Der Apfel soll später braun werden, damit er nicht vorzeitig im Müll landet? Kein Problem. Ein Weizen, der gegen die Pflanzenkrankheit Mehltau immun ist? Schon erledigt. Die Sojabohne soll Öl produzieren, damit sie hohen Temperaturen standhält, ohne Transfette zu bilden? Funktioniert. Schnell und präzise, dank neuer gentechnischer Verfahren, die Crispr/Cas9, kurz Crispr, Talens oder ODM heißen (siehe Infobox). Ihr Potenzial für die Landwirtschaft ist enorm, die Technologie mächtig. Daran besteht kein Zweifel.

Keine Wissenschaftlerin und kein Wissenschaftler würden bestreiten, dass es sich bei diesen neuen Werkzeugen um Gentechnik handelt. Denn mit ihnen wird in das Erbgut von Pflanzen eingegriffen. Entscheidend jedoch ist die juristische Definition: Handelt es sich dabei um Gentechnik im Sinne des Gesetzes – also danach, wie sie in der GVO-Richtlinie 2001/18 EG beschrieben ist? 

Mehr als ein Jahr lang hat der Europäische Gerichtshof um eine Antwort gerungen. Nun haben die Richterinnen und Richter geurteilt, dass die neuen Verfahren zur Gentechnik im juristischen Sinne gehören und damit den Auflagen nach EU-Recht unterliegen. Ihre Risiken seien "vergleichbar" mit denen älterer Verfahren, die bereits unter strengen Auflagen stehen, begründete das Gericht die Entscheidung. Mit ihnen hergestellte Äpfel oder Sojabohnen müssen somit nicht nur strenge Sicherheitsprüfungen durchlaufen. Sie müssen künftig auch als gentechnisch verändert gekennzeichnet sein. 

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Es ist ein Urteil, das Gentechnikgegner begrüßen werden. Es reiht sich ein in eine europäische Tradition von richterlichen Entscheidungen, die eher von einem Misstrauen in die Wissenschaft und einer gewissen Fortschrittsangst geprägt sind als von dem Vertrauen in die Chancen neuer Technologien. Mit Verfahren wie Crispr/Cas9 wird Nutzpflanzenerbgut heute derart präzise verändert, dass man das Ergebnis als naturidentisch ansehen könnte, und es muss auch kein Erbgut anderer Arten eingepflanzt werden. Natürlich bedeutet diese hohe Präzision nicht automatisch, dass alles daran sicher ist – das stimmt. Doch die neuen Verfahren sind auch nicht unberechenbar, wie es die Richterinnen und Richter mit ihrem Urteil suggerieren. Mit der Entscheidung riskiert der EuGH eine erfolgreiche Zukunft für diese neuen Methoden. Und er verweigert der Landwirtschaft die Chance, sich binnen weniger Jahre zu verbessern, vielfältiger und sauberer zu werden. Dabei wäre dies dringend notwendig. 

Werkzeuge zu haben, mit denen sich länger haltbare Lebensmittel erzeugen lassen, damit weniger Essbares weggeworfen wird, sind unerlässlich für eine nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung. Ebenso Werkzeuge, durch die Pflanzen robuster werden. Angedacht ist etwa ein Crispr-Weizen, der extreme Trockenheit – eine Folge des Klimawandels – aushält. Auch ließen sich Mechanismen in Schädlinge einschleusen, um sie auszurotten, oder die Organismen auf den Äckern stärken, um Gifte überflüssig zu machen.

Die an Crispr geknüpften Versprechen sind nicht neu, das ist korrekt. Sie ähneln denen der alten Verfahren, die sie oftmals nicht eingelöst haben. Stattdessen haben Großkonzerne Gentechnik dazu genutzt, ihre Macht auszuweiten, Landwirtinnen und Landwirte mit patentiertem Saatgut an sich zu binden und so den Planeten felderweise mit resistenten Monokulturen zu überziehen, deren Nutzen längst fraglich ist. Allerdings ist diese Entwicklung der globalen Landwirtschaft, der Missbrauch von Machtstrukturen und die wirtschaftliche Monopolbildung nicht Schuld der Technik, sondern die ihrer Anwender und der Staaten, die ebendiese nicht klug genug reguliert haben.

Im Labor hergestellte Superpflanzen mögen die Industrialisierung der Landwirtschaft durch Monopolisten zwar begünstigt haben. Doch weil die Genschere Crispr günstig, einfach zu handhaben und präzise ist, verspricht sie neue, ungefährliche Züchtungen binnen Monaten statt Jahrzehnten. Theoretisch zumindest. Denn mit dem EuGH-Urteil ist dies praktisch deutlich schwieriger geworden.