Zu Tausenden, wenn nicht zu Hunderttausenden kriechen sie durch den Rhein und seine Auengewässer – und fressen alles auf ihrem Weg: Kalikokrebse. Flussabwärts bewegt sich die Invasion – wie viele Medien derzeit berichten – weiter Richtung Norden. Die genaue Zahl der Krebse kennt niemand. Doch um die 80 Prozent der Rheinauen seien schon befallen, warnen Biologen. Aus Nordamerika eingeschleppt, haben sich die gefräßigen Flusskrebse in den letzten Jahren massiv hierzulande ausgebreitet. Zum Leidwesen heimischer Tiere und Pflanzen. Was sie sogar für Arten an Land gefährlich macht? Das erklärt der Karlsruher Krebsexperte Alexander Herrmann. Er erforscht die Kalikokrebs-Invasion und hat Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, verdächtige Krustentiere zu melden.

ZEIT ONLINE: Herr Herrmann, Sie beobachten seit Jahren, wie sich der Kalikokrebs hierzulande über den Rhein weiter ausbreitet. Warum ist das problematisch? 

Alexander Herrmann: Krebse sind in den Kleingewässern unserer Breiten die größten wirbellosen Tiere, und deshalb ist auch ihr Einfluss groß. Der Kalikokrebs ist ursprünglich im Einzugsgebiet des Mississippi im Norden der USA beheimatet und besiedelt die äußersten Randbereiche des großen Stromes. Weil er nur in dessen verzweigten Auen seine Nische hat und alles fressen muss, was er da findet, könnte man ihn eigentlich als Versager unter den Flusskrebsen bezeichnen. Doch da er nie weiß, was er an Nahrung findet, ist er zu einem sehr effizienten Allesfresser geworden. Genau das macht ihn jetzt zu einem so erfolgreichen Eindringling in fremde Ökosysteme.

ZEIT ONLINE: Was frisst er denn alles?

Herrmann: Alles, was ihm in die Quere kommt: Amphibien, Amphibienlaich, die Kaulquappen der Amphibien, aber auch Wasserpflanzen. Tierische Nahrung liefert ihm so viel Eiweiß, dass er sich sehr schnell entwickelt und rasant wachsen kann. Die Weibchen werden bereits im ersten Jahr ihres Lebens geschlechtsreif und legen so viele Eier, dass sie pro Jahr bis zu 500 Junge hervorbringen.

Ein Kalikoweibchen bekommt bis zu 500 Nachkommen. Pro Jahr. © Alexander Herrmann

ZEIT ONLINE: Vertilgen Kalikokrebse also alles um sich herum?

Herrmann: Genau. Und zwar vom ersten Tag an. Nach dem Schlüpfen Anfang April besiedeln die Kalikojungen unsere Gewässer – zu einer Zeit, zu der auch fast alle einheimischen Amphibien laichen. Während sie heranwachsen sind also die Kaulquappen der Amphibien ebenfalls in den Auen unterwegs – viele fallen den Krebsen zum Opfer, ehe sie zu Fröschen, Kröten oder Molchen heranwachsen können. Mit den Wasserpflanzen fressen die Krebse auch den Wasserkäfern, Schnecken und Libellen ihre Nahrungsgrundlage oder gleich den ganzen Lebensraum weg. Libellen legen ihre Eier nämlich in oder auf diesen Pflanzen ab oder finden dort Deckung. Sie werden nachweislich durch den Kalikokrebs dezimiert.

Alexander Herrmann ist Projektmitarbeiter im Forschungsprojekt "Management des invasiven Kalikokrebses zum Schutz von Amphibien und Libellen in Kleingewässern" an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. © Alexander Herrmann

ZEIT ONLINE: Wie kam diese Krebsart aus Nordamerika zu uns?

Herrmann: An der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe haben die Biologen Andreas Martens, Adam Schnabler und ich eine Studie zur Kalikokrebs-Invasion durchgeführt. Wir gehen davon aus, dass die Art von kanadischen, früher bei Baden-Baden stationierten Soldaten eingeschleppt wurde. In Kanada ist der Krebs ein beliebter Angelköder und wird in Aquarien gehalten. Vermutlich wurden die Tierchen ausgesetzt, weil einige Kanadier Mitleid mit ihnen hatten, sie nicht töten wollten, sie aber auch nicht mit zurück nach Hause nehmen konnten. Immer wieder kommt es vor, dass der Mensch versehentlich oder mit Absicht Tiere oder Pflanzen in andere Länder transportiert, die sich dort wegen fehlender Feinde extrem ausbreiten können. Solche invasiven Arten werden dann in ihrer neuen Umwelt zum Problem.

ZEIT ONLINE: Warum fühlt sich ausgerechnet der Kalikokrebs bei uns denn so wohl?

Herrmann: Weil er ideale Bedingungen vorfindet. Er ist spezialisiert auf temporäre Gewässer, die gelegentlich austrocknen, so wie eben auch Nebenarme des Rheins. Um Trockenperioden zu überdauern, gräbt er sich ein und legt sich im schlammigen Untergrund eine Wohnröhre an. Am Mississippi wechseln sich Trockenheit und Hochwasser jedes Jahr ab, woran die Tiere sehr gut angepasst sind. Dank dieser Fähigkeit überleben sie auch bei uns lange Perioden in ausgetrockneten Gewässern, die vielen heimischen Arten stark zusetzen. 

ZEIT ONLINE: Wie lange kann so ein Krebs in seiner Wohnröhre überleben?

Herrmann: Das ist bislang noch nicht klar. Wir haben aber Hinweise darauf gefunden, dass er womöglich mehrere Monate eingegraben übersteht. Im vergangenen Jahr haben wir das in einem Naturschutzgewässer in der Nähe von Rastatt beobachtet. Es lag von Anfang Juni bis Mitte September trocken. Als es dann ein bisschen geregnet hat, waren die Kalikokrebse sofort wieder da. Da wir das Gewässer komplett umzäunt hatten, war damit klar: Sie sind nicht neu eingewandert. Außerdem waren sie genauso groß wie die Exemplare, die man vor der Trockenperiode beobachtet hatte, was dafür spricht, dass es dieselben waren. Ob sie in der Zeit in der Wohnröhre wenig oder gar nichts gefressen haben, wissen wir nicht.

Ein nordamerikanischer Vielfraß verbreitet sich in Deutschland

ZEIT ONLINE: Wo in Deutschland leben Kalikokrebse schon überall?

Herrmann: Von Baden-Baden aus haben sie sich den Rhein entlang schon bis nach Worms ausgebreitet. Sogar am Rheinstrand in Düsseldorf, mehr als 300 Kilometer weiter nördlich, wurde bereits die Schere eines Krebses gefunden. Ein lebendiges Exemplar haben wir dort zum Glück noch nicht entdeckt. Besonders das Oberrheintal, eine der wärmsten Regionen Deutschlands, ist ein idealer Lebensraum. Dort können sich die Flusskrebse durch die ganzen Kanäle, Schutztümpel und Altarme besonders gut ausbreiten.

ZEIT ONLINE: Hat der Einwanderer hierzulande keine Konkurrenten oder Feinde?

Herrmann: Doch, natürlich. Heimische Tiere wie Reiher, Störche oder Eisvögel fressen ihn, aber oft können sie ihn im trüben Wasser nicht erkennen. Im Rheinhauptarm gibt es außer ihm noch den Kamberkrebs, der ebenfalls aus Nordamerika stammt. Er kommt in etwa gleicher Zahl vor. Beide Arten haben sich auf verschiedene Lebensräume in den Flüssen aufgeteilt. Der Kalikokrebs mag es schlammig. Sandburgen baut man ja auch nicht mit feinen Karibiksand, sondern mit lehmigem, tonähnlichen Material, das zum Formen und Eingraben ideal ist. Der Kamberkrebs hingegen bevorzugt steinigen Untergrund. In Rheinland-Pfalz haben wir in einigen Bächen auch noch Signalkrebse gefunden, eine Flusskrebsart, ebenfalls eingeschleppt – in diesem Fall aus den USA. Rund um Berlin lebt zudem der dem Kalikokrebs ähnliche rote amerikanische Sumpfkrebs. Bis dorthin ist unser Einwanderer aber noch nicht gekommen.

Der Kalikokrebs trägt ein Haarpuschel in seinen Scheren. Daher wird er selten auch Cheerleader-Krebs genannt. © Alexander Herrmann

ZEIT ONLINE: Gibt es in Deutschland überhaupt einheimische Krebse, die nicht eingeschleppt wurden?

Herrmann: Ja, am häufigsten ist der Steinkrebs. Aber auch er ist durch die Krebspest selten geworden, genau wie auch andere heimische Flusskrebsarten. Diese Krankheit wird durch einen Pilz ausgelöst, der die Tiere in wenigen Tagen dahinrafft. Die eingeschleppten Flusskrebse können den Erreger zwar übertragen, sind aber selbst wesentlich resistenter.

ZEIT ONLINE: Und wie könnte man die letzten einheimischen Krebse vorm Kalikokrebs schützen?

Herrmann: Tatsächlich haben wir in einem Pilotprojekt ausprobiert, ob eine dichte Barriere aus Baumstämmen rund um ein Gewässer die Invasion aufhalten kann. Darüber kommen die Krebse nicht, Amphibien aber schon. Allerdings sind solche Maßnahmen pflegeaufwendig, weil die Barrieren immer wieder freigemäht, Maulwurfshügel entfernt und Wühlmauslöcher gestopft werden müssen. Aber so könnten Gewässer eventuell geschützt werden.

ZEIT ONLINE: Auch Anwohner der Auen haben Ihrem Forscherteam geholfen. Wie genau?

Herrmann: Bürgerinnen und Bürger haben Fotos von den Krebsen gemacht, die sie an Land gesehen haben, und sie uns mit der Standortinformation, mit Uhrzeit und Datum geschickt. Wir haben dann jedes Bild und jeden Datensatz genau überprüft. Nur dank dieser detaillierten Informationen, die die Leute gesammelt haben, konnten wir die Ausbreitung so genau untersuchen. Und wir sammeln weiterhin: Wer vermutet, einen Kalikokrebs entdeckt zu haben, kann uns gerne eine E-Mail schicken.