte, die etwa Feinstaubbelastung in der Luft ermitteln, können zwar sehr genau feststellen, welche Partikel in der Luft schweben. Rückschlüsse darüber, woher sie stammen, lassen die Daten aber nicht zwangsläufig zu.

Viele Schadstoffe sammeln sich in der Luft, sobald etwa Diesel, Kohle oder Holz verbrennen. Zu den wichtigsten gehören Stickoxide, Ozon und Feinstaub, die auf unterschiedliche Weise entstehen. Meist ist das unerwünscht und manchmal auch nicht sofort offensichtlich. So entstehen viele schädliche Teilchen einfach auch durch mechanische Reibung, wenn sich winzige Partikel von Autoreifen lösen oder auch durchs Bremsen abgerieben werden. Oder aber sie verdampfen einfach. Wie flüchtige organische Verbindungen – die VOCs (Volatile Organic Compounds). Das sind gasförmige Kohlenstoffverbindungen, wie beispielsweise Alkohole, Terpene oder Aldehyde, die aus allen möglichen Chemieprodukten entweichen, die uns täglich im Haushalt begegnen. VOCs sind sehr reaktionsfreudig und können in vielen Gestalten durch die Luft schweben. Beispielsweise können sie mit anderen Gasen reagieren, sodass Ozon oder kleinste Feinstaubpartikel entstehen. Ihre Folgen für die Gesundheit sind längst bekannt: In hoher Konzentration reizen sie die Augen und Schleimhäute, machen müde oder verursachen Kopfschmerzen und Schwindel.

VOCs, eine verkannte Gefahr also? Tatsächlich konnten die Forscherinnen und Wissenschaftler zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Feinstaubvorboten durch Verbrennungsprozesse im Verkehr und in der Industrie entstehen. Obwohl mehr als 95 Prozent des geförderten Rohöls zu Kraftstoffen verarbeitet werden. Die Forschenden werteten unter anderem Statistiken aus der chemischen Produktion und bereits vorhandene Messungen zur Luftqualität in Gebäuden aus. Zudem erhoben sie Daten zur Qualität der Außenluft an zahlreichen Orten. So sei besonders in industrialisierten Metropolen in den USA der Anteil luftverschmutzender VOCs hoch. Schätzungsweise entweicht etwa die Hälfte der Feinstaubvorboten aus Kosmetika, Reinigungs- und Haushaltsprodukten.

Schadstoffe in Innenräumen sind das Problem

"Weil das Verkehrswesen sauberer wird, werden diese anderen Quellen immer wichtiger", sagt Hauptautor McDonald. Die VOC-Menge, die in den USA aus Konsum- und Industrieartikeln stammt, könnte nunmehr zwei- oder dreimal so hoch liegen wie bislang angenommen. Vor allem Schadstoffe in Innenräumen seien ein Problem: "Ihre Konzentrationen sind oft zehnmal so hoch wie draußen." Flüchtige chemische Produkte, die in gängigen Lösungsmitteln und Körperpflegeprodukten verwendet würden, seien zudem "buchstäblich dazu gemacht, zu verdampfen", sagte Jessica Gilman von der US-Klimabehörde Noaa, die an der Studie mitgearbeitet hat. Das gelte für viele Reinigungsmittel, Parfums und dergleichen.

Schätzungen zufolge verbringen beispielsweise die meisten Deutschen knapp 16 Stunden ihres Tages zu Hause – die Stunden, die viele im Büro verbringen, sind dabei noch nicht eingerechnet. Unter US-Amerikanern sieht das ähnlich aus (International Journal of Hygiene and Environmental Health, Brasche et al. 2005). Wie groß die Schadstoffbelastung allein durch die Anwesenheit von Wandfarben, Lacken oder Putzmitteln ist, könnte also unterschätzt werden. Zumal der Abstand zu den Schadstoffquellen geringer ist als draußen. Derzeit sieht das Umweltbundesamt für Deutschland aber keine akute Gefahr. "Üblicherweise sind die einzelnen VOC-Konzentrationen sehr gering und gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu befürchten", steht auf den Seiten des Amtes im Netz.