Die grausamen Bilder sind bekannt: Auf engstem Raum eingepferchte Nerze, Füchse, Kaninchen oder Marderhunde – gezüchtet und gehalten, nur um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen. Sie werden erschlagen, mit Elektroschocks getötet, teils bei lebendigem Leib gehäutet, wie Tierschützer etwa von Peta mit bewusst gewählten Schockbildern berichten. All diese Qualen für einen Mantel, eine Jacke oder einen schnöden Bommel an der Mütze?

Trotzdem mögen Menschen in Deutschland Pelz. Und das bedeutet nicht, dass sie lediglich das Erbstück der Oma auftragen. Eine Umfrage der Uni Ravensburg ergab 2017: Etwa ein Drittel kauft Echtpelz, obwohl die überwiegende Mehrheit Berichte über die Haltung der Tiere in Pelztierfarmen kennt. Einige vertrauen dabei nur einem Kürschner, weil ihnen ein handgemachtes Tierprodukt, das Jahrzehnte hält und vererbt wird, nachhaltiger erscheint, als alle zwei Jahre eine neue Winterjacke zu shoppen.

Und dann sind da noch diejenigen, die nicht wissen, was sie am Leib tragen. Die Debatten um Tierversuche, Massentierhaltung und Zoos oder eine wachsende Zahl an Vegetariern – all das täuscht darüber hinweg, dass hierzulande die meisten Fleisch essen. Genauso eben auch weiterhin Pelz kaufen. Der Branche jedenfalls geht es gut.

Der Fellkragen-Trend hält an

Pelzhersteller beobachten einen Trend, der nicht abreißen will: Seit etwa zehn Jahren sind ausladende Fellkrägen an Parkas für Männer, Frauen und Kinder in. Alles fake fur? Keineswegs. Das Echtfell verkauft sich, weil es schöner aussieht und sich besser anfühlt als Imitate.

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63.100.000 Nerze
wurden 2017 weltweit für Pelzprodukte getötet. (Quelle: Fur Europe)

Kleiner Wermutstropfen für die Kürschner: Nur wenige dieser Krägen hochwertiger und entsprechend gekennzeichneter Mäntel und Jacken werden tatsächlich von Handwerksbetrieben in Deutschland gefertigt – aus entsprechend zertifizierten Fellen von gesicherter Herkunft. Das meiste Fell verbraucht die Textilindustrie, die im Ausland einkauft und Kleidung auch mit Tieranteil in Billiglohnländern nähen lässt. Woher es stammt, wie die Tiere gehalten und wie ihre Felle gegerbt und verarbeitet wurden – das ist selbst für den Einkäufer meist nicht nachvollziehbar.

Denn sie wissen nicht, was sie kaufen

Der Look hält sich so hartnäckig, dass kaum eine Marke, ob günstig oder teuer, ohne den flauschigen Besatz in ihrer Kollektion auskommt. Was überrascht: Viele Kundinnen und Kunden merken nicht, wenn sie ein Tierprodukt kaufen. Auch deshalb, weil diese an und in der Kleidung häufig nicht oder missverständlich gekennzeichnet sind. Wer genau hinschaut, erkennt Echtfell daran, dass es stärker glänzt als Kunstfaser und die Haare sich leichter im Wind bewegen (einfach mal hineinpusten!). Ein Blick an die Wurzel der Haare offenbart, ob darunter Leder liegt, also gegerbte Haut vom Tier, oder ein Textilgewebe. Gewissheit kann eine Feuerprobe bringen: Wer ein paar Haare abzupft und sie anzündet, wird schnell merken, ob sie nach verbranntem Horn oder Plastik riechen, zu Asche zerfallen oder zu einem Klumpen zusammenschmelzen.

Die meisten Pelzkäuferinnen und -käufer sind jedoch keineswegs ahnungslos, sondern wollen echtes Fell. Besonders trickreich: Einige kaufen sich einen günstigen Parka mit Fellimitat, bringen den zum Kürschner und lassen dort das Kunstfell durch einen buschigen echten Fuchs ersetzen. Branchenkenner berichten, dass es dafür unter jungen Frauen und Männern gerade eine starke Nachfrage gibt. Ältere Kundinnen und Kunden, denen Qualität wichtig ist und die bereit sind, viel Geld auszugeben, würden eher direkt beim Kürschner kaufen. Oder sie gehen in Geschäfte, die nur Marken führen, deren Fellkrägen, Futter und andere tierische Bestandteile klar gekennzeichnet sind. In diesen Läden wird jedoch bei Weitem nicht die Masse der Felle verkauft, die hierzulande in den Handel kommen. Das meiste geht als Beiprodukt der Massentextilindustrie über den Ladentisch.

Die Umsätze in Europa – in zehn Jahren verdoppelt

Zwischen den Jahren 2005 und 2015 haben sich die Umsätze der europäischen Pelzbranche fast verdoppelt: Knapp sieben Milliarden US-Dollar setzte sie nach Angaben des europäischen Pelzverbands Fur Europe 2015 durch den Pelzverkauf um. 2005 waren es noch 3,6 Milliarden. Zahlen aus den vergangenen beiden Jahren liegen noch nicht vor, aber die Branche geht davon aus, dass der Umsatz ähnlich stark geblieben ist. Die Einnahmen in Deutschland sind seit den 1990ern ungefähr konstant: Sie liegen bei rund einer Milliarde Euro, wie das Deutsche Pelzinstitut erhoben hat.

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12.700.000 Fuchsfelle
wurden 2017 zu Pelz verarbeitet.

Tierfreundlichere Pelzzucht lohnt sich nicht

Die überwiegende Mehrheit von Pelz (geschätzte 85 Prozent im Jahr 2014) stammt von Tieren, die in – legalen wie illegalen – Farmen gezüchtet wurden. Weltweit wurden nach Schätzungen von Fur Europe für Pelzprodukte 2017 knapp 63,1 Millionen Nerze, 12,7 Millionen Füchse und 167.000 Marderhunde getötet. Sie machen den größten Teil der Pelztiere aus. Hinzu kommen die Felle anderer Tiere sowie Felle aus der Jagd, der Schädlingsbekämpfung und von Nutztieren.

In Deutschland regelt seit 2017 das verschärfte Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetz oder kurz: TierErzHaVerbG, wie Tiere in Pelzfarmen zu halten sind. Darin ist unter anderem festgelegt, wie viel Platz sie in einem Käfig haben müssen: Für Nerze und Iltisse sind das drei Quadratmeter. Befinden sich mehrere Tiere im Käfig, muss jedem mindestens ein Quadratmeter zur Verfügung stehen. Auch ein Schwimmbecken und ein Sandbad sind Pflicht, theoretisch. Denn offiziell ist nur noch eine Pelztierfarm hierzulande in Betrieb, die Nerze züchtet. Sie wird nach Einschätzung des Deutschen Pelzinstituts und des Deutschen Tierschutzbundes in den nächsten Jahren wohl schließen. Niemand möchte die Nachfolge antreten und hinzu kommt, dass die gesetzlich geforderten Modernisierungen die Farm unwirtschaftlich machen würden. Zwar bekamen die Farmbetreiber mehr Zeit zum Umrüsten. Bis die Frist 2022 abläuft, wird aber wohl auch die letzte deutsche Farm geschlossen haben.

Für den Rest Europas gelten – überall dort, wo nationale Gesetze nichts anderes vorschreiben (siehe Kasten) – die Empfehlungen des Europarats. Bindend sind die nicht. Sie sehen beispielsweise für Nerze eine Mindestkäfiggröße von 0,26 Quadratmetern vor. Tierschützerinnen und Tierschützer kritisieren, diese Empfehlungen würden nur den Status quo in Europa regulieren – eine tiergerechte Haltung sei in Käfigen generell unmöglich. 

Keine Biopelze, aber viele Labels

Wer sich also für einen Pelz interessiert, der von glücklichen Tieren kommt, hat es schwer. So etwas wie Biopelze gibt es nicht. Dennoch finden sich Produkte, die Label wieWe Prefur oder Friendly Fur tragen – hergestellt aus Fellen, die bei der Jagd, der Schlachtung oder der Schädlingsbekämpfung anfallen: von heimischen Rotfüchsen, Mardern, Waschbären, Lämmern, Kälbern vom Rind oder Nutrias zum Beispiel. Für solche Pelze werden also keine Tiere gezüchtet. Darüber hinaus erarbeitet die europäische Pelzbranche derzeit ein Programm namens WelFur, in dem sich Betriebe verpflichten, Auflagen zu erfüllen sowie regelmäßig kontrolliert und bewertet zu werden. Mitmachen muss aber niemand. 

Woher importiert Deutschland Pelzprodukte?

UN Comtrade Database

Das Label Origin Assured (OA) ist bisher eher der Versuch, Vertrauen zu schaffen. Es soll nachweisen, dass der jeweilige Pelz aus einem Land stammt, in dem es Tierschutzgesetze sowie staatliche Kontrollen gibt. Nur auf Auktionen gehandelte Felle dürfen dieses Label tragen. Die Vergabe wird von Tierschützerinnen und Tierschützern diverser NGOs jedoch scharf kritisiert, weil Farmen entdeckt wurden, auf denen die Haltungsbedingungen trotz OA-Labels grausam waren.

Weitere Kennzeichnungen beziehen sich auf das Herkunftsland der Pelze, darunter Kopenhagen Fur (dänische Nerze), Saga-Fur (andere skandinavische Nerze und weitere Felle), Sobol von Sojuzpushnina (russische Zobel), Sojuzpushnina (andere russische Felle), NAFA, American Legend, Blackglama oder GLMA (verschiedene amerikanische Nerze). Swiss red fox steht für Schweizer Füchse, Austrian red fox für österreichische. Der internationale Pelzverband IFF arbeitet daran, all diese Labels so zu erfassen, dass die Lieferkette nachvollzogen werden kann. Vorgeschrieben ist nichts davon. In der Regel ist nur Kleidung, die Kürschner oder spezialisierte Einzelhändler anbieten, damit versehen.

Muss immer draufstehen, dass Fell drin ist?

In einer Jacke oder einem Mantel kann auch Fell verborgen sein. Die Kennzeichnung von Kleidung regelt Artikel zwölf der EU-Textilkennzeichnungsverordnung: Besteht ein Produkt mindesten zu 80 Prozent aus Textilfasern, enthält aber Pelz, muss draufstehen: "Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs". Dieser Satz kann auch Leder, Daunen oder Knöpfe aus Horn meinen. Produkte, die zu weniger als 80 Prozent aus Textilfaser bestehen, müssen offiziell gar nicht gekennzeichnet werden – selbst wenn Pelz dabei sein sollte. Sie fallen dann nicht mehr in die Kategorie "Textilerzeugnis". Schuhe und Accessoires unterliegen generell keiner Kennzeichnungspflicht.

Die meisten großen Modeketten, die nach eigenen Angaben keinen Pelz verkaufen, haben sich dem Fur-Free-Retailer-Programm angeschlossen, darunter bekannte Marken wie Jimmy Choo, Michael Kors, H&M, Zara, The North Face, Jack Wolfskin, Esprit und viele mehr. Eine vollständige Liste der pelzfreien Unternehmen findet sich auf der Fur-Free-Webseite. Die teilnehmenden Unternehmen werden regelmäßig kontrolliert. Fell oder Leder von Nutztieren betrifft das nicht. Hier geht es nur um Tiere, wie Nerze, die wegen ihres Pelzes gezüchtet oder etwa Biber, die deswegen mit Fallen gejagt werden.

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167.000 Marderhunde
ließen 2017 ihr Leben für Pelze.

Produkte, die im Internet angeboten werden, müssen bislang überhaupt nicht gekennzeichnet werden, was ihren Echtfellanteil angeht. Hier ist lediglich geregelt, dass keine illegal gejagten, geschmuggelten und unter Artenschutz stehenden Tierarten gehandelt werden dürfen. Wer die geerbte Gepardenfelljacke oder einen Tigervorleger auf eBay anbietet, bekommt also Probleme mit dem Zoll.

Elektroschock, Kopfschuss, Tod durch Gas

Und wie sterben Tiere letztendlich, deren Felle zu Kleidung werden? In einer Europarat-Verordnung ist derzeit festgelegt, wie Pelztiere getötet werden müssen. Eine Methode ist die Tötung durch einen Stromschlag, der zum Herzstillstand führen soll. Bei Füchsen werden dafür Elektroden in den Mund und das Rektum eingeführt – so werden drei Sekunden lang 0,3 Ampere durch den Körper gejagt. Diese Methode ist erlaubt und gewährleistet, dass das Fell unverletzt bleibt. Eine andere Methode ist das Erschießen: Dabei muss das Projektil die Großhirnrinde treffen. Eine der geläufigsten Methoden ist das Töten der Tiere durch ein Gas, welches den Hirntod auslöst. Bis auf wenige Ausnahmen dürfen dabei nur Gase verwendet werden, die keine Atemnot oder Erstickungen auslösen. Die Ausnahmen sind: Kohlenstoffmonoxid und Kohlenstoffdioxid für Wiesel und Chinchillas sowie Chloroform zur Tötung von Chinchillas.

Nach dem Tod wird den Tieren das Fell abgezogen. Es wird zunächst im rohen Zustand konserviert, etwa durch Einfrieren, Salzen oder Trocknen (siehe Kasten). Auch das Fell von Tieren, das bei Schlachtung, Jagd oder Schädlingsbekämpfung anfällt, wird zunächst haltbar gemacht.

Ein Pelz vom Kürschner kann ziemlich nachhaltig sein

Für das Zurichten von Pelzen sind spezielle Betriebe zuständig. Während dieses Vorgangs werden die Rohfelle zu dauerhaften Pelzfellen gemacht. Dabei muss das Pelzleder so konserviert werden, dass das Haar stabil bleibt und nicht ausfällt. Heute wird das durch verschiedene Chemikalien gewährleistet: Verderbliche Fette und Eiweißstoffe (Enzyme, Proteine), die von Natur aus in jeder Haut vorhanden sind, werden durch konservierende Substanzen ersetzt. Das macht die Felle langlebig. Laut Kürschnerinnung braucht es 130 Arbeitsgänge, bis aus einem getrockneten Rohfell ein verarbeitungsfähiges Pelzfell entsteht. 

Kauft sich jemand einen auf diese Art hergestellten Pelzmantel und trägt diesen Jahrzehnte, lässt ihn umarbeiten und reparieren und kauft in all dieser Zeit keine anderen Winterjacken und Mäntel, kann so ein Stück eine gute Ökobilanz haben. Und es kann schonender für die Umwelt sein als die Herstellung von Kleidung aus Kunststoff oder andern Fasern.

Bleibt die Frage, wie viele Pelzträgerinnen und Pelzträger es genau so handhaben und – nach dem Kauf eines Stücks – ihren Winterkleidungskonsum so stark einschränken. Die Millionen an Echtfellkrägen jedenfalls, die derzeit an billigen und teuren Parkas durch die Einkaufspassagen geführt werden, die Bommel an den Mützen und die Futter vieler Jacken werden mit den Textilien, an die sie jemand ohne Handwerksbrief genäht hat, auf dem Müll landen. Und manches Tier wird dafür gelitten haben, ohne dass der Mensch im Parka mitbekommen hat, dass sein Kragen ein Vorleben hatte.

Grafiken: Sascha Venohr und Julian Stahnke