Mikroplastik ist noch so etwas wie ein zahnloser Tiger in der Umweltwissenschaft. Jeder weiß, dass die Partikel existieren, täglich gelangt ein bisschen mehr von ihnen in die Ozeane. Das kann nicht gut sein. Was die Abfallrückstände aber mit Tieren und Menschen wirklich anstellen – darüber können Forscher nur Vermutungen anstellen. Hinweise gibt es beispielsweise unter Miesmuscheln, die das aufgenommene Plastik nicht einfach wieder ausscheiden können. Es reichert sich im Körper an und kann dort Entzündungen auslösen. Darüber hinaus sind kaum konkrete Auswirkungen bekannt.

Neben den Folgen wissen Wissenschaftlerinnen bislang auch nur oberflächlich, wie Mikroplastik in die Weltmeere gelangt. Zwar gehen Forscher davon aus, dass ein Großteil des Plastiks im Ozean vom Festland kommt (Science, Jambeck et al. 2015). Die genauen Wege aus den Haushalten und der Industrie über Flüsse ins Meer sind jedoch kaum erfasst. Eine neue Studie liefert nun erstmals genauere Indizien dazu. Dabei entdeckte ein Forschungsteam, dass die Sedimente von Flüssen deutlich mehr zur Mikroplastik-Konzentration in den Meeren beitragen könnten als bisher angenommen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität in Manchester untersuchten dafür zehn britische Flüsse an 40 Messpunkten auf die mikroskopisch kleinen Partikel. Ihre Ergebnisse haben sie im Magazin Nature Geosciences veröffentlicht (Hurley et al. 2018).

Dabei entdeckte das Team gleich zwei unerwartete Dinge: Erstens fand es deutlich mehr Mikroplastik als erwartet, gerade auch im Vergleich zu anderen Messungen weltweit. Dreckiger Spitzenreiter war der Fluss Mersey in der Nähe von Manchester, wo die Werte bei bis zu 517.000 Partikeln pro Quadratmeter lagen. Nie zuvor, schreiben die Forscherinnen und Wissenschaftler, sei eine derart hohe Konzentration in einem Gewässer festgestellt worden. Zweitens sank die Mikroplastik-Konzentration nach einem Hochwasser deutlich ab. Die Strömungen spülten geschätzt 70 Prozent des Partikelmülls aus den Sedimenten der Flüsse heraus und transportierten sie so ins Meer – deutlich mehr, als bisherige Studien schätzten. Die Wissenschaftler rund um die Biologin Rachel Hurley gehen deshalb davon aus, dass auch der Anteil an Mikroplastik in den Ozeanen viel höher sein muss.

Wichtige Ergebnisse trotz Unsicherheiten

"Solche hohen Belastungen wurden bisher meist in Studien gefunden, in denen die Methodik relativ hohe Unsicherheiten beinhaltete", sagte Martin Löder von der Universität Bayreuth dem deutschen Science Media Center. Der Tierökologe war nicht an der Forschungsarbeit beteiligt und hält die Erkenntnisse für wichtig. Allerdings sei es möglich, dass die extremen Werte dieser Studie auch auf eine unsaubere Methodik zurückgeführt werden könnten. Der Vergleich mit anderen Messungen von Flüssen in anderen Ländern sei fragwürdig: Die angegebene weltweite Mikroplastik-Belastung "geht auf Studien zurück, die unterschiedlichste Publikationen in einen Topf werfen, die Teilchen mit unterschiedlichsten Methoden untersucht haben".

Die methodischen Ungenauigkeiten der Studie sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Plastikmüll und die Partikel, die von ihm übrig bleiben, die Umwelt dramatisch belasten. Für Experten ist es wahrscheinlich, dass Mikroplastik-Verschmutzungen in anderen europäischen Flüssen ähnlich hoch aussehen dürften. Mikroplastik ist zudem Teil eines größeren Problems: In jedem Ozean, Meer oder Fluss befindet sich Plastik. Meist handelt es sich dabei um größere Teile, die teilweise in riesigen Strudeln im Meer treiben, sich auf Korallenriffen festsetzen oder an Strände gespült werden. Seevögel, Meeresschildkröten, Pinguine oder Fische nehmen den Müll über die Nahrung auf. Wird es zu viel, kann der Kunststoff den Verdauungstrakt blockieren oder die Magenschleimhaut schädigen, die Tiere verhungern.

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Tüten mit Tücken

Tüten mit Tücken

Plastiktüten vermüllen Europa. Stoffbeutel oder Papiertaschen gelten als Alternativen. Doch wie ökologisch sind sie wirklich?

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Auslaufmodell kostenlose Tüte

Seit dem 1. Juli 2016 gibt es Plastiktüten kaum noch umsonst, um die Umwelt zu schonen. Mehr als 240 Unternehmen in Deutschland haben sich verpflichtet, Tüten nur gegen Gebühr abzugeben.

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Was ist das Problem?

Was ist das Problem?

Plastiktüten werden aus Polyethylen hergestellt, der Rohstoff dafür ist Erdöl. Sie halten mehrere Hundert Jahre lang. Das hat Folgen.

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Der Strand als Deponie

Der Strand als Deponie

Da sich Kunststoffe erst nach 500 Jahren zersetzen, wachsen überall Müllberge. Die Abbaustoffe belasten Böden und Gewässer.

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Sie müssen drei bis vier Mal wiederverwendet werden, um ökologisch besser zu sein als Plastiktüten. Sie sind also nicht per se besser. Ihre Zellstofffasern werden chemisch behandelt. Die Tüten müssen dick sein, um nicht zu reißen, wozu man viel Holz braucht. Weil Papier schwerer ist als Plastik, werden beim Transport mehr Emissionen freigesetzt.

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Besser als Naturfasern: Schon nach dreimaligem Wiederverwenden haben Kunststofftaschen eine bessere Umweltbilanz als Einwegtüten aus Neugranulat. Meist bestehen sie aus recyceltem Material von PET-Flaschen.

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Nicht nur wenn all diese größeren Plastikstücke zerfallen, entsteht Mikroplastik. Die Kosmetikindustrie produziert die Partikel teilweise sogar sehr gezielt. Sie finden sich beispielsweise in Cremes oder Peelings, um solchen Produkten gewisse Eigenschaften zu verleihen.

Wie feinster Sand treibt Mikroplastik durch das Wasser. In diesem Zustand nehmen selbst Kleinstlebewesen wie Plankton die Teilchen auf. Das wird wiederum von Krebsen oder Fischen gefressen. So geht es weiter die Nahrungskette entlang, bis sich Mikroplastikreste in den Körpern fast aller Meeresbewohner verteilen und am Ende auch auf unseren Tellern landen. Fest steht – wie gefährlich es auch sein mag –, Mikroplastik ist überall.

Das sagte auch Martin Wagner, Biologe an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim dem deutschen Science Media Center: "Wo wir viel Mikroplastik finden, werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch andere Schadstoffe und menschengemachte Veränderungen häufen – zum Beispiel ein Verbau der Gewässer. Die Zusammenwirkung all dieser Faktoren hat negative Auswirkungen auf die Umwelt."