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Ich bin sehr beunruhigt, wie Berichte über Fledermäuse, die angeblich Viren verbreiten, in letzter Zeit reißerisch die Angst vor den Tieren schüren. Dabei sind sie für unsere Wirtschaft Milliarden von Dollar wert (Sciencemag: Boyles et al., 2011) und unentbehrlich für die Gesundheit ganzer Ökosysteme, von denen auch wir Menschen abhängig sind. Fledertiere zählen zu den am stärksten bedrohten Wildtieren auf diesem Planeten. Anders als viele Berichte suggerieren, übertragen Fledermäuse extrem selten Krankheiten auf Menschen. Statt sie zu fürchten, sollten wir uns also um ihr Überleben sorgen.

Merlin Tuttle ist ein US-amerikanischer Ökologe, Umweltschützer und Naturfotograf, der sich auf die Erforschung und den Schutz von Fledermäusen spezialisiert hat. Er gründete die NGO Merlin Tuttle’s Bat Conservation und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Texas. © Paula Tuttle/merlintuttle.org

In der Tat können Fledermäuse tödliche Krankheiten auf Menschen übertragen, etwa Tollwut und Erkrankungen mit dem Nipahvirus – wenngleich Ansteckungen überaus selten sind und leicht vermieden werden können. Die Risiken werden vielfach maßlos übertrieben in einer Gesellschaft, in der öffentlichkeitswirksame Angst Forschungsgelder eintreibt. Wobei es immer noch keine direkten Belege dafür gibt, dass Fledermäuse der Ursprung von SARS- oder Ebola-Ausbrüchen (Nature: Racey et al., 2018; Viruses: Leendertz, 2016) und  gewesen sind, obwohl das vielfach als Tatsache dargestellt wurde. Es ist Zeit, diese beängstigenden Behauptungen richtigzustellen.

Auch wenn man davon ausgeht, dass in den vergangen 40 Jahren alle Todesfälle infolge plötzlich auftretender, sich ausbreitender Krankheiten auf Fledermäuse zurückzuführen sind – etwa Hendra, Nipah, Ebola, Marburg, SARS und MERS – wären das insgesamt immer noch weniger als 20.000 Tote. Zahlen, die unbedeutend sind, verglichen mit deutlich leichter zu vermeidenden Gesundheitsrisiken, wie beispielsweise Übergewicht.

Behauptungen, Fledermäuse seien die weltweit gefährlichsten Überträger tödlicher Erreger, sind falsch (Issues in Science and Technology: Tuttle, 2017). Neue Viren gibt es überall, egal wo wir hinschauen (Virology blog: Racaniello, 2013). Jüngste Berichte über Coronaviren, die in großen Mengen in Fledermäusen gefunden wurden (Virus evolution: Anthony et al., 2017), sind ohne weitere Untersuchungen bedeutungslos. Die meisten Viren sind harmlos, manche wahrscheinlich unentbehrlich für unser eigenes Überleben. Dennoch werden sie, sobald sie in Fledermäusen entdeckt werden, zu häufig und zu früh als gefährlich propagiert. Die großen Pandemien der Geschichte hatten ihren Ursprung in Vögeln, Nagetieren oder Primaten – nicht in Fledermäusen (MPH Online, 2018).

Dass Fledermäuse tödliche Erreger wie Ebola mit sich herumtragen können, ohne selbst zu erkranken, bedeutet nicht sofort, dass sie ein Reservoir für einen Ausbruch unter Menschen bilden. Als Flughunde in den Labortests mit Ebola infiziert wurden, überlebten sie, ohne krank zu werden (Viruses: Paweska et al., 2016). Aber sie verteilten das Virus auch nicht – was bedeutet, dass sie wahrscheinlich nicht ansteckend waren. Darüber hinaus gibt es keinen Beweis für Krankheitsausbrüche unter Menschen, die Fledermäuse gegessen haben oder in Städten leben, bewohnt von riesigen Fledermauskolonien. Für jeden, der nicht versucht, Fledermäuse anzufassen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sich mit etwas anzustecken, gen null.

Selten schützen Menschen die Tiere, die sie fürchten. Oft töten sie sie. Und Fledermauskolonien sind besonders empfindlich, viele der Arten schon jetzt bedroht. Wir sollten uns also lieber darüber Sorgen machen, wie sehr es uns und dem Planeten schaden könnte, wenn wir Fledermäuse und Flughunde ausrotten.