232 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Appell unterzeichnet, der heute im Forschungsmagazin Science erschienen ist. In dem kurzen, aber eindrücklichen Meinungsbeitrag (Science Letters: Goulson, 2018) fordern sie die Politik weltweit auf, nach dem Vorbild der Europäischen Union den Einsatz von Neonikotinoiden einzuschränken. 

Diese Insektizide würden nachweislich nützliche Arten schädigen. Hunderte unabhängige Studien hätten gezeigt, wie schädlich die Stoffe auf Organismen wie Bienen, Wasserinsekten, Schmetterlinge oder bestimmte räuberische, aber für das ökologische Gleichgewicht wichtige Käfer wirkten.

Neonikotinoide werden synthetisch hergestellt und zählen zu den weltweit am häufigsten eingesetzten Chemikalien im Pflanzenschutz, auf Äckern, aber auch in Gärten und Parkanlagen. Häufig wird das Gift als Saatgutbeizmittel genutzt. Zudem versprühen Landwirte es im Zuge der Bewässerung auf Feldern. Als Giftgranulat für den Garteneinsatz gibt es diese Pflanzenschutzmittel ebenfalls. Mit ihnen behandelte Nutz- oder Zierpflanzen nehmen das Gift über ihre Wurzeln auf und verteilen es bis in die Stängel und Blätter.  

Auf Insekten wirken sie wie ein Nervengift, weil die Chemikalien sich an Rezeptoren von Nervenzellen binden, wo sie die Weiterleitung von Reizen stören. Allen voran bedrohen sie Bienen und Hummeln, die dazu beitragen, dass sich Nutzpflanzen vermehren, die zur Welternährung dienen. Doch auch andere Tiere sind gefährdet.

Rückstände in 75 Prozent aller Honigproben

"Weil diese Stoffe neurotoxisch sind, sind sie hochgiftig für Insekten, eine Gruppe von Organismen, zu der die Mehrzahl aller bekannten Lebewesen auf der Erde zählt", schreiben die Forscherinnen und Forscher in Science. Bis auf Kanadas Provinz Ontario hätten sämtliche Staaten außerhalb der EU es aber bisher versäumt, entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Dabei hätten sich die Gifte in der Umwelt als sehr langlebig erwiesen. "Erhebliche Rückstände finden sich regelmäßig in Böden, Wildblumen, Flüssen und Seen", schreiben die Autoren und Autorinnen. Eine kürzlich erschienene Studie habe gezeigt, dass in 75 Prozent der weltweit gesammelten Honigproben Spuren von Neonikotinoiden enthalten waren.

Die Unterzeichner des offenen Briefes betonen, der Einsatz der Chemikalien müsse auf nationaler und internationaler Ebene stark eingeschränkt werden. Für die Zulassung neuer ähnlicher Stoffe fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenfalls internationale Reglementierungen.

Erst Ende April hatten die EU-Staaten mit einer knappen Mehrheit für ein weitergehendes Freilandverbot der als bienenschädlich geltenden Neonikotinoide gestimmt. Die Stoffe dürfen demnach nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden, auf Äckern sind sie verboten. Um etwa Bienen nachhaltig zu schützen, reichen nach Ansicht vieler Forscherinnen und Forscher solche Verbote allein aber nicht aus. Zu ihrem Schutz müsse bei der grundlegenden Ausrichtung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion angesetzt werden. Wichtig dabei: Für Wild- und Honigbienen gelten unterschiedliche Rahmenbedingungen. Wildbienen trifft vor allem der Verlust geeigneter Nistmöglichkeiten und Futterpflanzen. Für Honigbienen hingegen stellen eingeschleppte Krankheiten und Parasiten wie die Varroamilbe (Varroa destructor) die größte Bedrohung dar.