Jahrzehntelang schien die Ozonschicht unaufhaltsam zu schrumpfen. Weil sie jedoch für das Leben auf der Erde unverzichtbar ist, reagierten im Jahr 1987 die Regierungen weltweit und verabschiedeten das Montreal-Protokoll, in dem sich die Staaten verpflichteten, fortan auf ozonzerstörende Chemikalien wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu verzichten. Seit 2010 ist die Herstellung der Stoffe verboten. Die Ozonschicht erholt sich daher insgesamt, auch wenn sie zwischenzeitlich ungewöhnlich dünn war, etwa im Jahr 2016.

Nun deutet eine Studie daraufhin: Die Konzentration eines FCKW namens Trichlorfluormethan (CFC-11) sinkt langsamer, als zu erwarten wäre, weil es eine bislang unbekannte, große Quelle für die Chemikalien gibt (Nature: Montzka et al. 2018). Wie die Ergebnisse einzuordnen sind und was das für die künftige Größe des Ozonslochs bedeutet, erklärt der Diplom-Physiker Jens-Uwe Grooß im Interview.

ZEIT ONLINE: Zuletzt hieß es, das Ozonloch schließe sich langsam. Forscher vermuteten, bis Mitte dieses Jahrhunderts könnte die Schutzhülle der Erde sogar wieder vollkommen intakt sein. Nun soll eine neue Studie zeigen, dass es doch länger dauern könnte – weil irgendwer seit ein paar Jahren wieder verbotene Stoffe in die Atmosphäre jagt, die der Ozonschicht schaden. Was halten Sie davon?

Grooß: In erster Linie finde ich die Ergebnisse der Studie überraschend. Die Produktion von Trichlorfluormethan (CFC-11) – das ist das Gas, um das es hier geht – ist eigentlich vor mehr als 20 Jahren verboten worden. Der Verzicht hat sehr lange und erfolgreich dafür gesorgt, dass sich das Ozonloch langsam zurückbildet. Es ist schon nachgewiesen, dass das funktioniert hat. Doch ungefähr seit 2012 gibt es anscheinend irgendwo eine neue Produktion von FCKW. Die Analysen, die Stephen Montzka und seine Kollegen dafür durchgeführt haben, halte ich für schlüssig.

Verdächtig hohe Mengen an FCKW

Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sind seit 1989 international geächtet. Viele Staaten hielten sich an den Verzicht, mittlerweile ist die Herstellung verboten. Die FCKW-Belastung in der Atmosphäre ist daher zurückgegangen. Zuletzt (rote Linie) allerdings nicht so stark, wie vorhergesagt (gestrichelte Linie).

Quelle: Nature: Montzka et al. 2018

ZEIT ONLINE: Warum vermuten die Autoren hier ein Verbrechen?

Grooß: Weil vieles darauf hindeutet, dass heimlich irgendwo noch größere Mengen an FCKW produziert werden. Zuständig für die Überwachung ist das Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Die Produktion aller ozongefährdenden Stoffe weltweit müssen dort genau gemeldet werden. Die Mitarbeiter behalten die wenigen FCKW-Quellen im Auge, die es noch auf der Erde gibt. Das sind meist sogenannte Banks, aus denen noch vereinzelt FCKW in die Atmosphäre gelangt. Dazu zählen beispielsweise alte Kühlschränke, die nicht korrekt entsorgt wurden, oder Gebäude in denen Styropor verbaut wurde und die jetzt abgerissen werden.

Jens-Uwe Grooß ist Physiker am Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. © Ralf-Uwe Limbach / Forschungszentrum Jülich

Montzka und seine Kollegen konnten die Banks als Ursache allerdings ausschließen, da es keinen Grund gibt, warum sich diese schlagartig ab 2012 vergrößert haben sollten. Da muss also jemand sein, der noch irgendwo FCKW produziert. Diese Schlussfolgerung ist meiner Ansicht nach nachvollziehbar. Ob da jemand wirklich kriminell handelt, das kann noch niemand beurteilen.

ZEIT ONLINE: Angeblich liegt die Emissionsquelle in Südostasien. Wie kommt man darauf?

Grooß: Es gibt sehr genaue Messmethoden, mit denen Wissenschaftlerinnen und Forscher weltweit seit Jahrzehnten bestimmen, wie viel FCKW vorhanden ist. Dadurch ergeben sich Muster: An manchen Orten sinken die FCKW-Werte langsamer, als sie sollten. Daraus kann man dann indirekt auf die Emissionen schließen. In diesem Fall auf gestiegene Emissionen in Südostasien.