Da passt doch was nicht zusammen: Zu viel Nitrat erstickt die Fische in unseren Flüssen und belastet das Grundwasser, wie Berichte zeigen. Etwa jener, welchen die EU-Umweltagentur am Dienstag vorgestellt hat. Weil die Konzentrationen ständig besorgniserregend hoch sind, hat der Europäische Gerichtshof Deutschland Ende Juni sogar verurteilt. Gleichzeitig gibt es moderne Kläranlagen und 98 Prozent unserer Badegewässer gelten als sauber (UBA, 2018). Wie geht es den Seen, Flüssen und Bächen hierzulande denn nun: gut oder schlecht?

Fest steht, dass die chemische Qualität des Wassers seit den Siebzigerjahren deutlich besser geworden ist. "Wir haben keine stinkenden Flüsse mehr und Industrieabwässer werden meist schon direkt vor Ort behandelt", sagt Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg, weil Kläranlagen ziemlich effizient filtern.

Doch noch immer fließt eine wilde Mischung aus Regenwasser und dem Abwasser von Haushalten, Straßen und Gewerbe durch unsere Kanalisation. Wenn es heftig regnet, treten nicht nur Bäche und Flüsse über die Ufer, sondern die Wassermassen sprengen auch die Kapazitäten von Kanalisation und Kläranlagen. Das Mischwasser gelangt dann häufig ungeklärt in die Gewässer; übrigens ein Grund, warum nur 32 von mehr als 2.000 offiziellen Badestellen an Flüssen liegen.

Seit den Sechzigerjahren gelangen Pestizide in die Gewässer. Sie sind ebenso problematisch wie Stickstoff aus der Landwirtschaft und Quecksilber aus der Luft, das bei der Verbrennung von Kohle und Erdöl entsteht. Das Quecksilber reichert sich in der Nahrungskette an und findet sich deutschlandweit in teils hohen Konzentrationen in Fischen und anderen Wasserlebewesen. Hinzu kommen die Rückstände von Kosmetika und Arzneimitteln sowie das allgegenwärtige Mikroplastik. Bei den Pestiziden zeige sich laut dem Fließgewässerökologen Weitere immer deutlicher, dass man nicht nur die Konzentrationen einzelner Stoffe im Auge behalten sollte, sondern auch die Wirkung von Pestizidmischungen: "Wenn wir sehr viele Pestizide in einem Gewässer haben, die einzeln betrachtet unter einem bestimmten Schwellenwert liegen, kann es trotzdem sein, dass sie in der Summe den Lebewesen im Wasser beträchtlichen Schaden zufügen." Dass die gegenüber solchen Pestizidcocktails empfindlichen Tiergruppen zurückgehen, sei klar belegt, sagt Weitere. Betroffen sind beispielweise im Wasser lebende Insektenlarven wie Steinfliegen, Eintagsfliegen oder Köcherfliegen, außerdem Flohkrebse (Science of the Total Environment: Knillmann et al., 2018).

Der Regen spült überschüssigen Stickstoff aus Gülle, Gärresten und Mineraldünger von den Feldern ins Wasser, wo die ungewollte Düngung Algen sprießen lässt. Bakterien zersetzen die Algen und verbrauchen dabei so viel Sauerstoff, dass schlimmstenfalls Fische ersticken, wie Anfang Juni im Hamburger Hafen. Schon ein paar sonnige und warme Wochen im Mai reichten aus, um die Sauerstoffwerte unter die kritische Grenze von vier Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser zu bringen. Zudem kommt es an Biogasanlagen und Güllegruben durch Lecks immer wieder zu mehr oder weniger großen Gülleunfällen. Welche dramatischen Folgen das haben kann, zeigte das durch ein abgebranntes Düngemittellager verursachte Fischsterben an der Jagst im Landkreis Schwäbisch Hall im August 2015. Damals waren durch mit Düngemitteln verunreinigtes Löschwasser tonnenweise Fische verendet und der Fluss auf Jahre geschädigt worden. 

Lebendige Gewässer: Fehlanzeige

Die chemische Belastung ist ein Grund, warum nur neun Prozent unserer Fließgewässer und 22 Prozent unserer Seen gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie in einem guten ökologischen Zustand sind. Ein weiterer: die weitgehende Zerstörung der Gewässerstrukturen (Arle et al., 2016). Wir haben Flüsse und Bäche ausgebaggert, begradigt, kanalisiert, eingedeicht und durch Stauwehre zerstückelt; Feuchtwiesen, Auen und Ufergehölze wurden trockengelegt oder entfernt. Michael Pfeiffer, Gewässerbiologe aus Freiburg, bemängelt, dass selbst kleine quellnahe Bäche teilweise so degeneriert seien, dass sie von den Anliegern nicht mehr als Bach angesehen würden, sondern vor allem als Entwässerungs- oder Straßengräben. Etwa im Glottertal im Schwarzwald, wo das steinige Bachbett der Glotter, früher die Heimat der selten gewordenen Steinkrebse, ausgebaggert wurde. Selbst in vielen Naturschutzgebieten sähe es nicht besser aus, meint Pfeiffer und erzählt: "Wenn man die Leute darauf anspricht, dann erinnern sie sich häufig: 'Stimmt, als Kinder sind wir da rumgerannt und überall waren Fische, Krebse und Muscheln.'" Heute finden Kinder dort eher Asseln und Egel.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit verschwinden so mehr und mehr Tiere und Pflanzen aus unseren Gewässern. Unter Wasser ist vielerorts eine blaue Wüste entstanden. Viele einheimische Flusskrebsbestände wie Edel-, Stein- oder Dohlenkrebs sind wohl nicht mehr zu retten. Sie werden durch die mit amerikanischen Krebsen eingeschleppte Krebspest dezimiert und von den Neubürgern aus Amerika verdrängt. Von den 89 bei uns heimischen Süßwasserfischarten stehen 45 auf der Roten Liste. Besonders betroffen sind Wanderfische, wie Lachs, Maifisch oder Huchen, denen an vielen Stellen durch Stauwehre der Weg versperrt wird. "Bei den großen Flusskraftwerken lassen sich Umgehungen wie Fischtreppen einbauen. Viel mehr Sorgen machen uns die vielen kleinen Wasserkraftwerke, etwa in Schwarzwaldbächen, die bei relativ geringem Energieertrag viel Schaden anrichten", sagt Andreas Becker, Gewässerökologe aus Wiesloch.