Abertausende Kleinstpartikel von Plastik setzen sich in Eisschollen der Arktis fest, die Fischerei dringt in immer neue Gebiete vor, in entlegensten Regionen wird nach Öl gebohrt. Angesichts solcher Entwicklungen stellt sich die Frage: Gibt es sie überhaupt noch, die unberührte, reine Meeresnatur? Und wenn ja, müssten die Menschen nicht viel mehr unternehmen, um sie zu schützen? 

Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über dieses Thema nachdenken, drücken sie sich weniger poetisch aus. Sie fragen dann: Wie groß ist der Anteil der Weltmeere, den wir als marine Wildnis bezeichnen können? Ein Forscherteam um den Umweltbiologen Kendall Jones von der australischen University of Queensland und der Wildlife Conservation Society (WCS) geben in einer Studie nun eine präzise Antwort: 13,2 Prozent (Jones et al., Current Biology 2018). "Wir waren überrascht, wie wenig Meereswildnis noch übrig ist", sagt Jones. Er bemängelt, dass nur fünf Prozent dieser Regionen unter Schutz stünden.

13,2 Prozent – eine überraschend präzise Angabe für eine Region, die sämtliche Ozeane mit einschließt. Deshalb kritisieren die Methodik nun auch gleich an der Studie unbeteiligte Marinebiologen. Der Tenor: Zwar mag die Untersuchung nicht exakt sein. Aber die grundsätzliche Aussage stimme, und: Es sei wichtig, über das Thema zu diskutieren.

Für ihre Studie hatte das Team um den Biologen Jones 19 Faktoren identifiziert, mit denen Menschen in die Meeresumwelt eingreifen. Zu diesen Stressoren zählten etwa die kommerzielle Schifffahrt, der Einsatz von Düngemitteln sowie verschiedene Arten der Fischerei mit all ihren Folgen. Den Klimawandel bezogen sie nicht mit ein, dann hätten sie nämlich gar keine unberührten Gebiete mehr gefunden, sagen die Forscher.

Als Nächstes verglichen sie 16 ozeanische Gebiete, um die jeweiligen Auswirkungen der Stressoren zu überprüfen. Blieb die Auswirkung unter einem zuvor festgelegten Wert, klassifizierten die Biologen das Gebiet als marine Wildnis. Davon gibt es laut Studie im warmen Indopazifik 16 Millionen Quadratkilometer, das sind 8,6 Prozent der Oberfläche des Ozeans. Im gemäßigten südlichen Afrika seien es gerade einmal 2.000 Quadratkilometer, also etwa ein Prozent der Meeresoberfläche hier. Die meiste marine Wildnis findet sich den Angaben zufolge hingegen in der Arktis und der Antarktis sowie im Umfeld abgelegener pazifischer Überseegebiete wie Französisch-Polynesien.

Berechnung nicht überzeugend, Absicht aber nötig

"Es ist eine gute Frage, inwiefern sich Aussagen über weitgehend unerforschte Gebiete treffen lassen und inwiefern diese dann in globale Betrachtungen einbezogen werden können", kommentiert Thomas Brey die Studie. Er ist Ökologe am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und stellvertretender Direktor des Helmholtz-Instituts für Funktionelle Marine Biodiversität. Wildnis sei ein System, das sich evolutionär eingependelt habe. Verändere der Mensch es für seine eigenen Zwecke, mache er es meistens nicht besser. Im Gegenteil: Die Effekte seien oft wenig überschaubar, sagte Brey dem deutschen Science Media Center.

Trotz der grundsätzlich interessanten Fragestellung erkennt Brey einige Schwierigkeiten in der Untersuchung von Jones und seinen Kollegen. So hätten Studien dieser Komplexität, die biologische Informationen auf globalen Skalen betrachten, immer ein Datenproblem, sagt Brey. Die Daten seien unvollständig sowie ungleichmäßig über die Erde verteilt. Außerdem hätten die Forscher eine Wildnis-Definition von zehn Prozent aufgestellt. Eine willkürliche Größe, sagt Brey. Man hätte genauso gut fünf oder fünfzehn Prozent nehmen können. Dennoch kommt Brey zu dem Schluss: "Die Studie mag nicht exakt sein, aber ihre Aussage stimmt." Derartige Arbeiten seien gut für einen nachhaltigen Schutz der Meereswildnisse.

Auch die Biologin Angelika Brandt vom Frankfurter Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum äußert Zweifel. "Inhaltlich ist die Berechnung für mich nicht überzeugend", sagt sie. Die Studienautoren hätten beispielsweise behauptet, dass Wildnisgebiete eine hohe Artenvielfalt und einzigartige funktionale Merkmale besäßen. "Wie können die Autoren das denn wissen?", sagt Brandt. Denn der Mensch habe die Wildnisgebiete per Definition noch nicht gestört. Die Entnahme einer Probe sei aber eine solche Störung. Die Biologin zweifelt an, dass die Studienautoren eine hohe Biodiversität in Gebieten nachweisen konnten, in denen noch nie eine Probe entnommen wurde.

Trotzdem hält auch Brandt die Studie im Kern für sinnvoll. Denn Biodiversität unter anderem der Meere sei für das Überleben des Menschen essenziell. "Daher müssen wir auch schützen, was wir nicht kennen." Die Biologin unterstützt die Forderung, marine Wildnis in globale Umweltstrategien miteinzubeziehen. Die Studienautoren würden im Prinzip 13,2 Prozent des Meeres als Schutzgebiete vorschlagen. "Ich finde, das ist hervorragend."

Studienautor Kendall Jones warnt, die Zeit für den Schutz der Meereswildnisse werde knapp. Die Gefahr, dass Wildnis verloren ginge, würde dadurch vergrößert, dass die Menschen immer tiefer und weiter hinaus auf offener See fischen. Hinzu kämen die Folgen des Klimawandels, sagt Jones: "Dank eines wärmeren Klimas kann jetzt sogar an einigen Orten gefischt werden, die aufgrund der ganzjährigen Eisdecke vorher sicher waren." Umso wichtiger seien, so das Fazit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, internationale Umweltabkommen, um den einzigartigen Wert von Meereswildnis anzuerkennen und Ziele für ihren Erhalt zu setzen.

Mit Material von dpa.