Was dem Menschen die Zigarette, ist der Biene das Insektizid: Neonikotinoide wirken auf Bienen ähnlich anziehend wie Nikotin auf die Menschen. Pflanzen, die mit den Insektiziden behandelt wurden, scheinen Bienen und andere Bestäuber regelrecht anzulocken – um sie dann zu schädigen. Unter anderem wird das Nervensystem der Bienen angegriffen, wodurch ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit eingeschränkt werden (Plos One: Fischer et al., 2014). Neonikotinoide stehen unter dem Verdacht, für das Bienensterben mitverantwortlich zu sein.

Bereits seit 2013 dürfen Neonikotinoide in Europa deshalb nicht mehr bei Pflanzen eingesetzt werden, auf denen sich Bienen normalerweise niederlassen. Am heutigen Freitag hat ein EU-Ausschuss das Verbot verschärft: Der Freilandeinsatz von drei Stoffen – Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – ist künftig europaweit verboten. Nach Einschätzungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) stellen die Insektengifte auch dann ein Risiko für Bienen dar, wenn die Blüten selbst nicht damit behandelt wurden. Es reiche, wenn der Boden, auf dem sie wachsen, kontaminiert sei. Mit dem Verbot bleibt ihre Verwendung künftig auf Gewächshäuser beschränkt. "Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung, weil sie Artenvielfalt, Lebensmittelproduktion und Umwelt betrifft", sagte der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis am Freitag.

Mit dem Verbot sei das Problem aber nicht gelöst, sagen Experten. "Jetzt hat die EU wieder Millionen Euro investiert, um zu zeigen, dass Insektizide Insekten schädigen. Das wissen wir doch schon seit den Sechzigerjahren", sagt Peter Neumann, Tiermediziner und Leiter des Instituts für Bienengesundheit an der Universität Bern im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Der Erfolg eines Totalverbots von Neonikotinoiden sei fraglich, denn Bauern würden notgedrungen auf andere Methoden und Mittel ausweichen. Die nächste Generation der Pestizide stehe schon bereit.

Das sieht der britische Entomologe Dave Goulson ähnlich. Er sagte dazu kürzlich im BBC-Radio: "In den 1940er Jahren hatten wir Organochlorpestizide wie das DDT. Nach deren Verbot gab es Pestizide auf Phosphorsäurebasis. Dann kamen die Neonikotinoide. Und als Nächstes wird wieder etwas Anderes, aber ähnlich Schädliches kommen. Wenn wir diesen Kreislauf nicht unterbrechen, sehe ich keine Hoffnung, dass sich etwas für die Umwelt verbessert."

Der Verlust der Vielfalt setzt den Wildbienen zu

Um Bienen nachhaltig zu schützen, muss den Experten zufolge bei der grundlegenden Ausrichtung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion angesetzt werden. Wichtig dabei: Für Wild- und Honigbienen gelten unterschiedliche Rahmenbedingungen. Majas wilde Schwestern, etwa Hummeln, Mauerbienen, Sandbienen, Pelzbienen oder Hosenbienen, leiden am meisten unter dem Verlust der Vielfalt in unseren Landschaften. Sie leben einzeln oder in vergleichsweise kleinen Kolonien von höchstens einigen Hundert Tieren. Weltweit sind 20.000 Arten bekannt. Allein in Deutschland stehen mehr als die Hälfte der 569 Arten auf der Roten Liste.

Die Bedrohung der Wildbienen ist menschengemacht: Wir verwandeln unsere Gärten in Steinwüsten oder legen eine grüne Ödnis aus Rasen und Thujahecken an. Wir flurbereinigen Feldgehölze, fällen Bäume, begradigen Bäche und Flüsse, legen Moore trocken und pflügen Ackerrandstreifen. Blütenreiche Wiesen düngen und mähen wir, bis sich außer Löwenzahn und Gänseblümchen nichts mehr aus dem Boden wagt. Daneben überziehen wir unser Land großflächig mit Straßen, Parkplätzen, Gewerbe- und Neubaugebieten.

Insbesondere die Wildbienen trifft der Verlust geeigneter Nistmöglichkeiten und Futterpflanzen. Aber auch Honigbienen leiden unter einseitiger Ernährung, denn Pollen ist nicht gleich Pollen. Wenn die natürliche bunte Mischung durch Massentrachten wie Raps oder Sonnenblumen ersetzt wird, kann auch das die Bienen schwächen. An dieser Entwicklung ändere auch ein Verbot von Pestiziden nichts.

Momente - Bienenvölker im Biosphärenreservat Schaalsee Bienen tragen den ersten gesammelten Nektar des Jahres und Pollen in ihren Bienenstock