Die größte Eismasse der Erde schwindet. Und die dortigen Entwicklungen werden mit darüber entscheiden, wie der Klimawandel sich künftig auswirkt. Eine nun in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Analyse zeigt, dass die Antarktis gegenwärtig bereits zu einem höheren Anstieg des Meeresspiegels beiträgt als je zuvor in den vergangenen 25 Jahren (IMBIE, 2018). Würde all das gefrorene Wasser in der Antarktis schmelzen, stiege der Meeresspiegel um rund 60 Meter an (Cryosphere: Fretwell et al., 2013). Schon ein Meter würde reichen, um große Teile der deutschen und niederländischen Küste unter Wasser zu setzen. 60 Meter wiederum ließen den Kölner Dom im Meer stehen. Keine sonderlich angenehme Vorstellung.

Klimaforscher halten es daher für unbedingt notwendig, die Dynamik der Antarktis zu verstehen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten: Wohin bewegt sich das Eis der Antarktis? Wie viel Eis schmilzt in welchem Zeitraum? Und inwiefern gleicht Neuschnee den Schwund womöglich aus? All das hat das Team der Ice Sheet Mass Balance Inter-comparison Excercise (IMBIE) nun so umfassend wie niemand zuvor untersucht. Kein anderes Projekt hat die Antarktis derzeit so gut im Blick wie die 84 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von mehr als 44 internationalen Organisationen. Mit Daten von 24 Satelliten, die sie systematisch miteinander verglichen, nahmen sie eine Rundumüberwachung des Kontinents vor.

Dass die Antarktis zu schmelzen beginnt, ist seit einigen Jahren bekannt. 2012 belegten Forscherinnen und Forscher bereits, dass der Kontinent seit Jahrzehnten bröckelt. Bisher aber hielten die Forscher die Antarktis für deutlich träger als die Arktis. Die neue Analyse deutet nun darauf hin, dass sich das vermeintlich ewige Eis auffallend rasch verflüssigt. Sie ist Teil eines ganzen Bündels an besorgniserregenden Veröffentlichungen, die sich mit vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Problemen der der Antarktis auseinandersetzen.

Die aktuelle Erkenntnis: Insgesamt ließ das schmelzende Eis den weltweiten Meeresspiegel zwischen 1992 und 2017 um 7,6 Millimeter steigen. Zwischen 1992 und 2012 verlor die Antarktis dabei jährlich 76 Milliarden Tonnen Eis, also 76 Gigatonnen; das bedeutete einen Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels von 0,2 Millimetern pro Jahr, was einem Anteil von 6 Prozent entspricht. Dann aber verdreifachte sich die Menge binnen weniger Jahre: Zwischen 2012 und 2017 lag der Schwund bei 219 Milliarden Tonnen pro Jahr, wie die IMBIE-Daten zeigen. Damit gingen jährlich 0,6 Millimeter des Meeresspiegelanstiegs, also 18 Prozent, auf die geschmolzenen Landmassen rund um den Südpol zurück. Insgesamt macht das drei Billionen Tonnen Eis, die sich im vergangenen Vierteljahrhundert verflüssigt haben.

Drei Billionen Tonnen – eine unvorstellbar hohe Zahl. Sie greifbar zu machen, ist schwierig. Josef Zens vom Geoforschungszentrum in Potsdam hat es dennoch versucht: "Ich würde das an Ihrer Stelle auf Sekunden umrechnen", sagt er. 3 Billionen Tonnen geteilt durch 25 Jahre geteilt durch 365 Tage geteilt durch 24 Stunden geteilt durch 60 Minuten geteilt durch 60 ergibt: 3.800 Tonnen Eis gehen pro Sekunde verloren. "Das sind ungefähr 150 Tanklaster", erklärt Zens, "stellen Sie sich vor, Sie würden pro Sekunde 150 solcher Laster auf der Autobahn überholen." Wer besser mit Vergleichen aus der Natur klarkommt, darf sich merken, dass das geschmolzene Eis pro Jahr zweieinhalbmal der Wassermenge im Bodensee entspricht. Wer ein Bild aus dem Sport bevorzugt, darf sich mit einem olympischen Schwimmbecken von 50 Metern Länge, 25 Metern Breite und 2 Metern Tiefe behelfen, das damit 2.275 Tonnen Eis fasst: Pro Sekunde verschwinden dann knapp mehr als anderthalb Schwimmbäder Eis.

Die größten Verluste haben die Forscherinnen und Forscher in der Westantarktis verzeichnet. Ihr Zerfall ist seit Jahren bekannt und dokumentiert. Regelmäßig sind in den Nachrichten Bilder der zersplitterten Region des Larsen-Schelfeises oder der kalbenden Thwaites- und Pine-Island-Gletschern zu sehen, "deren Kollaps unter Gletscherforschern schon als ausgemacht gilt", wie DIE ZEIT bereits 2016 berichtete. Was sich damals bereits ebenfalls abzeichnete: Auch die Ostantarktis bröckelt.

Die Satellitenauswertungen von IMBIE belegen dies. Hatte es in der Ostantarktis durch vermehrten Schneefall von 1992 bis 2012 noch einen Zuwachs der Eismasse gegeben, errechnete das Team nun einen jährlichen Verlust von 28 Milliarden Tonnen Eis für den ostantarktischen Eisschild.