Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

Die Menschen in der Europäischen Union produzieren Berge an Kunststoffmüll: Allein im vergangenen Jahr fielen 26 Millionen Tonnen davon an. Weniger als 30 Prozent dieses Mülls werden recycelt: 39 Prozent werden verbrannt, 31 Prozent landen auf Mülldeponien. Insgesamt 150.000 bis 500.000 Tonnen Kunststoffabfälle aus der EU schwimmen wiederum jedes Jahr irgendwann in den Meeren (European Commission, 2018). Besonders fatal ist das für die Meeresbewohner: Schildkröten, Robben und Delfine verheddern sich in den Plastikträgern von Dosensixpacks. Seevögel verhungern, weil sie Plastik fälschlicherweise für Nahrung halten. Nebenbei verschmutzt Mikroplastik unsere Ozeane bis in die Tiefsee. Über die Nahrung können die kleinen Teilchen am Ende auf dem Teller und in einem nächsten Schritt im menschlichen Körper landen. Welche Folgen das für die Gesundheit hat, ist bisher unklar. Dennoch ist der Ruf von Plastik mittlerweile schlecht. Endlich.

Das hat auch die EU erkannt. Das diskutierte Strohhalmverbot war nur der Anfang. Die EU will den Plastikverbrauch in der Bevölkerung stark senken. Gleichzeitig soll Recycling zum lohnenden Geschäft werden und die Vermüllung der Meere aufhalten – so steht es zumindest in der neuen Strategie für Kunststoffe. Bis 2030 sollen demnach alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt recyclingfähig sein, der Verbrauch von Einwegkunststoffen reduziert und die absichtliche Verwendung von Mikroplastik beschränkt werden. Ein Teil der Strategie: Bioplastik.

Der Begriff Bioplastik ist im Grunde ziemlich verwirrend.
Frederik Wurm, Chemiker

Bioplastik gilt als die Alternative zu herkömmlichem Plastik. Aber was ist damit eigentlich gemeint? "Der Begriff ist im Grunde ziemlich verwirrend", sagt Frederik Wurm. Der Chemiker ist Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Polymerforschung. Dort arbeitet er unter anderem an biologisch abbaubarem Plastik. Der Begriff Bioplastik sei nicht geschützt und daher nicht eindeutig, sagt Wurm. Auf der einen Seite kann ein Kunststoff gemeint sein, der aus einem biologischen Stoff gewonnen wird. Auf der anderen Seite kann es sich dabei um einen Stoff handeln, der zwar künstlich gewonnen wird, sich aber in der Umwelt unter bestimmten Bedingungen zersetzt. "Wer an Bioplastik denkt, denkt automatisch, er tut etwas Gutes für die Umwelt", sagt der Chemiker. Das sei aber nicht automatisch der Fall. Denn Kunststoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden, seien oft genauso langlebig wie herkömmliche Kunststoffe. Landen sie in der Umwelt, verursachen sie ähnliche Probleme.

Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

Bioplastik wird in Sortieranlagen oft nicht erkannt

Wer denkt, er könne Bioplastik problemlos auf dem eigenen Komposthaufen verwerten oder in die Natur werfen, damit es sich dort zersetzt, irrt. Die Stoffe lassen sich meist nur unter spezifischem Druck und bestimmter Temperatur kompostieren, wie sie in einer professionellen Kompostieranlage gelten. Nur brauchen sie dafür länger als andere Kompostprodukte, die sich in der Regel in weniger als einem Monat zersetzen – und damit länger als für den Kompostierprozess vorgesehen.

Zudem wird Bioplastik in den Sortieranlagen oft nicht als solches erkannt. Am Ende landet das Material deshalb meist ebenso in der Müllverbrennung wie Restmüll. Es in die gelbe Tonne zu werfen, ist ebenfalls keine Lösung: Wie herkömmliches Plastik lässt sich das Material bisher nicht recyceln. "In Deutschland machen solche Stoffe meist keinen Sinn", sagt Wurm. Hier sei es oftmals besser, auf herkömmliche Kunststoffe zurückzugreifen, weil sie zumindest teilweise recycelbar sind. Die Ökobilanz eines mehrfach verwendeten Plastiks sei dann besser als die eines einmalig verwendeten Bioplastiks.

Plastikmüll - Es geht auch ohne Plastik Die Europäische Kommission will Rührstäbchen, Strohhalme und Ballonhalter verbieten. Alternativen gibt es, doch die sind nicht immer günstig. © Foto: Bart Biesemans

Auch andere Stoffe, die auf den ersten Blick umweltfreundlicher als Plastik zu sein scheinen, sind es nicht. "Es kommt eher darauf an, wie oft man ein Produkt verwendet", sagt Wurm. Eine Papiertüte zu kaufen und sie nur einmal zu benutzen, sei beispielsweise nicht besser, als eine Plastiktüte mehrmals zu verwenden. Einen Leinenbeutel müssten Verbraucher mehr als 30-mal nutzen, damit er einer Tüte aus Plastik überlegen ist. Ähnlich verhält es sich mit Alternativen wie Holzbesteck und Papptellern.

Die Unternehmen sind gefragt

Pedram Zolgadri ist Ingenieur und CEO des Start-ups Leaf Republic. Die Idee: Teller und Verpackungsmaterialien aus Laubblättern. Die Blätter stammen aus Asien, Shorea robusta heißt die Pflanze der Wahl, produziert wird in München. "Der Baum ist in Asien eine Art Unkraut und wird schon seit Jahrhunderten auch als Teller genutzt", sagt Zolgadri. Die Teller lassen sich in weniger als einem Monat kompostieren und sind somit auch für herkömmliche Kompostieranlagen geeignet. "Selbst wenn sie im Restmüll landen und verbrannt werden, stoßen sie nicht mehr CO2 aus, als die Bäume, aus denen sie hergestellt werden, vorher aus der Luft gefiltert haben", erklärt Zolgadri. Die Teller seien CO2-neutral. Nicht dazu zählt Leaf Republic allerdings die Transportemissionen, die für die Blätterlieferung aus Asien anfallen. Allerdings: "Die kommen bei importierten Plastik- und Papierprodukten ebenfalls obendrauf", sagt Zolgadri.

"Die Verbraucher wollen solche Lösungen", sagt der Geschäftsführer weiter. Und die Unternehmen ebenfalls. Ein Kunde des Start-ups, eine Lebensmittelkette, habe von Käufern erzählt, die aus Protest Plastikverpackungen im Laden liegen ließen. Das sind unnötige Kosten, "deshalb interessieren sich Unternehmen für Alternativen", sagt Zolgadri.

"Die meisten Plastikalternativen sind wenig sinnvoll"

Allerdings können auch die Produkte von Leaf Republic nicht zu neuen Tellern recycelt werden. Die Klimabilanz der Produkte dürfte besser sein als die von herkömmlichem Plastik. Es handelt sich jedoch um Einwegprodukte, die nach kurzem Gebrauch auf dem Kompost oder in der Verbrennungsanlage landen.

Der Chemiker Frederik Wurm betont, es sei vor allem wichtig, wo abbaubare Produkte eingesetzt werden. "Hier sind die Unternehmen gefragt", sagt er. "Sie müssen für jedes Produkt einzeln entscheiden, welcher Werkstoff sinnvoll ist." Lande ein Produkt letztlich mit großer Wahrscheinlichkeit im Meer, sei es sinnvoll, dieses aus einem Stoff herzustellen, der sich im Meerwasser löst. Für ein Produkt, das mit hoher Sicherheit kompostiert werde, wäre ein anderer Stoff vonnöten. Kürzlich haben Wurm und sein Team einen Überblick über verschiedene biologisch abbaubare Kunststoffe und ihr Potenzial veröffentlicht (Angewandte Chemie: Haider et al., 2018). Das Fazit: Einen Kunststoff zu finden, der sich unter jeder Umweltbedingung abbaut, sei unwahrscheinlich.

Das Umweltbundesamt steht Einwegprodukten derweil besonders kritisch gegenüber. "Die meisten Plastikalternativen schneiden in Umweltbilanzen nicht besser ab", sagt Petra Weißhaupt. Die Biotechnologin arbeitet am Umweltbundesamt im Bereich Produktverantwortung. Als biologisch abbaubar gekennzeichnete Produkte würden Menschen sogar dazu verleiten, ihren Müll in die Umwelt zu werfen. "Das eigentliche Ziel sollte sein, die Verwendung von Einwegprodukten soweit es geht zu verringern, statt Alternativen dieser Art voranzubringen", sagt Weißhaupt. Initiativen von Cafés, die selbst mitgebrachte Kaffeebecher durch Preisnachlässe honorieren, seien ein gutes Beispiel.

Die Zero-Waste-Community scheint zu wachsen. Immer mehr Menschen interessieren sich für diesen Lebensstil, bei dem es darum geht, allen voran Verpackungsmüll weitgehend zu vermeiden. Es gibt mittlerweile in mehreren Großstädten Deutschlands verpackungsfreie Läden, in denen man seine Produkte direkt in mitgebrachte Schüsseln abfüllen kann und es wiederverwertbare Strohhalme oder eben mehrfach verwendbare Becher zu kaufen gibt. Dazu passt das Fazit, das Wurm und seine Kollegen in ihrem aktuellen Artikel ziehen: Das Plastikmüllproblem lässt sich nur lösen, wenn die Menschen ihre verschwenderischen Gewohnheiten ändern.

Abfall sucht Eimer