Das Video zeigt den Verlust der Eismassen in der Antarktis von 1992 bis 2017.

Und so fasst Andrew Shepherd von der Universität Leeds, leitender Forscher des internationalen Projekts, die Ergebnisse wie folgt zusammen: "Wir haben schon lange vermutet, dass die Veränderungen des Weltklimas sich auf die Polkappen auswirken. Dank der Satelliten können wir den Eisverlust und Beitrag zum weltweiten Meeresanstieg nun mit Überzeugung verfolgen."

Bereits 2012 hatten Shepherd und sein Team modelliert, wie sich die großen Eiskomplexe in Grönland und der Antarktis verhalten (Science, 2012). Erstmals belegten sie damals: Beide Polkappen schmelzen, jene im Norden allerdings deutlich schneller als jene im Süden. Die aktuelle Studie zeige nun, "dass der Anteil des antarktischen Eisschildes am immer schneller steigenden Meeresspiegel sich in den letzten Jahren erheblich vergrößert hat", sagt Torsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Es könne sogar sein, dass die Eisverluste aus der Antarktis den globalen Meeresspiegelanstieg künftig dominieren.

"Ende der Neunzigerjahre hätten die wenigsten solch einen rapiden Anstieg des Massenverlustes in der Antarktis für möglich gehalten, da bis dato die Antarktis als sehr stabiles und aufgrund ihrer Größe auch als träges System verstanden wurde", sagt Veit Helm, der als Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut an IMBIE beteiligt ist. In den vergangenen 15 Jahren aber habe sich aufgrund der längeren Satellitenzeitreihen, neuer Sensorik sowie neuer Messverfahren der Beobachtungssysteme das Verständnis für die Prozesse erweitert. So waren für IMBIE beispielsweise Daten des europäischen Satellitenprojekts CryoSat-2 mitentscheidend, das 2010 ins All geschickt wurde.

Simulationen der Vergangenheit helfen abzuschätzen, wie schnell ein Eisrückgang in Zukunft verlaufen könnte.
Torsten Albrecht, Klimaforscher

Je belastbarer die Daten aus der Vergangenheit, desto belastbarer die Prognose. Bereits am Ende der letzten Eiszeit, als sich die Erde um mehrere Grad erwärmt hat, hatten sich Teile der damals viel ausgedehnteren Antarktis innerhalb von wenigen Jahrhunderten über 1.000 Kilometer zurückgezogen. "So schnell, dass der antarktische Eisschild für eine gewisse Zeit sogar kleiner war, als wir es heute beobachten", sagt Torsten Albrecht, der dazu mit Kolleginnen und Kollegen ebenfalls in Nature eine Studie veröffentlicht hat (Kingslake et al., 2018). Entlastet vom Gewicht des Eises jedoch hob sich die Erdkruste, die unterhalb der Antarktis liegt, wodurch sich das Eis wieder vom Landesinneren in Richtung Meer schob. "Solche Simulationen der Vergangenheit helfen dabei abzuschätzen, wie schnell ein Eisrückgang in Zukunft verlaufen – und wie schnell das Meer in Zukunft steigen könnte", erklärt der Klimaforscher.

Zwar zeigen alle vorliegenden Studien ein nahezu konsistentes Bild von der Antarktis, doch welche Faktoren wie genau auf das Eis einwirken – beispielsweise Ozeanströme, Lufttemperatur, Schneefall – und wie sich die Antarktis in den kommenden Jahrzehnten genau verändern wird, ist weiterhin ungewiss.

Was die Westantarktis vor 10.000 Jahren gerettet hat, wird ihr heute nicht helfen. Davon ist Albrechts Team überzeugt. Die von der Gruppe beschriebene Hebung des Bodens sei viel zu langsam, um einen gefährlichen Anstieg des Meeresspiegels in naher Zukunft zu verhindern. "Nur eine schnelle Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen kann dies leisten", schreiben die Forscherinnen und Forscher in einer Pressemitteilung.