Es beginnt mit Orientierungslosigkeit, Atemnot und dann kommen die Krampfanfälle. In dem Moment weiß David Roberts, dass es zu spät ist. Roberts ist Tierarzt, seine Patienten sind vor allem Pinguine. Er ist Mitarbeiter von Sanccob, Südafrikas größtem und ältestem Rehabilitationszentrum für Seevögel: Seit 50 Jahren kümmern sich Tierärzte und internationale Volontäre hier im Kapstadter Vorort Table View um Pinguine, Möwen und Kaptölpel. Doch was derzeit passiert, ist selbst für Roberts und sein Team eine neue Situation: Zum ersten Mal sind Brillenpinguine nachweisbar an der Vogelgrippe und dem Virus H5N8 erkrankt.

"Seit Januar 2018 sind zehn unserer Pinguine positiv auf H5N8 getestet worden, vier davon mussten wir einschläfern, die anderen sechs sind auf unserer Isolierstation gestorben", sagt Roberts. Die Vogelgrippe wird über tierischen Kot, Speichel oder Nasensekret von Tier auf Tier oder – durch Spuren an Schuhen oder Kleidung – von Mensch auf Tier übertragen. Um den hochansteckenden Virus H5N8 nicht zu verbreiten, müssen zurzeit alle Sanccob-Besucher und -Besucherinnen beim Betreten und Verlassen des Geländes ihre Schuhe auf einer mit Desinfektionsmittel getränkten Matte abstreifen. Die Maßnahme dient zum Schutz der Vögel, denn für Menschen ist H5N8, anders als vergangene Vogelgrippevarianten, wohl nicht gefährlich; bis dato wurde weltweit keine Übertragung auf Menschen verzeichnet. Welche Vogelgrippeviren Menschen befallen, daran forschen Wissenschaftler momentan.

Sorge ja, Panik nein

Insgesamt haben Forscher in Südafrika seit Beginn des Jahres 18 Brillenpinguine in freier Wildbahn positiv auf H5N8 getestet. Wie viele Pinguine tatsächlich erkrankt sind, ist nicht exakt festzustellen. "Es ist logistisch einfach nicht möglich, jeden toten Pinguin an Südafrikas Küste zu testen", erklärt die staatliche Veterinärin Laura Roberts. Sie ruft zur Besonnenheit auf: "Es gibt zurzeit keine Anzeichen dafür, dass der Virus H5N8 einen massiven Einfluss auf die Pinguinpopulation hat, momentan gibt es für uns also keinen Grund zur Panik. Aber natürlich bereitet uns alles Sorge, was die Pinguine tötet." 

Die Sorge fußt auf einer traurigen Statistik. Um die Jahrhundertwende lebten drei bis vier Millionen Brillenpinguine an den Küsten des südlichen Afrikas, ihrem einzigen natürlichen Verbreitungsgebiet. Heute sind es nur noch rund 25.000 Brutpaare. Wie so oft ist der Mensch am Niedergang der Art beteiligt: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Eier und der Kot der Pinguine – ein beliebter Dünger – gesammelt und verkauft, inzwischen ist beides streng verboten. Heute ist Nahrungsmangel einer der Hauptgründe für die sinkende Geburtenrate: Kommerzieller Fischfang und das Abwandern von Beutefischen machen den Brillenpinguinen das Überleben schwer. 2010 verschärfte die Internationale Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (IUCN) den Status des Spheniscus demersus von bedroht (vulnerable) auf gefährdet (endangered). Kehrt sich der Trend nicht um, könnte die Art in den nächsten 20 Jahren aussterben.

Teil einer weltweiten Epidemie

Eine zusätzliche Belastung durch die Vogelgrippe kommt da besonders ungelegen. Der Ausbruch unter Afrikas Pinguinen ist Teil einer weltweiten Epidemie hochansteckender Vogelgrippeviren, die seit 2013 grassiert. Laut Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) zeichnet sich diese "zweite panzootische Welle" sowohl durch die hohe Zahl betroffener Länder und lokaler Ausbrüche als auch durch die Vielzahl an zirkulierenden Virus-Unterarten aus. Diese Faktoren erschweren die Eindämmung der Epidemie.

Der Vogelgrippevirus H5N8 verbreitete sich ab 2014 von Ostasien aus nach Europa, wo sich unter anderem in Deutschland eine große Anzahl an Geflügel und Wasservögeln infizierte. Von Europa aus gelangte der Virus vermutlich mit Zugvögeln nach Afrika und wurde im Mai 2017 erstmals im Norden Südafrikas nachgewiesen. Wie auch bei anderen Vogelgrippeviren ist vor allem Geflügel von H5N8 betroffen. "Alleine in Südafrikas Westkap-Provinz mussten in den letzten Monaten 2,7 Millionen Hühner notgeschlachtet werden, das sind 60 Prozent der Legepopulation", sagt Laura Roberts.