Sauber! Die großen deutschen Städte sind laut ihren Bewohnern heute ordentlicher als noch 2005. Das belegt eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin, die sich mit dem Trend des Litterings – dem Vermüllen des öffentlichen Raums – beschäftigt (Verband kommunaler Unternehmen: van der Meer et al., 2018, pdf). Doch mit dem guten Wetter scheint sich das Bild kurzzeitig zu wandeln: Dort, wo draußen gegrillt, gefeiert, gechillt wird, wachsen die Abfallhaufen. Warum das so ist, erklärt der experimentelle Verhaltensökonom Matthias Sutter im Interview und gibt Tipps, wie sich schlechte Gewohnheiten ändern lassen.

ZEIT ONLINE: In Deutschlands Parks wird wieder gegrillt. Entsprechend hoch türmen sich die Müllberge nicht nur in Tonnen, sondern auch auf Wiesen und Gehsteigen. Herr Sutter, Sie sind Verhaltensökonom – wie erklären Sie das?

Matthias Sutter: Grundsätzlich lassen Menschen den eigenen Müll abends nach dem Fest häufiger stehen als mitten am Tag, wenn es noch tausend andere Leute mitbekommen (FehrAdvise: Fehr et al., 2014). Außerdem gilt: Ist der öffentliche Park vollkommen sauber und liegt nichts herum, ist die Hürde, etwas wegzuschmeißen, relativ hoch. Wenn aber ohnehin schon Stühle, Grillroste und Tetra Paks herumliegen, ist sie sehr viel kleiner. Und noch niedriger ist sie, wenn es dunkel wird. Fängt einer an, rumzumüllen, ziehen andere nach; die Hemmschwelle sinkt.

ZEIT ONLINE: Wer seinen Park sauber halten will, sollte Menschen, die Abfälle liegen lassen, also gezielt ansprechen?

Sutter: Für die Sauberkeit im öffentlichen Raum ist es entscheidend, ob es so etwas wie Zivilcourage gibt. Ein einfaches Beispiel: In der Bahn legt jemand seine schmutzigen Schuhe auf den Sitz. Sagen in solch einem Fall 50 Leute sofort "Füße runter", wäre das Problem schnell gelöst. Sieht es hingegen so aus, als müssten Sie allein antreten, besteht zu einem gewissen Grad die Gefahr, attackiert zu werden, und darum verhindert niemand den Dreck. Bestenfalls ist es daher nicht nur einer, sondern gleich eine ganze Gruppe, die das Verhalten kritisiert. Leider aber kann man sich in größeren Gruppen leicht vor dieser Verantwortung drücken, weil man hofft, dass die anderen die Initiative ergreifen (Games and Economic Behavior: Hillenbrand/Winter, 2018).

Matthias Sutter ist Österreicher und Volkswirt. Er promovierte und habilitierte an der Universität Innsbruck und ist nun Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Als experimenteller Verhaltensökonom interessiert er sich für menschliches Verhalten. © Matthias Sutter

ZEIT ONLINE: Die ungespülten Tassen, die sich in der Büroküche stapeln, sind ein weiterer Fall. Gefühlt räumen immer dieselben auf, während andere ihre Tassen bloß auf die Theke stellen statt in die Spülmaschine …

Sutter: Wie im Park muss man hier mit gutem Beispiel vorangehen. Handeln, nicht meckern! Mahatma Gandhi beschreibt in einem Buch ein beeindruckendes Szenario: Auf einer Friedensdemonstration mit 5.000 Leuten sah er am Abend, dass sehr viel Müll herumlag. Statt Befehle zu erteilen, fing er einfach an, den Müll aufzusammeln. Die Leute, die mit ihm demonstriert hatten, taten daraufhin dasselbe. Wenn jemand mit gutem Beispiel vorangeht, folgen andere lieber, als den Anfang zu machen. Das gilt in der Büroküche und das gilt im Park.

ZEIT ONLINE: Ein guter Chef räumt seine Tasse also selbst weg?

Sutter: Definitiv. Was man von anderen erwartet, muss man selbst leisten. Und Menschen in einer herausgehobenen Position haben einen größeren Einfluss. Deshalb diskutieren wir häufig in der Öffentlichkeit darüber, was ein Politiker oder ein Fußballspieler "darf". Mehr Leute schauen zu, was sie tun.