Es brennt, seit Tagen. Rund um Athen wüten die schlimmsten Waldbrände seit zehn Jahren. Mehr als 70 Menschen sind ums Leben gekommen. Ein erstes Feuer brach westlich der Hauptstadt nahe Kineta aus. Ein zweites nahm kurz darauf in Mati, einem Badeort nordöstlich von Athen, seinen Ausgang und verbreitete sich von dort rasend schnell. ZEIT ONLINE hat mit Lindon Pronto gesprochen, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Freiburger Global Fire Monitoring Center ist, das seit 1998 weltweit Daten zu Waldbränden und zu Strategien der Feuerbekämpfung sammelt.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist das Ausmaß der Feuer? Und wie haben sie sich ausgebreitet?

Lindon Pronto forscht am Freiburger Global Fire Monitoring Center, einer Zweigstelle des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz. Zuvor war er Feuerwehrmann in Kalifornien. Nun sammelt er Daten zu Waldbränden weltweit und entwickelt im UN-Auftrag Strategien zur Waldbrandbekämpfung. © Lindon Pronto

Lindon Pronto: Das ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. In so einer Extremsituation müssen auch wir meist auf das zurückgreifen, was Medien oder soziale Netzwerke berichten. Die Behörden sind im Moment überwältigt – daher sind für die Öffentlichkeit viele Details noch nicht aufgearbeitet. Was wir wissen, ist aber: Es brennt am Rand von Städten und ländlichen Siedlungen – in der Fachsprache nennen wir diese Zone Wildland Urban Interface (WUI). Bei Feuern in so einer Landschaft kommt es weniger auf deren Größe an als auf ihre Geschwindigkeit. Sie war auch hier der verheerendste Faktor: Viele Menschen konnten einfach nicht rechtzeitig entkommen.

ZEIT ONLINE: Sind solche sich schnell ausbreitenden Feuer denn typisch für die Jahreszeit in Griechenland?

Pronto: Derart intensive Brände sind dort bei diesen Wetterbedingungen keine Überraschung – und in Griechenland muss man damit jedes Jahr rechnen. Was anders ist als sonst, ist, dass es in ganz Europa ein besonders trockenes Jahr war, und es ist sicherlich ungewöhnlich, dass im hohen Norden – etwa in Schweden – und sogar in Mitteleuropa, einschließlich Deutschlands, Großbritanniens und Irlands, viele und potenziell gefährliche Feuer ausbrechen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Wetterbedingungen sind entscheidend?

Pronto: Absolut. In sehr trockenen Jahren mit hohen Temperaturen ist das Risiko größer – aber der tödlichste Faktor ist der Wind. Die Ursache der Brandzündung selbst ist in der Regel jedes Jahr gleich: menschliche Unachtsamkeit, Verbrennung von Ernteresten in der Landwirtschaft, Brandstiftung. Wobei bisher noch nicht bekannt ist, was letztlich Griechenlands aktuelle Waldbrände ausgelöst hat.

ZEIT ONLINE: Klimaforscher beobachten ja schon lange, dass es in Europa durchschnittlich wärmer wird. Aber kann man auch diese Feuer jetzt auf den Klimawandel zurückführen?

Pronto: Die Feuer selbst nicht. Aber der Klimawandel beeinflusst die Rahmenbedingungen, die sowohl natürliche Blitzschlagfeuer als auch von uns Menschen verursachte Brände schwieriger beherrschbar machen.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als sei vieles wie immer – die Brände sind vorhersehbar gewesen. Wieso war man nicht besser vorbereitet?

Waldbrände in Griechenland

Pronto: Wie gefährlich solche Brände für den Menschen werden, hängt stark davon ab, auf welche Art seine Siedlungen und die Infrastruktur in die Landschaft integriert sind. In Griechenland wüten die Flammen in einem Gebiet, das dafür sehr anfällig ist. In ländlichen Regionen zum Beispiel, aus denen junge Menschen weggezogen sind, leben vor allem ältere Menschen, die sich im Katastrophenfall nicht schnell in Sicherheit bringen können. Und wo viel trockene, feueranfällige Natur und Brachflächen um die Häuser Zündstoff bieten, ist das Brandrisiko höher.

ZEIT ONLINE: Aber in Vorstädten wie Mati und Rafina haben auch reiche Athener Ferien- und Landhäuser, die jetzt in Flammen stehen ...

Pronto: Ja, wohlhabende Gruppen der Gesellschaft können es sich leisten, im Sommer aus den überfüllten, verschmutzten und zunehmend aufgeheizten Städten zu fliehen. Aber genau diese Sommerhäuser sind in entflammbare, von Sträuchern und Bäumen bewachsene Gebiete eingebettet. Die gewünschte Ästhetik und Luftqualität der Landschaft oder der Küste kann zu einer tödlichen Falle werden – ähnlich wie in den westlichen USA oder Teilen Australiens. Auch aus diesen Ländern erreichen uns immer wieder Nachrichten über verheerende Waldbrände in solchen Gegenden um die Ballungsräume.