Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe. An dieser Stelle blicken wir auf die Ozeane. Und stellen die Frage: Wo geht all das Plastik hin?

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Etwa 1600000 Quadratkilometer groß und damit viermal die Fläche Deutschlands nimmt der Great Pacific Garbage Patch ein.

Wer mit dem Schiff zwischen Hawaii und Kalifornien unterwegs ist, wird die größte Müllhalde der Welt nicht einmal sehen. Dabei breitet sich der Great Pacific Garbage Patch im Nordpazifik auf einer Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern aus (Scientific Reports: Lebreton et al., 2018). Deutschland würde viermal darin Platz finden.

Hier draußen zerreiben Salzwasser, die Sonneneinstrahlung, Wellen und Organismen allmählich das, was der Mensch wegwirft. Ein gigantischer Wasserwirbel zieht Fischernetze, Benzinkanister, Flip-Flops, Flaschen, Tüten, Spielzeug, Möbel oder den in Verruf geratenen Strohhalm in die Tiefe: Plastikmüll.

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Rund 5000000 Tonnen Plastik landeten allein im Jahr 2010 mindestens im Meer.

Im Jahr 2010 allein gelangten weltweit geschätzt zwischen fünf und 13 Millionen Tonnen davon ins Meer (Science: Jambeck et al., 2015). Doch schwimmende Müllberge oder riesige Inseln aus Plastik sucht man hier vergeblich. Wer Glück hat, begegnet einem Floß aus Kunststoffabfällen.

"Anders als viele Bilder in den Medien kolportieren, formt das Plastik hier keinen großen Teppich", sagt die Tiefseeökologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut. An der Wasseroberfläche lässt sich nicht erahnen, was sich darunter abspielt. "Dort sieht es eher aus wie in einer Plastiksuppe". Mikroplastik, also Teilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind, machen zwar nur acht Prozent der Gesamtmasse aus. Trotzdem sind fast alle der geschätzten 1,8 Billionen Plastikteilchen solche winzig kleinen Partikel (Scientific Reports: Lebreton et al., 2018).

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1800000000000 Plastikteilchen schwimmen schätzungsweise im Great Pacific Garbage Patch.

Viele dieser Teilchen sind dichter und damit schwerer als Wasser, andere weniger dicht und so verteilen sie sich in den Schichten des Ozeans kilometertief bis in die Tiefsee. "Das Allermeiste sinkt Richtung Boden", sagt Bergmann. "Derzeit wissen wir allerdings nicht, wo 99 Prozent unseres Plastikmülls in den Meeren gerade ist." Die Forscherin stieß mit ihrem Team in arktischen Gewässern zuletzt in rund 2.300 bis 5.600 Metern unter der Oberfläche auf hohe Konzentrationen an Mikroplastik, mehr als 6.000 Teilchen pro Kilogramm Meeressand (Environmental Science and Technology: Bergmann et al., 2017). Hier schwamm mehr noch als in weniger tiefen Meeresschichten.

"Die Forschung fragt sich seit zehn Jahren, wohin all das Plastik verschwindet", sagt Lars Gutow, der zusammen mit Melanie Bergmann in Bremerhaven forscht. "Die bedeutenden Senken haben wir wohl noch nicht entdeckt." Ebenso wenig könne man genau sagen, wie viele Fische im Meer leben oder wie viele es in den nächsten Jahren sein werden. Die Schätzung, dass 2050 mehr Plastik als Fische im Meer schwimmen wird, die die Ellen MacArthur Foundation 2016 (The New Plastics Economy, 2016, PDF) veröffentlichte, hält der Biologe für unsicher.

Mehr als die Hälfte der Kunststoffabfälle stammt aus nur fünf Ländern, darunter China, Indonesien und die Philippinen (Science: Jambeck et al., 2015). Das meiste schwemmen Flüsse und Gewässer ins Meer hinaus. An deren Ufern sammelt sich der Abfall auf wilden Deponien, wo Müll der Bevölkerung und aus der Industrie direkt in die Umwelt gekippt wird. In geringerem Ausmaß treiben Kläranlagen Mikroplastik ins Meer. Alles, was die Filter an Plastikfasern aus Kleidung und Teilchen aus Cremes und Shampoos nicht herausziehen können. Zusätzlich geht Müll absichtlich oder unabsichtlich von Schiffen über Bord, Fischernetze landen im Wasser oder Stürme und Fluten reißen Trümmer vom Land hinaus aufs Meer.

Die Müllstrudel der Meere

Plastikabfälle im Meer bewegen sich zu den Strömungswirbeln der Weltmeere nahe des Äquators. In ihrem Innern sammeln sich Kunstoffpartikel, sie werden spiralförmig zum Zentrum der Strudel gesogen.

1 Nordpazifischer Müllstrudel bzw. Great Pacific Garbage Patch 2 Südpazifischer Müllstrudel 3 Müllstrudel des Indischen Ozeans 4 Südatlantischer Müllstrudel 5 Nordatlantischer Müllstrudel

Die Plastikreste folgen dann den Strömungen in den Ozeanen. Diese transportieren sie in fünf Regionen, wo sie sich in Strudeln sammeln. Im Atlantik zählen Forscherinnen und Wissenschaftler zwei gigantische Müllhalden, im Indischen Ozean eine weitere und schließlich zwei noch im Pazifik, darunter im Norden die größte, den Great Pacific Garbage Patch. Ihre ungefähren Standorte kennt der Mensch dank Modellrechnungen und der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde Noaa.

Verendende Tiere und giftige Teilchen

Seit 1979 hat die Noaa mehr als 25.000 Bojen an verschiedenen Stellen ins Meer gesetzt. Kleine, schwimmende Messzentren, die ihre Position übermitteln und so zeigen, wie sich die Müllströme durch die Meere bewegen und wo sie sich weltweit zusammenrotten. Hier vermuten Wissenschaftlerinnen und Forscher den Großteil der rund 140 Millionen Tonnen Plastik, die bislang wohl im Meer gelandet sind (Plastikmüll im Meer, Geomar, 2018, PDF).

Einiges an Plastik wurde auf dem Weg zu den Strudeln aber schon verdaut. Meeressäuger und Seevögel verwechseln Plastik leicht mit Nahrung. Die Kunststoffreste machen nicht satt, aber einen vollen Magen. Viele Tiere verhungern. Und die Ecken und Kanten von Plastikteilen verletzen unter anderem den Magen und Darm von Seevögeln (Marine Ecology: Azzarello und Van Vleet, 1987). Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr um die 100.000 Meerestiere wie Wale oder Delfine und möglicherweise eine Million Seevögel an den Folgen von Plastik im Meer verenden. Genau weiß dies aber niemand. Die Zahl verletzter Lebewesen und jener, die sich in Plastik und Netzen verheddern, lässt zumindest darauf schließen (Untangeld – marine debris: Butterworth et al., 2012, PDF). 2015 verbreitete sich ein Video, das eine Schildkröte zeigte, die einen Strohhalm in ihrem Nasenloch hatte:

Wie aber mitunter unsichtbares Mikroplastik Lebewesen langfristig beeinflusst, ist unklar. Was man weiß: An den Kunststoffen lagern sich giftige Stoffe an – zusätzlich zu den Schadstoffen, die schon während ihrer Produktion entstehen können. Wie Schwämme saugen sich die Plastikteile im Meer mit Schadstoffen voll, unter anderem mit giftigen, krebserregenden Chlorverbindungen (PCB) (Marine Pollution Bulletin: Karapanagioti et al., 2011). Werden die Teile von Tieren verschluckt, geben sie die Schadstoffe wieder ab (Philosophical Transactions of the Royal Society B: Teuten et al., 2009). Die langfristigen Folgen der Plastik-Diät sind ungewiss.

Die Ozeane sind das größte Ökosystem der Erde. Was hier treibt, landet auch irgendwann wieder an Land. Der Mensch fischt im Meer und bekommt sein Plastik auch in winziger Partikelform über Fische und Meeresfrüchte zurück. Wie schädlich das ist, wissen Forscherinnen und Forscher noch nicht. Doch viel wichtiger vielleicht: Der Mensch braucht die Ozeane regelrecht zum Atmen. "Der größte Service, den uns das Meer leistet, ist der Sauerstoff, den es für uns bereitstellt", sagt die Forscherin Bergmann. Bis zu 70 Prozent seien das. Produziert wird er von Kleinstlebewesen wie Plankton, von Mikroben und Algen. Ein Grund mehr, pfleglicher und behutsamer mit diesem Ökosystem umzugehen. Und es vor Plastik und anderen Gefahren zu schützen.

Mit einem gigantischen Sieb nach Plastik fischen

Eine Aufgabe, die sich auch der 24-jährige Boyan Slat aus den Niederlanden vorgenommen hat. Als er 2011 im Griechenland-Urlaub tauchen war, soll ihm so viel Plastikmüll entgegen getrieben sein, dass er beschloss, etwas zu unternehmen. Ein Jahr später stellte er auf der Ideenkonferenz TEDx in seiner Heimatstadt Delft vor, was er sich überlegt hatte: Gigantische Wasserfilter sollen das Plastik in den Müllstrudeln abschöpfen. Das Wassersieb soll dabei Meereslebewesen sowie Algen und Mikroorganismen kaum schädigen.

Das Video von Slats Vortrag ging im Netz viral, 2013 gründete der damalige Raumfahrtingenieursstudent dann The Ocean Cleanup, sammelte über Crowdfunding umgerechnet rund zwei Millionen Euro an Spenden ein und machte sich mit Ingenieuren und Experten an die Arbeit. Anfang September soll nun der Prototyp hinaus zum Great Pacific Garbage Patch gezogen werden. Die Filter, befestigt an zwei riesigen Luftarmen, sammeln Plastikreste ein, die die Meeresströmung in sie hineintreibt. Bis in eine Tiefe von drei Metern, sodass etwa Fische darunter ungestört weiterschwimmen können.

Plastik im Meer einzusammeln ist teuer, aufwendig und ineffizient

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Rund 70 Prozent des Plastikmülls liegt wahrscheinlich schon am Meeresgrund.

Ob das riesige Wassersieb allerdings erfolgreich sein wird, ist umstritten. Forscher und Wissenschaftlerinnen befürchten, dass sich beispielsweise Plankton ebenfalls in den Netzen verfangen wird, weil die langsam treibenden Organismen nicht unter die Konstruktion gedrückt werden. Zum anderen zielt der Wasserfilter nur auf das vermutete ein Prozent Plastik ab, das an der Meeresoberfläche schwimmt. 70 Prozent liegen womöglich bereits am Meeresgrund, der Rest verteilt sich in den Wassermassen darüber oder ist gestrandet (Plastikmüll im Meer, Geomar, 2018, PDF).

Wir müssen das Müllproblem an Land lösen.
Mark Lenz, Meeresforscher am Kieler Geomar

Boyan Slat und sein Team von The Ocean Cleanup sagen, sie wollen Teil der Lösung sein. "Der beste Effekt ist, dass sie Aufmerksamkeit generieren für das Problem", sagt aber der Meeresforscher Mark Lenz vom Geomar in Kiel, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. "Die Prognose des Teams ist es, innerhalb von fünf Jahren ungefähr 35.000 Tonnen Plastikmüll einzusammeln." Eine riesige Menge, doch im Vergleich verschwindend gering: "Das sind geschätzt 0,5 Prozent des Plastiks, das pro Jahr in die Weltmeere gelangt." The Ocean Cleanup doktere an den Symptomen herum. "Wenn der Müll in der Umwelt ist, wird es sehr teuer und aufwendig, ihn zu beseitigen." Der Ocean Cleanup sei wenig effizient. Es gebe nur einen Weg, sagt Lenz: "Wir müssen das Müllproblem an Land lösen."

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Rund 8300000000 Tonnen Plastik wurden bislang weltweit hergestellt.

Weltweit wurden inzwischen wohl gut 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert (Science Advances: Geyer, 2017). Ein kleiner Teil davon wird recycelt, ein weiterer verbrannt, fast 80 Prozent landen auf Müllhalden oder in den Müllstrudeln. Und bis 2025 werde sich die Menge an Plastikmüll verdoppeln, wenn die Entsorgung und der Umgang mit Müll sich nicht verbessern (Science: Jambeck et al., 2015). Jedes Jahr wären es dann mehr als 20 Millionen Tonnen.

"Mit Recycling allein werden wir nicht aus dieser Krise kommen", sagt zudem die Tiefseeökologin Bergmann. Denn Kunststoffe können nicht beliebig oft wiederverwertet und neu verwendet werden. "Wir müssen unseren Plastikkonsum drastisch drosseln." Dazu braucht es politische Vorgaben, denn wer schon im Supermarkt Plastik vermeiden will, stößt auf ein fast unlösbares Problem. So gut wie nichts liegt hier ohne Folie oder Verpackung in den Regalen, selbst viel Obst und Gemüse ist eingetütet. Nur wer es sich leisten kann, geht auf einem Markt einkaufen.

Die Müllstrudel im Meer mögen weit weg sein und kaum sichtbar. Und gerade in Deutschland wird fleißig Abfall getrennt und recht gut entsorgt. Doch unser Umweltbewusstsein ließe sich weiter schärfen. Noch schädigt das Plastik die Ökosysteme der Ozeane und beeinflusst den Menschen kaum. Es sieht aber nicht danach aus, als würde es so bleiben. Der Verbrauch von Plastik steigt weiter an. Auch in Deutschland.

Wahr ist auch: Bislang befreite vor allem China Europa vom Plastik. Allein Deutschland wurde jedes Jahr 760.000 Tonnen Kunststoffabfall an die Volksrepublik los. Anfang des Jahres stoppte China die Einfuhr. Der Plastikmüll sei unter anderem zu dreckig, um ihn sinnvoll weiterzuverarbeiten. Nun sucht Europa andere Abnehmer. Von Asien aus landet zwar der meiste Müll im Meer. Europa hat sein Plastikproblem aber auch zum Teil dorthin verlagert. Zumindest könnte sich daran nun etwas ändern.

Vielleicht landen die Abfälle, die in Deutschland täglich in die Tonne kommen, nicht direkt im Ozean. Aber auch hierzulande tragen Menschen dazu bei, was schließlich in den Tiefen der Meere verschwindet – und im ewigen Dunkel auf den Grund sinkt.

Abfall sucht Eimer